Kruzifix in der Sixtinischen Kapelle
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Ulrich Nersinger trifft Franziskus
Ulrich Nersinger trifft Franziskus

06.09.2020

Vatikanexperte Nersinger über die Enzyklika "Fratelli Tutti" "Sie kann für die Menschheit eine Medizin werden"

"Fratelli Tutti" - "an alle Geschwister": So wird das dritte Lehrschreiben von Papst Franziskus heißen, dass er am dritten Oktober in Assisi unterschreibt. Vatikanexperte Ulrich Nersinger erwartet, dass es große Diskussionen entfachen wird.

DOMRADIO.DE: Gerüchte über eine neue Enzyklika, die gabs schon vor ein paar Wochen, überrascht dieser Schritt dann jetzt?

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte): Der Papst hat ja in der ganzen Pandemie Zeit bisher ein großes Engagement gezeigt, und ich habe immer erwartet, dass er auch einmal schriftlich dazu Stellung nimmt. Dass er das in einer Enzyklika tut, hat mich dann doch auch ein wenig überrascht. Aber es war mir klar, dass er zu dieser Problematik, zu diesem ganzen Themenbereich Stellung nehmen wird, weil er ja von Anfang an sehr, sehr viel Engagement gezeigt hat. 

DOMRADIO.DE: Sie sagen schon, dass er das in einer Enzyklika tut, das hat Sie dann schon ein bisschen überrascht. Was denken Sie denn, könnte da drin stehen? 

Nersinger: Da müssen wir jetzt unsere Fantasie ein bisschen spielen lassen. Aber ich denke, er hat ja in der ganzen Zeit auf die Solidarität unter den Menschen hingewiesen, dass man sich gegenseitig helfen muss, dass man hier Unterstützung geben muss. Und dass es einfach in vielen Punkten nicht so weitergehen kann wie bisher. Das hatte er eigentlich vorbildlich vorgelebt - manchmal sehr viel besser als in der Ortskirche, wo man das dann noch vermisst hat, wo man sich dann beschränkt hat auf das Streamen von Gottesdiensten und wo doch so einiges fehlte. Da war der Papst ein Zeichen der Hoffnung, immer wieder. Ich denke, das wird er intensivieren. Er wird wahrscheinlich auch gemerkt haben, dass in der Kirche da ein gewisses Manko war. Da, denke ich, wird sich das Ganze sehr auf Solidarität, Brüderlichkeit und Menschlichkeit fokussieren. Ich bin schon gespannt darauf. 

DOMRADIO.DE: Die dritte Enzyklika des Papstes wird das sein. Andere Lehrschreiben veröffentlicht er doch auch regelmäßig. Was ist denn da der Unterschied? Welchen Stellenwert hat diese Enzyklika? 

Nersinger: Ja, das Besondere ist natürlich auch der Ort, an dem er dieser Enzyklika unterzeichnet, wo man dann lesen wird "gegeben zu". Und das wird nicht Rom sein. Es wird nicht der Vatikan sein, sondern es wird Assisi sein. Zunächst einmal könnte man sagen: Es ist ja etwas ganz Außergewöhnliches, und das ist es auch, wenn wir, sagen wir mal, die letzten 170 Jahre zurückblicken. Es gab so etwas schon einmal.

Im Revolutionsjahr 1848 musste ja der selige Pius IX. aus Rom fliehen. Er musste ins Königreich Sizilien fliehen, und er hat dort zwei Enzykliken verfasst, eine in Gaita und eine in Neapel. Das gab es schon mal. Aber das gab es immer nur in Zeiten besonderer Bedrängnis, besonderer Bedeutung. Das haben wir ja jetzt auch. Ich denke, es kommt noch hinzu, dass natürlich Assisi gewählt worden ist, weil es ja auch die Stadt seines Namenspatrons ist und auch des Mannes, der sich für Menschlichkeit eingesetzt hat, der ja auch schon damals sehr früh ökologisch gedacht hat, der ja auch die Tierwelt und alles miteinbezogen hat. Das ist eigentlich dann, wenn man das mal genau betrachtet, eigentlich logisch, dass der Papst sich für Assisi entschieden hat. 

DOMRADIO.DE: Trotzdem: Die Unterzeichnung in Assisi ist kein üblicher Schritt, wie Sie schon erklärt haben. Ist denn auch das Thema ein sehr ungewöhnliches für eine Enzyklika? 

Nersinger: Andere Zeiten verlangen andere Themen, und ich denke, man wird auf diese Enzyklika sehr hoffen. Sie wird natürlich aber auch, denke ich, eine Diskussion in vielfacher Hinsicht entfachen. Ich glaube, es kommt auch darauf an, was der Papst sagt und wie er es sagt. Ich denke, sie kann - und ich hoffe, dass ich da nicht etwas zu schwülstig werde - auch für die Menschheit und für die Menschen eine Medizin werden. Aber der Papst wird sich auch bewusst sein, dass er diese Medizin richtig dosieren muss. Denn ich kann mir schon vorstellen, dass diese Enzyklika dann auch sehr schwer in die Diskussion kommen wird.

Das Interview führte Julia Reck.

(DR)

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