Leere Straßen in Jerusalem
Leere Straßen in Jerusalem
Simon Hammerer
Simon Hammerer
Österreichisches Hospizes zur Heiligen Familie (ÖH, l.) und der Erweiterungsbau "Casa Austria" (r.)
Österreichisches Hospizes zur Heiligen Familie (ÖH, l.) und der Erweiterungsbau "Casa Austria" (r.)
Blick über die Altstadt von Jerusalem
Blick über die Altstadt von Jerusalem
Kreuzweg in Jerusalem
Kreuzweg in Jerusalem
Menschenleere Altstadt von Jerusalem
Menschenleere Altstadt von Jerusalem

15.04.2020

Freiwilliger über das Leben in Jerusalem in der Corona-Krise Skurrile Stille und Eiermangel

Jerusalem steckt eigentlich immer im Ausnahmezustand, in der Corona-Krise aber umso mehr. Simon Hammerer ist seit letztem Sommer als Freiwilliger in der Stadt. Inzwischen ist er einer der letzten vor Ort und hat sehr ungewöhnliche Ostertage erlebt.

DOMRADIO.DE: Das Österreichisches Hospiz ist ein Gästehaus, das quasi am Anfang der Via Dolorosa ist, oder?

Simon Hammerer (Für ein Jahr lang freiwilliger Mitarbeiter im Österreichischen Hospiz in Jerusalem): Genau, mitten in der Altstadt von Jerusalem im muslimischen Viertel, genauer an der Via Dolorosa bei der dritten Station. Es ist ein österreichisches Pilgergästehaus. Es wird öfter mit einem Sterbehospiz verwechselt, was es nicht ist. Das Gästehaus für Pilger ist 1863 gegründet worden, um österreichischen Pilgern im Heiligen Land ein Gästehaus zum Einkehren und Verweilen zu bieten.

DOMRADIO.DE: Es gibt dort eine schöne Terrasse mit gutem Kaffee, oder?

Hammerer: Genau, wir haben das Wiener Caféhaus, das Café Trest mit allen österreichischen Spezialitäten von Wiener Schnitzel bis Sachertorte und Apfelstrudel sowie dem typisch österreichischen Kaffee. Es gibt eine Dachterrasse mit einem der besten Blicke über die Altstadt, mit Grabeskirche und Felsendom. Man sieht von dort aus eigentlich alles.

DOMRADIO.DE: Ihr Standort ist also quasi mitten in der Altstadt. Was ergibt sich da für ein Bild für Sie im Moment? Wie ist die Lage da?

Hammerer: Es ist sehr skurril und anders als sonst, weil es normalerweise in der Osterzeit in der Altstadt immer sehr trubelig ist. Es herrscht sonst immer ein buntes Treiben in der Altstadt und im Gästehaus. Jetzt ist es ziemlich ruhig und es huschen nur manchmal Personen durch die Altstadt.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es aus, gibt es Kontrollen oder Kontaktbeschränkungen?

Hammerer: Ja, es gibt Kontrollen vor der Altstadt, da wird sehr streng kontrolliert. Kollegen von mir wurden schon vier Mal beim Hineingehen in die Altstadt kontrolliert. Den Reisepass muss man deshalb unbedingt dabei haben. Es gibt jetzt immer mehr Restriktionen wie zum Beispiel eine Mundschutzpflicht. Israel hat jetzt angefangen, Jerusalem in Viertel einzuteilen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Man muss sich in diesem Radius aufhalten und darf nicht weit rausgehen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie kommen jetzt auch nicht mehr aus Ihrem Viertel raus ?

Hammerer: Für die essenziellen Dinge wie Lebensmitteleinkäufe oder Arztbesuche darf man noch rausgehen, sich aber sonst nur in einem Radius von 100 Metern von zu Hause entfernen. Weiter darf man sich nicht weg bewegen.

DOMRADIO.DE: Sie sind ein Jahr lang als Freiwilliger da. Letztes Jahr im Sommer sind Sie runtergeflogen. Was macht das mit Ihnen, dass Sie jetzt nicht bei Ihrer Familie sein können und in diesem Ausnahmezustand in Israel feststecken?

Hammerer: Das ist für mich persönlich eine spezielle Situation. Das Auslandsjahr an sich ohne Hotel Mama, ein Jahr weg von der Familie, auf sich selbst schauen, aber auch in der Gemeinschaft im Hospiz zu leben, ist schon eine neue Situation. Es hat die Möglichkeit gegeben, nach Hause zu fliegen. Das ist uns auch von unserem Trägerverein angeboten worden, aber nach Gesprächen mit der Familie sind wir überein gekommen, dass es keinen Sinn macht, wenn ich zu Hause bin. Ich kann hier am besten leben und arbeiten und die Zeit verbringen.

DOMRADIO.DE: Sie sind in einer spannenden und historischen Zeit an einem total spannenden Ort.

Hammerer: Ja, man erlebt das eben wie wir alle hautnah mit und ich werde das sicher nicht vergessen. Auch Ostern, das wir in den letzten Tagen gefeiert haben, ist in Jerusalem immer etwas spezielles, was ich aus Erzählungen erfahren habe. Jetzt war das nochmal anders, sehr ruhig in einem sehr kleinen Kreis, etwas, was man auch von zu Hause nicht gewohnt ist.

DOMRADIO.DE: Bei der Karfreitagsprozession ist die Stadt normalerweise so voll, dass mancher es nicht wirklich zur Via Dolorosa hingeschafft. Meldungen besagen, dass jetzt an Karfreitag zwar eine kleine Prozession von den Franziskanern stattfand, die aber nur aus vier Leuten bestand. Wie haben Sie denn den Karfreitag in der Altstadt erlebt?

Hammerer: Das war ein sehr tristes Bild. Es waren nur wenige Mitbrüder, die in zwei Metern Abstand den Kreuzweg gegangen sind. Ich habe nur mitbekommen, dass es einen großen Journalistenauflauf gab. Das hat viel Aufmerksamkeit erregt. Ansonsten war es relativ ruhig. Wir haben selbst ein Video mit dem Hospizdirektor aufgezeichnet, als er den Kreuzweg gegangen ist und haben es ausgestrahlt. Direkt auf der Via Dolorosa war ich am Karfreitag nicht.

DOMRADIO.DE: Wie sah das mit den Gottesdiensten aus? Gab es da irgendeine Möglichkeit über Ostern?

Hammerer: Wir haben vor einigen Wochen damit angefangen, die Sonntagsgottesdienste von unserer Dachterrasse mit Blick auf die Grabeskirche und Jerusalem live auf Facebook zu streamen, um den Zuschauern das Gefühl zu geben, dass sie in dieser Zeit hier in Jerusalem live dabei sind. Wir haben auch Teile zu Karsamstag online gestellt, wie zum Beispiel die Speisensegnung. Auch die Videos von Karfreitag und der Ostermesse am Sonntag haben wir online gestellt.

DOMRADIO.DE: Was bekommen Sie denn von den anderen Religionen mit? Die Juden haben ihr Pessachfest die letzten Tage gefeiert. Bekommen Sie etwas davon mit, wie andere Religionen mit der Lage umgehen?

Hammerer: Ich habe in den letzten Tagen mitbekommen, dass es für das Pessachfest eher schwierig ist, auch für die israelische Regierung, weil die Ansteckungsgefahr erhöht ist, weil es ein Familienfest ist. Eine skurrile Geschichte hat mich erreicht, dass es derzeit weniger Eier im Land gibt und deshalb schon fast eine Eiernot da war. Es werden sehr viele Speisen bei Pessach aus Eiern gemacht. Wir hatten dadurch auch Probleme, genügend Eier für das traditionell österreichische Eierpecken zu bekommen.

DOMRADIO.DE: Es gibt eine Studie, die gerade herausgekommen ist. Sie hat verglichen wie die unterschiedlichen Länder mit dem Virus umgehen. Die Studie kommt aus Hongkong und sagt, dass Deutschland auf Platz zwei steht. Also, es ist das zweitbeste Land im Hinblick auf den Schutz der Bevölkerung. Sie können sich jetzt wahrscheinlich denken, welches Land auf Platz eins steht?

Hammerer: Wahrscheinlich Israel?

DOMRADIO.DE: Genau. Ist es denn in Israel nochmal eine Nummer schlimmer als bei uns?

Hammerer: Ich habe den stetigen Vergleich mit Österreich, was ich so aus den Medien mitbekomme und natürlich auch von Deutschland. Israel hat schon ziemlich bald und früh begonnen, Reisebeschränkungen einzusetzen und das war auch für uns relativ überraschend, weil es eigentlich von einem Tag auf den anderen gekommen ist.

Für unser Gästehaus war das nicht leicht. Es hat geheißen, dass alle Einreisenden und alle israelischen Staatsbürger sich 14 Tage in Heimquarantäne begeben müssen, auch rückwirkend. Das hat uns dann auch betroffen, weil Leute aus Österreich gekommen sind, die sich dann auch in Quarantäne begeben mussten. Jetzt, aus heutiger Sicht, waren diese baldigen Einschränkungen sehr wirksam, weil es im Vergleich zu Österreich oder anderen Ländern in Israel weniger Fälle gibt.

DOMRADIO.DE: Was haben Sie denn am Anfang darüber gedacht? Haben Sie gedacht, das sei angemessen oder eher übertrieben?

Hammerer: Am Anfang ist es mir gegangen wie vielen. Ich habe gedacht, dass das gar nicht so etwas großes ist und gehypt wird. Die Meinung habe ich natürlich dann im Laufe der Zeit revidiert, weil es uns alle betrifft. Israel ist da schon stärker eingetreten und Netanjahu hat dann auch gesagt: "Wir sind im Krieg gegen den Virus." Das ist natürlich eine heftige Wortwahl. Es ist insofern schon sinnvoll, dagegen einzutreten. Die Kontrollen sind sehr rigoros und sehr streng. Das befremdet natürlich ein bisschen.

DOMRADIO.DE: Wie planen Sie denn jetzt die nächsten Wochen weiter zu machen? Man kann es ja schlecht absehen. Österreich fängt jetzt gerade an, die Beschränkungen ein bisschen zu lockern. Wissen Sie, was auf Sie jetzt zukommt?

Hammerer: Derzeit schaut es noch gar nicht nach Lockerungen aus. Eher nach strengeren Regeln, weil es in manchen Regionen und Vierteln steigende Tendenzen gibt. Zum Beispiel im ultraorthodoxen Viertel sind die Zahlen noch immer sehr hoch. Man muss dann schauen, wie sich das weiterentwickelt. Derzeit steht das Haus leer, aber wir räumen um, archivieren Sachen und arbeiten andere Sachen auf. Also wir haben noch zu tun, aber natürlich ist es schwierig, in die Zukunft zu schauen. Wann gehen wieder Flüge?

DOMRADIO.DE: Merken Sie denn einen Unterschied, wie die verschiedenen Religionen jetzt miteinander umgehen? Gibt es da eine Solidarität, die sich zeigt untereinander?

Hammerer: Mir ist es nicht so arg aufgefallen. Natürlich gibt es Solidarität im Land. Man schaut aufeinander, man hält Abstand, im muslimischen Viertel tragen die meisten auch Schutzmasken, um die anderen zu schützen. Die Zusammenarbeit unter den Religionen ist jetzt auch gehemmt, weil es außer dem Livestream keine Möglichkeit gibt zu interagieren.

DOMRADIO.DE: Was bringt Ihnen Hoffnung in dieser Situation?

Hammerer: Hoffnung bringt mir die Nachbarschaftshilfe aus Österreich, dass jetzt viele Menschen immer mehr ans Gemeinsame denken und an die Schwächeren in der Gesellschaft. Aber auch die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung. Man kann schauen, was man aus der Krise Positives mitnehmen kann. Wir haben zum Beispiel unseren Arabischkurs, den wir in Jerusalem machen auf online umgestellt. Das geht sehr gut, was man sich vorher nicht hätte vorstellen können oder gedacht hätte.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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