Coronavirus verlagert religiöses Leben in den USA ins Netz
Aktuell gibt es zahlreiche religiöse Angebote im Internet
Prof. Dr. Julia Knop
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Papst Franziskus hält während eines Sondersegens "Urbi et Orbi" eine Monstranz hoch
Papst Franziskus hält während eines Sondersegens "Urbi et Orbi" eine Monstranz hoch

30.03.2020

Corona als Chance für "Retro-Katholizismus"? "Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht"

Gestreamte Gottesdienste und Kerzen am Fenster: Religion schafft Zusammenhalt in der Corona-Krise. Das sind Notlösungen, sagt Julia Knop. Schwierig wird es, wenn die neuen Formen in ein anderes Kirchenverständnis transportiert werden. 

DOMRADIO.DE: Die Corona-Krise ist eine Herausforderung auch für die Kirche. Viele bieten Gottesdienste an, andere suchen sich andere Formen des Gebets oder der digitalen Gemeinschaft. Ermuntert diese Zeit, wenn man sieht, wie viel möglich ist?

Prof. Dr. Julia Knop (Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt): In gewisser Weise schon. Es ist natürlich eine ungeheuer bedrückende Zeit, die letztlich alle überfordert und in der alle auf sich selbst zurückverwiesen sind und experimentieren müssen. Aber es entsteht auch viel Neues.

Das finde ich ermutigend, wenn man bedenkt, dass der Glaube ja ganz fundamental von Gemeinschaft und der Katholizismus auch ganz fundamental von Zeichen lebt. Dann wird es total schwierig, wenn ich auf zwei Personen oder auf meine Hausgemeinschaft und auf das reduziert bin, was ich selber aus mir heraus aktivieren kann. Und angesichts dieser Herausforderung ist es schon toll, was gerade passiert und entsteht.

Sie haben schon die berühmte Kerze im Fenster angesprochen. Das ist ein schönes Beispiel, wie Menschen mit der Situation umgehen: Zwar hat nicht jeder einen Nachbarn gegenüber, bei dem er oder sie auch eine Kerze sieht. Aber man weiß: Viele Menschen zünden um 19 Uhr ihre Kerze an, beten vielleicht. Das Zeichen ist leicht verständlich und zugleich kann jeder es ein bisschen anders deuten. So kann ich Gemeinschaft durch analoge Gleichzeitigkeit in einem Symbol erleben.

DOMRADIO.DE:  Sie schreiben in Ihrem Artikel "der Retro-Katholizismus feiert fröhliche Urständ". Was macht Ihnen da Sorge?

Knop: Der Begriff „Retro-Katholizismus“ hat einigen Wirbel, auch Widerstände ausgelöst. Ich habe ihn verwendet, weil ich den Eindruck habe, dass neben vielem Positivem auch einige Frömmigkeitsformen wieder auftauchen, die meine Generation nur aus Erzählungen kennt – eine Sakramentsprozession durch leere Straßen etwa, an der außer Priestern nur jemand teilnimmt, der das Ganze filmt. Da werden, gewollt oder ungewollt, Kirchenbilder und ein Eucharistieverständnis inszeniert, die sich seit Jahrzehnten stark weiterentwickelt haben und nicht mehr ohne Weiteres anschlussfähig sind.

DOMRADIO.DE: Wobei es zum Beispiel die Fronleichnamsprozession ja trotzdem noch gibt, oder?

Knop: Es gibt die Fronleichnamsprozession, die allerdings auch nicht mehr so selbstverständlich ist wie früher. Aber der wichtigste Unterschied ist: Sie wird von einer Gruppe von Gläubigen getragen, ist eingebettet in eine Eucharistiefeier am Hochfest und die Leute nehmen wirklich daran teil und schauen nicht nur zu.

DOMRADIO.DE: In Krisen ist es ja häufig so, dass die Menschen sich an Rituale und Gebete klammern und da auch ihren Halt suchen. Ist es nicht auch verständlich, dass jeder seinen Zugang sucht zu seinem Ritual und seinem Zeichen?

Knop: Ja, das ist psychologisch verständlich und wichtig und stabilisierend. Aber umso wichtiger ist es doch, dass wir Zeichen und Formen finden und Angebote machen, die mit der Erfahrung der Menschen zu tun haben, die sich jetzt in der Krise befinden. Damit ihnen nicht etwas zugemutet wird, das ihnen fremd ist und zu dem sie erst eine Brücke schlagen müssen, um dort anschließen zu können.

DOMRADIO.DE: Was nicht fremd ist, sind die Übertragungen von Gottesdiensten aus den Kathedralen, aber auch aus den Pfarrkirchen. Die gibt es gerade wie Sand am Meer. Ist es für Sie schon fast zu viel des Guten, wenn man am Sonntag im Internet zwischen einigen Dutzend, vielleicht sogar hundert Gottesdiensten auswählen kann?

Knop: Es stimmt - die sozialen Medien werden gerade überschwemmt mit gestreamten Gottesdiensten. Das ist mit Sicherheit gut gemeint. Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Wir haben in Deutschland eine sehr gut aufgestellte kirchliche Fernseharbeit. Da sind Leute, die sich seit Jahren damit mit der Übertragung von Gottesdiensten beschäftigen: Wie kann das gehen? Was kann ich überhaupt übertragen? Wie verändert eine Kamera das Geschehen?

Was eben nicht passieren sollte, ist, dass eine Übertragung bloß dazu führt, dass ich einem Priester beim Zelebrieren zuschaue. Sondern ich brauche partizipative Momente, auch im TV und Internet. Auch den Gedanken der geistlichen Gemeinschaft aller, die miteinander beten, kann ich nicht nur programmatisch verkünden, sondern der muss erfahrbar werden. Und das ist digital eine riesige Herausforderung. Dafür brauche ich allerdings gerade nicht hunderte von gestreamten Gottesdiensten. Dazu reicht im Grunde ein einziger, der das aber gut und sehr bewusst einholt.

DOMRADIO.DE: Haben Sie eine Vorstellung wie das geht, die Menschen zu beteiligten? Gerade jetzt steht die zentrale Feier des Jahres bevor, die Kar- und Ostertage.

Knop: Eine konkrete Vorstellung habe ich nicht. Ich glaube, das geht allen so. Wir sind alle in einem Zustand der Überforderung und der Krise, wir müssen alle experimentieren. Wir müssen Versammlungen beschränken. Zugleich ist aber natürlich die Karwoche und auch – aber vorsichtiger als sonst – Ostern etwas, das ungeheuer gut in diese Krisenerfahrung passt. Ich glaube, wir können dieses Jahr viel besser verstehen, was Karfreitag und Karsamstag bedeuten. Wir haben die Chance, unser eigenes Leben mit diesen Ritualen, Texten und Gebeten der Kar- und Ostertage viel stärker als sonst in Verbindung zu bringen.

Aber das muss man natürlich gestalten. Da braucht es Angebote, die in den Hausgemeinschaften, in den Familien und auch für Alleinlebende funktionieren, die wirklich eine Brücke bauen zwischen den eigenen Sorgen, Verlustängsten und Abschieden und dem, was die Liturgie dazu bietet.

DOMRADIO.DE: Jetzt schreiben sie in Ihrem Artikel auch relativ deutlich "Die Theologie steht dafür ein, dass die Klage angesichts der Infektionen und Tode nicht verstummt." Was würden Sie sich denn von der Kirche wünschen? Wie sollten Angebote jetzt aussehen?

Knop: Ich glaube, wir müssen in erster Linie aus einer diakonischen Perspektive denken. Damit man wirklich trifft, was den Menschen jetzt gut tut. Nicht: "Was sollten sie brauchen wollen?", sondern: "Was brauchen sie wirklich?" Und ich denke, sie brauchen nicht die einfachen, schnellen Antworten. Keine Antworten, bei denen einen Welterklärer erst mal sagt: "So sieht das aus und das und das hat Gott damit zu tun". Das wird der Situation nicht gerecht und den Menschen auch nicht.

In der Feier auf dem Petersplatz am vergangenen Freitag hat der Papst es in seiner Predigt geschafft, die Balance zu halten: die Krise ins Wort zu bringen, zu verdeutlichen, was die Situation uns über unsere Zerbrechlichkeit zeigt und über unsere Prioritäten, dass wir wie blind durch die Zeit rasen. Aber er hat keinen Kausalzusammenhang hergestellt. Er hat nicht gesagt "und deswegen ist die Seuche da", sondern er hat das nebeneinander gestellt. Er hat gezeigt, dass wir uns im Gebet, in der Bitte, in der Klage verbinden können, ohne zu meinen, dass wir das Ganze lösen und erklären könnten.

DOMRADIO.DE: Der Papst hat nachher die Monstranz mit dem eucharistischen Brot genommen und den Segen "Urbi et orbi" über die ganze Welt gespendet auf dem Petersplatz. Das war für viele Millionen Menschen, die über die Medien dabei waren, bewegend. Ist das nicht am Ende doch auch ein perfektes Zeichen für die weltumspannende Kirche?

Knop:  Es war ein sprechendes und eindrückliches Zeichen. Der Papst ist die Figur, der die Weltkirche symbolisch repräsentieren kann. Es gibt sicher Unterschiede, wie die Menschen das wahrgenommen haben und ob da jeder andocken konnte. Es hat, glaube ich, aber bei vielen stark gewirkt. Man kann es natürlich nicht überstrapazieren. Das kann der Papst nicht jeden Freitag machen. Ein solches Symbol hat eine herausgehobene, exzeptionelle Bedeutung.

DOMRADIO.DE: Schon am Mittwoch hatte der Papst zu der Aktion "Gebetssturm" ausgerufen. Dem hatten sich viele andere Religionen auch angeschlossen und zum Mitbeten aufgerufen. Das könnte ja auch ein ermutigendes Zeichen sein, oder?

Knop: Ja, absolut. Was wir im Moment erleben, ob religiös oder nicht religiös, ist, dass es die medizinische und materielle Ebene gibt, aber auch eine psychologische und spirituelle. Dass unsere Solidarität auch diese Ebene betrifft und der Vereinzelung und den Nöten entgegenwirkt. Das ist eine ganz beeindruckende Erfahrung. Wo sonst religiöse Grenzen die Menschen auseinanderreißen und man auf konfessionelle Profile dringt, entsteht eine Gemeinschaft von Menschen, die an Gott glauben können, und auch derer, die das nicht tun.

DOMRADIO.DE: Ich verstehe Sie aber richtig, dass Sie nicht so weit gehen würden, dass diese Krise jetzt beweist, dass wir die Institution und die Art und Weise, wie Kirche funktioniert, nicht mehr brauchen und uns stattdessen lieber alle zu einer bestimmten Uhrzeit mit der Kerze am Fenster versammeln, oder?

Knop: Nein, ich glaube, es ist allen klar, dass das kreative Notlösungen in einer Ausnahmesituation sind. Allerdings ist es natürlich schon so, dass sich die institutionelle Bindung und die institutionelle Bedeutung von Kirche massiv verändert. Das ist nicht durch die Corona-Krise entstanden, sondern ein Prozess, der schon länger geht, vermutlich jetzt beschleunigt und verschärft wird.

Die kircheninternen Probleme bleiben uns auch über Corona hinaus erhalten. Die Legitimationskrise der Kirche ist ja nicht weg, weil wir jetzt ein paar Wochen nicht in den Gottesdienst gehen, sondern eine Kerze ins Fenster stellen. Was wir aber jetzt entdecken und entwickeln können und was wir auch in einer Zeit nach Corona hoffentlich weiter pflegen werden, ist eine selbstständige Form von Frömmigkeit, eine selbstbestimmte Weise, Spiritualität zu leben und aktiv mit Riten umzugehen, sie weiterzuentwickeln in die Formensprache der Menschen des 21. Jahrhunderts. Das geschieht ja schon an vielen Orten, aber ich denke, dass wir das künftig bewusster und vielleicht auch kreativer tun werden.

Das Inteview führte Matthias Friebe.

(DR)

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