Offiziell war vorab von etwa 30.000 erwarteten Besuchern die Rede. Am Ende werden es weitaus mehr gewesen sein. Und das, trotz Missbrauchsskandals und Kirchenaustritten. Auf dem Katholikentag in Würzburg zeigt sich das, was im Moment an vielen Stellen gemunkelt und vermutet wird: An Kirche scheint es ein neues Interesse zu geben.
Die New York Times hatte in der vergangenen Woche die These aufgestellt, dass nach der Pandemie junge Menschen Gemeinschaft bei Initiativen wie "Fridays for Future" oder bei Taylor Swift Konzerten suchen – im Moment aber viele merken, dass dabei eine wichtige Dimension verloren geht: Halt und Spiritualität. Veranstaltungen wie der Katholikentag scheinen eine Antwort zu geben.
Mit unserem XXL-Weihrauchfass an unserem DOMRADIO.DE-Stand auf dem Unteren Markt haben wir das sehr deutlich gemerkt. Bei jeder Andacht weit über 100 Besucher. Am Ende haben rund 1500 Menschen an unserem Stand Fürbitten niedergeschrieben: Für Frieden, Versöhnung und ein Ende der Polarisierung in unserer Welt.
Bei den vergangenen Katholikentagen nach der Pandemie war das anders. In Stuttgart 2022 und Erfurt 2024 waren die Besucherzahlen weitaus niedriger. Das mag auch an der Diaspora und der ausklingenden Pandemie liegen. Ein gestiegenes Interesse im Jahr 2026 passt aber sehr gut ins Bild eines kleinen kirchlichen Revivals, das wir gerade in mehreren Ländern erleben. Erwachsenentaufen steigen an, gerade in der Generation Z. Menschen suchen nach Orientierung, gerade wenn Donald Trump oder die AfD die Welt wieder unsicherer machen.
Mit dem Motto "Hab Mut, steh auf!" hat der Katholikentag ein Gefühl in der Gesellschaft getroffen, das vielen anscheinend unter den Nägeln brennt. Auch der kürzliche Streit zwischen Donald Trump und Papst Leo hat gezeigt: Die Kirche bringt eine moralische Stimme, die dringend gebraucht und auch gesucht wird.
Viele Veranstaltungen in Würzburg waren bis zum Bersten gefüllt. Beim Auftritt von Friedrich Merz im Congress Centrum haben Hunderte von Menschen vor den Türen demonstriert. Täglich waren die Wortbeiträge von Merz, Söder oder Klöckner in den Nachrichten und haben für Diskussionen gesorgt. Es mag und muss nicht jeder ihren Meinungen zustimmen – aber ein Ergebnis ist klar: Von einem Relevanzverlust der Kirche konnte in diesen fünf Tagen keine Rede sein.