Der Katholikentag in Würzburg ist am Samstag von Debatten über Kirchenreformen, gesellschaftliche Polarisierung und den Umgang mit queeren Menschen geprägt worden. Führende Vertreter von Kirche und Politik warnten vor Extremismus, mahnten mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt an und rangen zugleich um den künftigen Reformkurs der katholischen Kirche in Deutschland.
Im Mittelpunkt stand dabei erneut der Streit um die geplante Synodalkonferenz, in der Bischöfe und Laien künftig gemeinsam über wichtige Fragen beraten und auch entscheiden wollen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, zeigte sich zuversichtlich, dass der Vatikan dem Vorhaben letztlich zustimmen werde. "Es geht voran, aber es braucht etwas Zeit", sagte er. Dass eine Entscheidung aus Rom noch auf sich warten lasse, sei ein Klassiker und dürfe nicht falsch interpretiert werden.
ZdK warnt vor Reformstopp aus Rom
Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, warnte dagegen vor einem möglichen Stopp aus dem Vatikan. Ein solches Signal wäre für die deutsche Kirche "katastrophal", sagte sie. Zugleich erhob sie schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche insgesamt: "Die Art, wie die katholische Kirche verfasst ist, hat leider das Patriarchat nicht verlassen." Reformen etwa bei Frauenrechten oder der Sexualmoral stießen deshalb auf erbitterten Widerstand.
Wilmer verwies unterdessen auf Veränderungen beim kirchlichen Arbeitsrecht. Diese seien doch ein Erfolg des Reformdialogs Synodaler Weg: "Die katholische Kirche schaut nicht mehr ins Schlafzimmer", sagte der Hildesheimer Bischof - auch mit Blick auf den Umgang mit queeren Beschäftigten. Mit dem englischen Wort queer bezeichnen sich Menschen, die nicht heterosexuell sind oder deren geschlechtliche Identität nicht mit gesellschaftlichen Rollenbildern übereinstimmt.
Großer Andrang bei Queer-Gottesdienst
Unterdessen zog ein Queer-Gottesdienst mehr als 200 Besucher an; vor der Kirche bildete sich zeitweise eine Warteschlange. Im Mittelpunkt standen Forderungen nach mehr Anerkennung und Sichtbarkeit queerer Christen in der katholischen Kirche. Hintergrund sind anhaltende Spannungen mit dem Vatikan über Segnungen homosexueller Paare.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) mahnte die Kirche, sich stärker auf Glaubensfragen und gesellschaftliche Orientierung zu konzentrieren statt auf Tagespolitik. Die Kirche dürfe nicht "eine weitere NGO" werden. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx bezeichnete es als historische Ironie, dass die Kirche in der Gesellschaft von heute die westliche Demokratie verteidigen müsse. Das sei "schon verrückt", nachdem sie sich über Jahrhunderte mühsam daran abgearbeitet habe, so der Erzbischof von München und Freising.
Neubauer sieht Kirchen in besonderer Rolle
Der Augsburger Bischof Bertram Meier warnte vor einer politischen Vereinnahmung des Christentums durch extreme Kräfte. "Extremismus und Christentum sind keine tragfähige Allianz", erklärte er. Gefährliche Ideologien entstünden dort, wo Ängste geschürt und mit Schuldzuweisungen verbunden würden. Der Limburger Bischof Georg Bätzing forderte mehr selbstloses Handeln in Kirche und Gesellschaft. "Selbstlosigkeit sollte oberste Maxime sein: Bring dich ein und schau nicht zuerst, was du selbst davon hast."
Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer sprach den Kirchen eine wichtige Rolle in Zeiten der Klimakrise zu. Viele Menschen suchten angesichts globaler Krisen nach Sinn und Orientierung: "Während viele Regierungen daran scheitern, erlebe ich, dass religiös-spirituelle Organisationen da Antworten geben." Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan (SPD) lobte das Engagement kirchlicher Akteure in der Entwicklungspolitik: "Nur so haben wir Zugänge, um die Menschen in diesen dunklen Stunden überhaupt zu erreichen." Der 104. Deutsche Katholikentag endet am Sonntag mit einem großen Abschlussgottesdienst.