Journalist erlebt tief bewegende Gedenkandacht in Leipzig

"Bilder der Tragödie dürfen nicht die Oberhand behalten"

Nach der Leipziger Amokfahrt mit zwei Toten und mehreren Verletzten haben Menschen in einem ökumenischen Gottesdienst in der Nikolaikirche getrauert und der Opfer sowie ihrer Angehörigen gedacht. Der Journalist Daniel Heinze war dabei.

Autor/in:
Carsten Döpp
Heinrich Timmerevers (r.), Bischof von Dresden-Meißen, spricht bei einer Ökumenischen Gedenkandacht nach dem Anschlag in der Leipziger Innenstadt vom 4. Mai 2026, am 5. Mai 2026 in der Nikolaikirche in Leipzig. / © Karin Wollschläger (KNA)
Heinrich Timmerevers (r.), Bischof von Dresden-Meißen, spricht bei einer Ökumenischen Gedenkandacht nach dem Anschlag in der Leipziger Innenstadt vom 4. Mai 2026, am 5. Mai 2026 in der Nikolaikirche in Leipzig. / © Karin Wollschläger ( KNA )

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie gestern die Atmosphäre in und an der Nikolaikirche erlebt? 

Daniel Heinze (Kirchenredakteur beim sächsischen Privatsender Radio PSR): Das war sehr bewegend. Die Kirche war sehr gut gefüllt. Ich habe Menschen gesehen, die Tränen in den Augen hatten. Manche Menschen waren einfach nur erschöpft, zum Beispiel die Rettungskräfte. Es war eine Mischung aus Politik, Kirche und Stadtgesellschaft vor Ort – also vom Zoodirektor bis zum Bachfestintendanten waren ganz viele Menschen da. Aber auch ganz viele Bürger, die einfach in die Kirche gekommen sind und das Bedürfnis hatten, Anteil zu nehmen. 

DOMRADIO.DE: Was für Worte haben die Kirchenvertreter im Gottesdienst gefunden? 

Heinze: Es waren vor allem Worte des Trostes, aber auch Worte der Zuversicht. Psalm 31 war sowas wie der Leitfaden durch das Gebet, ganz im Stile von "Bei dir Herr, suche ich Zuflucht". Ich fand das Zusammenspiel von denen, die zu Wort kamen, beeindruckend. Zwischen den Psalmentexten sprachen Menschen, die Zeugnis gegeben haben: Rettungskräfte, Passanten und Händler der Grimmaischen Straße (Dort fand die Amokfahrt statt, Anm. d. Red.). Sie erzählten davon, was ihnen durch den Kopf ging, wie sie den Tag erlebt haben. 

Menschen gedenken der Opfer der Todesfahrt vom 4. Mai 2026 / © Karin Wollschläger (KNA)
Menschen gedenken der Opfer der Todesfahrt vom 4. Mai 2026 / © Karin Wollschläger ( KNA )

Die Bischöfe haben versucht, Trost zu spenden. Landesbischof Tobias Bilz von der Sächsischen Landeskirche sagte, dass diese Bilder der Tragödie nicht die Oberhand behalten dürften. Der katholische Bischof Heinrich Timmerevers von Dresden-Meißen hat dann betont, dass sich Gott an die Seite Trauender und Verzweifelter stelle. Die Botschaft der Trauer und Verzweiflung solle nicht das letzte Wort haben.

Zum Schluss fand ich den evangelischen Superintendenten Sebastian Feydt sehr beeindruckend. Er sagte zu den Menschen, dass sie raus gehen sollen. Sie sollen diese Strecke in der Innenstadt bewusst noch mal abgehen, sie gern gemeinsam gehen und vielleicht dabei jemand einhaken, wenn jemand allein läuft. Sie sollen sich ihre Stadt wieder zurückholen: "Kommen Sie zurück in die Stadt."

DOMRADIO.DE: Wird es noch weitere kirchliche Angebote in Leipzig geben? 

Heinze: Die Kirchen sind auch weiterhin offen für Gebete, Gespräche und das Aufstellen von Kerzen. Unsere Kirchenvertreter haben uns versichert, dass es auch Seelsorgeangebote geben wird, solange sie benötigt werden. Ich bin mir sicher, dass diese Ereignisse die Stadt noch lange beschäftigen werden – inhaltlich von der Aufarbeitung her, aber auch emotional. Wie groß die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Reflexion ist, kann man regelrecht spüren. 

Daniel Heinze

"Ich gebe zu, da bin ich auch ein bisschen stolz auf meine Stadt und vor allem auf die Menschen hier."

Es gab gestern auch den ganzen Tag bewegende Momente. Ein Beispiel: Am Abend hat der Chor der evangelischen Studierendengemeinde am Augustusplatz, dem Ort, wo die Amokfahrt losging, Taizé-Lieder gesungen. Es war schon dunkel und da singen junge Menschen einfach "nada te turbe", also "nichts soll dich ängstigen". Das war sehr bewegend. Das sind so Momente, die unheimlich guttun. Ich gebe zu, da bin ich auch ein bisschen stolz auf meine Stadt und vor allem auf die Menschen hier. 

Das Interview führte Carsten Döpp.

Quelle:
DR

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