Theologe Loffeld hält an seiner These zur religiösen Indifferenz fest

Zentralität der Gottesrede nötig

Viele Menschen vermissen Gott nicht mehr und doch wächst punktuell neue religiöse Suche. Der Theologe Jan Loffeld zieht im Interview Bilanz seiner viel diskutierten Thesen und blickt auf die Zukunft von Kirche und Glauben.

Autor/in:
Jan Hendrik Stens
Eine Frau sitzt allein in einer Kirchenbank / © encierro (shutterstock)
Eine Frau sitzt allein in einer Kirchenbank / © encierro ( shutterstock )

Zwei Jahre nach Erscheinen seines viel diskutierten Buches zieht der Pastoraltheologe Jan Loffeld eine differenzierte Bilanz – und bleibt bei seiner zentralen Diagnose: Viele Menschen leben heute – ob in Glück oder Unglück – ohne Gott zu vermissen. Gerade diese Form religiöser Gleichgültigkeit sei eine der wesentlichen Herausforderungen für das Christentum in der Gegenwart.

Überrascht sei er vor allem von der enormen Resonanz, die sein Buch ausgelöst habe, so Loffeld im Gespräch mit DOMRADIO.DE. Ursprünglich sei es gar nicht als großer theologischer Debattenbeitrag gedacht gewesen, sondern als Impuls für die pastorale Praxis. "Die Intention des Buches war eigentlich, als Pastoraltheologe mal wieder back to the roots zu gehen und etwas für die pastorale Praxis zu schreiben", sagt Loffeld rückblickend. Umso bemerkenswerter sei es gewesen, dass seine Thesen weit über diesen Rahmen hinaus aufgegriffen wurden – in der wissenschaftlichen Theologie ebenso wie auf kirchenleitender Ebene und international.

Prof. Dr. Jan Loffeld (privat)
Prof. Dr. Jan Loffeld / ( privat )

Dass die Debatte so breit geführt werde, habe wohl auch mit dem besonderen Zeitpunkt des Erscheinens zu tun: in einer Phase intensiver kirchlicher Selbstverständigungsprozesse, etwa rund um den Synodalen Weg, sowie neuer religionssoziologischer Studien. Gerade die Verbindung aus kirchlicher Reformdebatte und empirischer Bestandsaufnahme habe dem Buch zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft.

Jan Loffeld

"Die Säkularisierung ist ein Megatrend, aber eben kein Universaltrend."

An seiner Grundthese hält Loffeld fest. Es gebe weiterhin eine klare Mehrheitsentwicklung hin zu einer Situation, in der klassische Gottes- und Transzendenzbezüge verblassen. Dabei betont er,  im Buch nicht einer simplen Säkularisierungsthese zu folgen. "Wir befinden uns auf einem komplexen religiös-säkularen Feld. Die Säkularisierung ist ein Megatrend, aber eben kein Universaltrend", sagt er. Gerade diese Gleichzeitigkeit von fortschreitender Säkularisierung und punktuellen religiösen Neuaufbrüchen mache die gegenwärtige Lage so spannend.

Loffeld verweist dabei auf veränderte Formen von Religiosität. Es gehe nicht um eine bloße Rückkehr zu früheren religiösen Selbstverständlichkeiten, sondern um neue Suchbewegungen innerhalb einer säkularen Kultur. Diese beschreibt er bereits im Buch mit dem Begriff des "Anatheismus": Gott zeige sich in gewisser Weise neu im Säkularen.

Kritik an seinem Ansatz, er unterschätze die religiöse Tiefendimension des Menschen, weist der Theologe nicht pauschal zurück. Die Frage sei vielmehr, wie empirische Daten theologisch zu deuten seien. Aus ihnen leite er eine wichtige Unterscheidung ab: "Ich würde überhaupt nicht davon Abstand nehmen, dass jeder Mensch gottfähig ist. Aber nicht jeder Mensch ist gottesbedürftig." Diese Differenz sei für Pastoral und Theologie von erheblicher Bedeutung.

Entlastende Wirkung bei Verantwortlichen

Gerade in der Seelsorge habe diese Einsicht offenbar bei vielen Verantwortlichen entlastend gewirkt. Zahlreiche Rückmeldungen aus Gemeinden hätten gezeigt, dass viele Seelsorger ähnliche Erfahrungen machen: Menschen reagierten berührt auf Gottesdienste, Kasualien oder persönliche Begegnungen, ohne daraus automatisch einen vertieften kirchlichen Weg abzuleiten. Loffeld formuliert es so: "Die Wirksamkeit, die wir gerne hätten, stellt sich oft nicht ein." Das bedeute jedoch nicht, dass pastorales Handeln unwirksam sei – wohl aber, dass seine Wirkung anders verlaufe als lange angenommen.

Damit widerspricht er auch einem impliziten pastoralen Erfolgsversprechen vergangener Jahrzehnte. Gute Seelsorge führe nicht automatisch zu wachsender Bindung oder mehr Glaubenspraxis. Die Einsicht, dass dies kein persönliches Scheitern sei, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen, könne entlastend sein.

Nicht mehr "erste Liga"

Bischof Erik Varden / © Paolo Galosi/Romano Siciliani (KNA)
Bischof Erik Varden / © Paolo Galosi/Romano Siciliani ( KNA )

In vielem sieht sich Loffeld durch Stimmen wie den norwegischen Bischof Erik Varden bestätigt, der das Christentum zunehmend als bewusste Minderheitenexistenz beschreibt. Auch Loffeld geht davon aus, dass sich die Kirche in Deutschland auf eine neue gesellschaftliche Lage einstellen müsse. Die entscheidende Frage laute, ob Kirche auch dann Kirche sein könne, wenn sie gesellschaftlich nicht mehr "erste Liga" spiele.

Das werde nicht konfliktfrei verlaufen. Gerade in Deutschland seien Kirche und Christentum historisch eng mit gesellschaftlicher Mehrheitskultur verknüpft gewesen. "Kleiner werden ist schwerer als klein sein", sagt Loffeld. Die Kirche stehe deshalb vor tiefgreifenden Aushandlungsprozessen – institutionell, kulturell und geistlich.

Nüchterner Blick auf Erwachsenentaufen

Ein wichtiges Thema der Debatte sind steigende Zahlen bei Erwachsenentaufen. Diese werden in manchen kirchlichen Kreisen bereits als Zeichen einer religiösen Renaissance interpretiert. Loffeld plädiert hier für größere Nüchternheit. Solche Entwicklungen seien erfreulich und ernst zu nehmen, dürften aber nicht vorschnell überhöht werden. Eine echte Trendwende setze statistisch deutlich mehr voraus als punktuelle Anstiege.

Tabea Wiemer leitet den Fachbereich Evangelisierung im Generalvikariat Köln und die FIDES-Glaubensinformation der Domstadt. / © FIDES-Glaubensinformation (DR)
Tabea Wiemer leitet den Fachbereich Evangelisierung im Generalvikariat Köln und die FIDES-Glaubensinformation der Domstadt. / © FIDES-Glaubensinformation ( DR )

Gleichzeitig widerspricht er optimistischeren Stimmen wie der Kölner Theologin Tabea Wiemer nicht grundsätzlich. Neue religiöse Suchbewegungen seien real und pastorale Chancen. Allerdings dürften sie nicht vorschnell gegen die weiterhin dominante Säkularisierung ausgespielt werden. Loffeld spricht hier von "kleinen Pflänzchen" innerhalb eines säkularen Mainstreams.

Besonders kritisch blickt er auf innerkirchliche Debatten, wenn diese zu stark um Struktur- oder Moralfragen kreisen. Reformen seien notwendig, gerade im Blick auf Missbrauch und kirchliche Machtstrukturen. Die Hoffnung jedoch, allein durch strukturelle Reformen neue Relevanz zu gewinnen, hält er für überzogen.

Jan Loffeld

"Wir müssen die Türen offen halten – wissend aber, dass viele daran vorbeigehen."

"Wir müssen die Türen offen halten – wissend aber, dass viele daran vorbeigehen", sagt Loffeld. Dieser Satz bringt seine Perspektive auf den Punkt: Kirche könne sich nicht länger darauf verlassen, dass Menschen allein durch institutionelle Offenheit oder Modernisierung zurückkehrten.

Stattdessen plädiert er für eine grundlegende Neuorientierung. Nicht die Kirche selbst, sondern die Gottesfrage müsse wieder ins Zentrum rücken. "Der große Shift, den wir vor uns haben, ist der Wechsel von der Kirchenfrage hin zur Zentralität der Gottesfrage", sagt er. Kirche sei nicht Selbstzweck, sondern auf das Evangelium und die Gottesfrage hin geordnet.

Diese Perspektive könne auch helfen, innerkirchliche Lagerbildungen zu relativieren. Konservative und progressive Milieus neigten dazu, religiöse Suchbewegungen für eigene Narrative zu vereinnahmen. Dabei würden viele junge Menschen, die heute neu nach Glauben fragen, diesen Kategorien gar nicht entsprechen. Sie seien vor allem neugierig und suchten Orientierung und Identität jenseits klassischer kirchenpolitischer Zuschreibungen.

Jan Loffeld

"Der Glaube will freimachen und nicht in Lager zerren."

"Der Glaube will freimachen und nicht in Lager zerren", betont Loffeld. Genau darin sieht er eine der wichtigsten Aufgaben kirchlicher Begleitung: Räume zu eröffnen, in denen Menschen Glauben entdecken können, ohne sofort kirchenpolitisch vereinnahmt zu werden. Für die Zukunft der Kirche erwartet Loffeld keine einfachen Lösungen. Sein Buch habe bewusst keine Rezepte liefern wollen. Vielmehr gehe es darum, die Gegenwart zunächst nüchtern zu beschreiben und theologisch neu zu deuten. Eine der entscheidenden Herausforderungen sei dabei, die Gottesfrage neu zur Sprache zu bringen.

"Wir reden unglaublich viel über Kirche, über Strukturen und Reformen – aber fast gar nicht über Gott", sagt Loffeld. Gerade darin sieht er eine Schieflage, die korrigiert werden müsse. Nicht weniger als eine neue "Zentralität der Gottesrede" sei nötig. Die Debatte, die sein Buch ausgelöst hat, ist damit keineswegs beendet. Im Gegenteil: Sie berührt eine Grundfrage kirchlicher Zukunft – wie Christentum in einer Gesellschaft Gestalt gewinnen kann, die gelernt hat, ohne Gott auszukommen, und in der sich gerade deshalb neue Formen religiöser Suche zeigen.

Buchtipp: Jan Loffeld, Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt – Das Christentum vor der religiösen Indifferenz, Freiburg 2024.

Quelle:
DR

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