DOMRADIO.DE: Wie fühlt es sich an, als Shootingstar der internationalen Bischofsszene zu gelten, wenn der Alltag eines Trappisten eher von Stille und Verborgenheit geprägt ist?
Erik Varden OCSO (Bischof der Prälatur Trondheim, Apostolischer Administrator von Tromsö in Norwegen, Vorsitzender der Nordischen Bischofskonferenz): Das Bild eines Shooting-Stars scheint mir leicht übertrieben. Mein Leben ist ein gewöhnliches Leben. Verkündigung und Anwesenheit bei verschiedenen Treffen gehört dazu, aber meine wirkliche Tätigkeit ist zu Hause.
DOMRADIO.DE: Der Eintritt in einen Orden, der von strenger Observanz geprägt ist, ist nicht so alltäglich. Das hat mit einer gewissen Bewusstheit und auch mit einer gewissen Entscheidungskraft zu tun.
Varden: Das Geheimnis in der Lebensführung ist, das Gewöhnliche mit Bewusstheit zu leben. Das wird dann zur Normalität des eigenen Lebens.
DOMRADIO.DE: Sie haben beim Rhein-Meeting über Einsamkeit gesprochen. Viele Menschen erleben heute Einsamkeit, trotz sozialer Medien und ständiger Vernetzung. Was sagt diese verbreitete Erfahrung Ihrer Meinung nach über den geistigen Zustand unserer Gesellschaft aus?
Varden: Die Erfahrung der Einsamkeit gehört zu den wesentlichsten Erfahrungen des Menschseins überhaupt und ist zeitlos. Unser jetziges gesellschaftliches, kulturelles und digitales Klima verschärft diese Erfahrung und intensiviert sie, besonders unter Jugendlichen.
Aber wir haben es mit etwas grundsätzlich Menschlichem zu tun. Ich denke, es ist wichtig, sich damit prinzipiell auseinanderzusetzen, und auch pragmatisch, was die besonderen, modernen Herausforderungen betrifft.
DOMRADIO.DE: Können sie Einsamkeit auch etwas Positives abgewinnen?
Varden: Natürlich, der Mönch zum Beispiel ist jemand, der die Einsamkeit für sich wählt und liebt. Im Englischen gibt es im Wortschatz die sehr nützliche und hilfreiche Distinktion zwischen Loneliness und Solitude. Solitudo, ein lateinischer Begriff, ist etwas nobles und potenziell sehr hohes.
In meiner Solitudo kann ich mich dem stellen, was wesentlich ist. Das Alleinsein, Loneliness, ist negativ geprägt. Aber ich denke, es ist wichtig, kategorisch zwischen diesen beiden Erfahrungen trennen zu können.
DOMRADIO.DE: Die Kirche lebt davon, dass man nie alleine, sondern in einer Gemeinschaft ist. Jetzt wird das zunehmend schwieriger, weil die großen Zeiten der Volkskirche in Deutschland vorbei sind. Norwegen gilt auch als stark säkularisiert. Wie blicken Sie als Bischof in Skandinavien auf diese Entwicklung, und welche Chance kann Ihrer Meinung nach eine Kirche haben, die in der Minderheit lebt?
Varden: Es kann eine große Chance sein, eine Minderheit zu sein. Denn man hat kein Territorium zu verteidigen. Man ist selbst zu einem gewissen Grad Neuankömmling. Wenn man sich in der Peripherie der Gesellschaft befindet, hat man eine gewisse Bewegungsfreiheit und auch eine gewisse Äußerungsfreiheit. Das ist nichts Schlechtes.
DOMRADIO.DE: Wenn Sie auf Deutschland schauen, wie nehmen Sie den Unterschied von Norwegen aus wahr?
Varden: Schwierig zu sagen. Wir sehen zu einem gewissen Grad eine ähnliche Situation bei den etablierten lutherischen Kirchen, die zur Struktur der Gesellschaft gehörten und sich jetzt in verschiedenen Graden in verschiedenen Ländern von dieser Struktur trennen, um eine größere Freiheit zu gewinnen. Das gelingt aber nicht ganz ohne Traumata.
Das ist ein Prozess, der zu dieser merkwürdigen Zeit, die die unsere ist, gehört. In dieser Zeit verändert sich alles ungewöhnlich schnell. Wir können nicht wissen und nicht voraussehen, wie die Lage des Glaubens, des kulturellen Klimas der Religion in zehn Jahren oder in fünf Jahren aussehen wird.
DOMRADIO.DE: Sexualisierte Gewalt ist ein Trauma der katholischen Kirche, aber nicht nur der katholischen Kirche. Die Aufgabe ist, sexualisierte Gewalt aufzuarbeiten und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Welche geistlichen und strukturellen Konsequenzen halten Sie für notwendig, damit eine echte Aufarbeitung gelingen kann?
Varden: Ich würde sagen, das Allerwichtigste ist die Wahrheit. Dass man sich mutig und demütig der Wahrheit stellt. Dass man für Gerechtigkeit sorgt, dass man ein offenes Ohr und ein offenes Herz für die Leidenden hat und sich selbst zur Bekehrung verpflichtet weiß.
Das ist ein Begriff, der im 19. Jahrhundert im Katholizismus sehr wichtig war. Der wird heute nicht so oft genutzt, aber zur Reparation, zur Gutmachung. Da muss man menschlich tun, was möglich ist. Man muss aber vor allem Gott wirken lassen und sich selbst und der kirchlichen Wirklichkeit von der Gnade verwandeln lassen. Ich würde sagen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Mitleid, Tränen und Hoffnung.
DOMRADIO.DE: Bei den Fasten-Exerzitien im Vatikan haben Sie deutliche Worte gebraucht. Sie sprachen davon, dass nichts der Kirche schlimmeren Schaden zugefügt habe, als die Verderbnis, die im eigenen Haus entstanden ist.
Varden: Ja, das war ein Thema, das auch berührt wurde.
DOMRADIO.DE: War es Ihnen ein großes Anliegen, das zum Thema zu machen?
Varden: Ist das uns nicht allen ein großes Anliegen, überall?
DOMRADIO.DE: Zum Ende des Priesterjahres von Papst Benedikt XVI. sprach er vom Schmutz, den der Teufel der Kirche ins Gesicht geworfen habe. Sie sagten, dass der Schmutz aus der Kirche heraus kommt. Ist das ein Widerspruch?
Varden: Nein, überall, wo wir Menschliches finden, finden wir das Gute und das Böse. Manchmal finden wir das Schlimmste, und auch das Beste. Ich denke, wir brauchen uns nicht zu sehr überraschen zu lassen von dieser Mischung. Das gehört einfach dazu.
Das Wichtige ist, dass wir das Gute wählen und dass wir das Böse wegarbeiten. Dass wir uns für das Licht entscheiden und der Dunkelheit den Rücken wenden.
DOMRADIO.DE: Der Mensch ist demnach frei in seiner Entscheidung für das Gute oder das Böse?
Varden: Natürlich ist ein Mensch frei.
DOMRADIO.DE: Wo sehen Sie die größte Hoffnung für die kommenden Jahrzehnte?
Varden: In der Liebe Jesu Christi, die ewig ist und wirkt. Ich sehe sie auch in Gottes Vorsehung, die unfehlbar ihrem Zweck verfolgt, das heißt dem Heil und der Verwandlung der Welt.
DOMRADIO.DE: Sie meinen, das könnte ansteckend sein für Leute, die nicht an Gott glauben?
Varden: Wenn die Menschen ein verwandeltes christliches Leben sehen oder auch ein Leben, das einfach im Prozess der Verwandlung ist, denke ich, macht das schon einen gewissen Eindruck.
Das Interview führte Jan Hendrik Stens.