DOMRADIO.DE: Nicht alle kennen die katholische Neusser Tradition. Was hat es mit der Quirinus-Oktav auf sich?
Andreas Süß (Leitender Pfarrer im Sendungsraum Katholische Kirche in Neuss): Der Heilige Quirinus ist der Stadtpatron von Neuss. Er ist derjenige, dem die Stadt Neuss verdankt, dass sie auch in Kriegen und Auseinandersetzungen nicht überfallen wurde, zum Beispiel von Karl dem Kühnen. Quirinus wurde von Äbtissin Gepa, der Schwester von Papst Leo IX., im Jahr 1050 hier nach Neuss überführt.
Das feiern wir immer am 30. April. Rund um diesen Tag haben wir ein großes, buntes Programm. Eine Woche lang, seit dem vergangenen Samstag, kommen alle zusammen, die unterschiedlichsten Gruppierungen der Kirchengemeinden und der Stadtgesellschaft, um Quirinus zu feiern.
DOMRADIO.DE: Zum Höhepunkt der Wallfahrt wird am Sonntag der Schrein mit den Reliquien des Heiligen in einer Prozession mitgeführt. Was ist das für eine Atmosphäre in Neuss?
Süß: Die ganze Woche ist im Grunde schon eine großartige Woche, in der wir zusammengekommen sind, um unseren Stadt- und Pfarrpatron zu feiern. Die Kindergärten, die Grundschulen, die weiterführenden Schulen, waren im Quirinus-Münster aus dem Jahr 1209, und haben dort den Heiligen gefeiert. Am Sonntag findet die Oktav ihren Höhepunkt mit einer Familienmesse um 14 Uhr. Die katholische Görres-Grundschule hat dafür ein kleines Anspiel vorbereitet. In diesem Jahr wird sie außerdem etwas Neues vorstellen: Einen Kinder-Audio-Guide, in dem Kinder durchs Quirinus-Münster führen.
Am Abend ist dann der große Abschluss der Quirinus-Oktav mit Pontifikalamt. Dazu kommt jedes Jahr ein Bischof, in diesem Jahr sogar der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Bei dem großen Pontifikalamt werden wir mit allen Fahnen und Feiernden und Messdienern aus allen 20 Gemeinden hier in Neuss in die Kirche einziehen. Im Anschluss werden wir mit dem Quirinus-Schrein durch die Stadt ziehen und rund ums Quirinus-Münster unsere Fürbitten vor Gott tragen.
Danach gibt es noch ein großes Volksfest miteinander, mit Getränken, mit Blasmusik und auch mit Würstchen, Brötchen und Kuchen.
DOMRADIO.DE: Das klingt nach einer Woche voller Gemeinschaft und Zusammenhalt, mit vielen Akteuren, die daran beteiligt sind. Wie erleben Sie ganz persönlich diese Woche?
Süß: Ich finde es großartig, weil wir an der Tradition der Benediktinerinnen anknüpfen, die das Quirinus-Münster erbaut haben, und denen wir es verdanken. Wir kommen morgens zusammen zur Gebetszeit, wir starten den Tag mit der Laudes; abends schließen wir den Tag ab mit der Komplet, also dem Nachtgebet der Kirche, zu dem viele Menschen kommen.
Es ist einfach schön. Es kommen ganz viele Kinder, von den Kindergartenkindern über die Grundschulen bis hin zu den weiterführenden Schulen. Wir feiern mit den Verbänden, den Vereinen, mit der Caritas, SKF, SKM und natürlich auch mit den Schützen, die hier in Neuss eine große Rolle spielen.
Es werden die Gottesdienste der Gruppierungen gefeiert, und es ist ein buntes Treiben, zumal wir gerade die Landesgartenschau in Neuss haben. Dadurch kommen auch ganz viele Pilger von fern und freuen sich, dass wir hier lebendig unseren Glauben feiern und Jesus in der Mitte steht und wir einfach einladen zur Freundschaft mit Jesus.
Denn Jesus hat Balbina, die Tochter des heiligen Quirinus, geheilt. Quirinus war ein römischer Soldat, der eigentlich die Christen in den ersten drei Jahrhunderten verfolgt hat. Er wurde dann aber dadurch, dass seine Tochter geheilt wurde, selbst zum Christen – in einer Zeit, in der es noch gefährlich war, Christ zu sein.
Daher ist er für uns ein Bekenner, der uns auch heute noch ermutigt, begeistert und lebendig von unserem eigenen Glauben zu sprechen und zu sagen: Der Glaube an Gott trägt mich und begleitet mich, auch in schweren Stunden. Dadurch sind nicht nur die Neusser, sondern auch die Pilger, die von weiter her kommen, beschützt, begleitet und behütet.
Das Interview führte Carsten Döpp.