Wieso sind mit gestrandetem Wal Timmy so viele Emotionen verbunden?

"Hier mischt sich Erschrecken mit Ehrfurcht"

Der vor der Insel Poel gestrandete Wal Timmy bewegt die Menschen. Der Theologe und Biologe Rainer Hagencord erklärt, warum sein Schicksal so bewegt und welche Konsequenzen man daraus im Umgang mit Natur und Konsum ziehen kann.

Autor/in:
Uta Vorbrodt
Der Buckelwal liegt vor der Insel Poel / © Philip Dulian (dpa)
Der Buckelwal liegt vor der Insel Poel / © Philip Dulian ( dpa )

DOMRADIO.DE: Der Wal Timmy und sein Überlebenskampf in der Ostsee sind derzeit Gesprächsthema – sowohl in den Medien als auch unter Freunden und Bekannten. Warum ist das so? Was glauben Sie?

Rainer Hagencord, Theologe und Biologe, sowie Leiter des Instituts für Theologische Zoologie / © Lars Berg (KNA)
Rainer Hagencord, Theologe und Biologe, sowie Leiter des Instituts für Theologische Zoologie / © Lars Berg ( KNA )

Rainer Hagencord (Theologe und Biologe sowie Leiter des Instituts für Theologische Zoologie e. V. in Münster): Das ist sehr komplex. Wir sind Walen sehr nah, obwohl sie in einer völlig anderen Welt leben. Das wissen wir aus der Biologie. Ihr Sozialsystem und ihre Kommunikationsformen, etwa ihre Gesänge, sind uns sehr ähnlich. So ist das Mitgefühl mit dem Sterben des Tieres noch einmal ganz anders. Hier mischt sich das Erschrecken mit Ehrfurcht und Staunen darüber, dass es solche Lebewesen gibt.

Wir sehen diesem Tier jetzt beim Sterben zu. Das ist anders als bei den Tieren, die täglich millionenfach in die Schlachthöfe wandern. Da gibt es überhaupt kein Mitgefühl. Die Gesellschaft ist gegenüber den Schweinen, Puten, Rindern und Hühnern, die täglich sterben, vor allem teilnahmslos. Mit Timmy haben wir ein Tier vor Augen, zu dem wir eine Beziehung haben und das Gefühle wie Erschrecken auslöst.

DOMRADIO.DE: Entstehen diese Empfindungen, weil es sich nicht um Millionen, sondern um ein Individuum handelt? 

Hagencord: Neurobiologen sagen auch, dass ein Mitgefühl mit einem Lebewesen, das uns vor Augen ist, in unserer Genetik bzw. in unserem neuronalen System vorhanden ist. Aber gegenüber Millionen von Schweinen oder Puten ein Mitgefühl zu entwickeln, das bekommen wir neurobiologisch und strukturell nicht hin. Da müssten wir den nächsten Schritt machen, darüber nachdenken und beispielsweise die Industrie, die das ermöglicht, hinterfragen.

Der Buckelwal liegt in der Wismarer Bucht / © Marcus Golejewski (dpa)
Der Buckelwal liegt in der Wismarer Bucht / © Marcus Golejewski ( dpa )

DOMRADIO.DE: Kommen wir noch einmal auf Timmy zurück.

Hagencord: Möglicherweise stirbt dieser Wal, weil er ein Fischernetz im Maul hat. Oder aufgrund der Überhitzung oder Überfischung der Meere. Da kommen wir, wenn wir jetzt tiefer nachdenken, auch zu den systemischen Fragen, was wir als Industrienation mit den Lebensräumen auf dieser Erde veranstalten.

DOMRADIO.DE: Die Sängerin Sarah Connor macht sich schon lange für die Meere und Orcas stark. Sie hat gesagt, wir können den Wal in der Ostsee nicht mehr retten. Stattdessen könnte man über den eigenen Konsum von Fisch nachdenken und diesen einschränken. Wie finden Sie so einen Vorschlag?

Hagencord: Ich finde es großartig, dass Sarah Connor den Fischkonsum als Thema hervorhebt.

DOMRADIO.DE: Wir bekommen gerade mit, wie der Wal stirbt. Was fänden Sie jetzt angebracht?

Hagencord: Zunächst einmal sollten wir wahrnehmen und ernst nehmen, dass da Trauer entsteht, und diese nicht sofort wegschieben. So ein Tier ist uns möglicherweise in gewisser Weise ans Herz gewachsen, auch wenn wir es nur im Fernsehen wahrnehmen. Wir könnten versuchen, mit dieser Empathie, diesem Mitgefühl, diesem Schmerz und dieser Trauer umzugehen. Da täglich so viele Tier- und Pflanzenarten verloren gehen, ist eine Trauerarbeit notwendig. 

Daraus können Taten folgen. 'Was kann ich jetzt tun, um mehr Arten und Lebensräume zu erhalten?' Da sind wir bei unserem Konsumverhalten. Da hat Sarah Connor den Nagel auf den Kopf getroffen.

Jona im Bauch des Wals / © Guido Vermeulen-Perdaen (shutterstock)
Jona im Bauch des Wals / © Guido Vermeulen-Perdaen ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: An welche biblische Geschichte müssen Sie denken, wenn wir über Wale sprechen? 

Hagencord: Wie wahrscheinlich fast alle denke ich zunächst an den Propheten Jona, der nach Niniveh gehen soll, das aber nicht will. Er nimmt einen anderen Weg, wird ins Meer geworfen und verbringt drei Tage im Bauch des Wals. Dann ist er sozusagen – das ist ja eine Geschichte der Emanzipation – reif, um nach Niniveh zu gehen und als Prophet zu wirken.

Das ist eine hochspannende Geschichte, weil sie einen Exkurs in die Welt des Meeres und in den Bauch eines Wals unternimmt. Da merken wir, dass es diese Anderswelten gibt. Dass die Erde nicht nur für uns gemacht ist, sondern dass es da auch noch die anderen gibt. Gott schickt Jona am Ende der Geschichte auch noch einen Wurm. Es lohnt sich, diese Geschichte bis zum Ende zu lesen.

Es ist großartig, dass wir in der biblischen Theologie selbstverständlich von einem Gott hören, der Wale und Würmer als Boten schickt und auch den Sturmwind als Botschaft. Es ist eine Theologie, in der nicht allein der Mensch und seine Lebensräume im Fokus stehen. Ein Gott, der mit allen Geschöpfen in Kontakt steht und in dieser Anderswelt präsent ist. Auch mit denen, die in Lebensräumen vorkommen, die für uns überhaupt keine Heimat darstellen, wie Wal und Wurm.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Quelle:
DR

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