Papst Leo XIV. will entpolarisieren und setzt auf Entschleunigung

Bald ein Jahr im Amt

Papst Leo XIV. ist bald seit einem Jahr im Amt. Noch immer rätseln viele Menschen, wohin er die katholische Kirche führen will. Doch die Grundausrichtung ist bereits jetzt klar erkennbar. Trotzdem stehen noch viele Entscheidungen aus.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
Der neu gewählte Papst Leo XIV. (r), der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan (dpa)
Der neu gewählte Papst Leo XIV. (r), der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / ( dpa )

Leo XIV. übt sein Amt bedächtig aus. Und er produziert selten Schlagzeilen. Lediglich ein langes Interview hat er bislang gegeben. Und die Veröffentlichung seiner ersten Enzyklika wurde erst für Herbst 2025, dann nach dem Jahreswechsel und schließlich "nach Ostern" 2026 erwartet.

Ähnlich behutsam agiert er in der Personalpolitik. Von den Spitzenämtern in der römischen Kurie besetzte er im ersten halben Jahr nur eines neu. Eine Handvoll weitere Ernennungen folgten in den Monaten danach; und so sind nach einem Jahr Leo die meisten Kurien-Präfekten – vergleichbar den Ministern einer Regierung - immer noch dieselben, die Papst Franziskus ernannt hat. Leo XIV. bestätigte sie bloß provisorisch auf ihren Posten. Das sei eine "Maßnahme, die für kluges Personalmanagement spricht", heißt es dazu aus der zweiten Reihe in der Kurie. Der Effekt: Von den "Behördenchefs auf Abruf" wagt sich keiner aus der Deckung, denn keiner sitzt fest im Sattel.

Am deutlichsten ist dies beim Glaubenspräfekten Víctor Fernández: Der argentinische Kardinal war unter Franziskus für manche theologische Überraschung gut – nun hält er sich zurück und arbeitet die von der Weltsynode (2023-2024) formulierten Aufgaben ab. Herausgekommen ist dabei bislang inhaltlich wenig Spektakuläres, aber immerhin eine neue Transparenz. So etwa beim Thema Frauendiakonat, wo die zuständige Kommission sogar ihre einzelnen, oft kontroversen Abstimmungsergebnisse offenlegte.

Klare Arbeitsteilung mit Kardinal Parolin

Viel wahrnehmbarer war im ersten Pontifikatsjahr die Nummer zwei im Vatikan, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Zwischen ihm und dem Papst hat sich offenbar eine echte Arbeitsteilung herausgebildet: Parolin spricht klar und "politisch". Und das hilft dem Papst vor allem in der Außenpolitik, wo sich der gebürtige US-Amerikaner erkennbar schwertut mit Stellungnahmen zu Trump. Hier überlässt er meist Parolin die konkreten Aussagen und konzentriert sich aufs Grundsätzliche.

Kardinal Pietro Parolin / © Alessandra Tarantino/AP (dpa)
Kardinal Pietro Parolin / © Alessandra Tarantino/AP ( dpa )

Äußerungen zu tagespolitischen Fragen, wie sie Vorgänger Franziskus häufig tätigte, meidet der Papst. Leo XIV. hält sich auch auf diesem Feld an das, was er schon in seiner ersten Predigt den Kardinälen in Rom sagte: Es sei eine "unverzichtbare Anforderung für alle, die in der Kirche ein Leitungsamt ausüben: zu verschwinden, damit Christus bleibt, sich klein zu machen, damit er erkannt und verherrlicht wird".

Papst Leo XIV. will sich klein machen

Dieses "Sich-klein-machen" ist aber offenbar kein Wegducken. Denn ähnlich wie er sich zu Krieg und Frieden immer wieder vernehmbar mit grundsätzlichen Worten äußert, bleibt er auch in kirchenpolitischen Debatten stets am Ball. Doch anders als Franziskus befeuert er sie nicht mit polarisierenden Stellungnahmen.

Vielmehr versteht er sich, wie er es bei seinem Amtsantritt am 18. Mai betonte, als Diener der Einheit. Damals sagte er: "Ich würde mir wünschen, dass dies unser erstes großes Verlangen ist: eine geeinte Kirche, als Zeichen der Einheit und der Gemeinschaft, die zum Ferment einer versöhnten Welt wird. In unserer Zeit erleben wir noch immer zu viel Zwietracht, zu viele Wunden (...) durch Hass, Gewalt, Vorurteile, Angst vor dem Anderen."

Behutsamer Umgang mit Traditionalisten

Was das bedeutet, zeigte er bei einem besonders heiklen Thema: Beim Umgang mit der Minderheit der Traditionalisten und der alten Liturgie. Um diese "Wunde" in der Kirche (O-Ton Leo) zu heilen, kommt er den Ultrakonservativen vorsichtig entgegen und ermutigt die Bischöfe, das ebenfalls zu tun. Eine Kirche, die selbst bei diesem Kernthema zerstritten wäre, könne kein Vorbild der Einheit für die Welt sein, so seine Mahnung.

In einer Welt, in der schrille Töne und das Recht des Stärkeren Hochkonjunktur haben, kann ein Papst, der bedächtig agiert und Konflikte zu entpolarisieren versucht, kaum Schlagzeilen machen. Es steht zu erwarten, dass er diesen Kurs auch im zweiten Jahr seines Pontifikats fortsetzen wird.

Bischofstreffen zu strittigem Thema

In diese Richtung weist auch das von ihm für Oktober angekündigte Treffen mit den Vorsitzenden der weltweit rund 120 Bischofskonferenzen in Rom. Mit ihnen will er über das Dokument "Amoris laetitia" zu Ehe und Familie beraten, das Papst Franziskus 2016 in Kraft setzte. Es änderte damals den Umgang der Kirche mit Paaren in zweiter Zivilehe und löste bei Konservativen scharfe Kritik aus. Der Verlauf dieser Debatte wird weiteren Aufschluss darüber geben, ob der Entpolarisierungskurs des Papstes in der Kirche funktioniert.

Robert Francis Prevost (Papst Leo XIV.)

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Robert Francis Prevost gilt als ein Kardinal der Mitte. Obwohl US-Amerikaner ist der Ordensmann in Rom, der Kurie und der Weltkirche zu Hause. Zuletzt leitete der 69-Jährige die Vatikanbehörde für Bischöfe, quasi die Personalabteilung der katholischen Weltkirche. In dieser Funktion war Prevost in den vergangenen zwei Jahren zuständig für einen Großteil der Bischofsernennungen weltweit.

Papst Leo XIV / ©  Andrew Medichini/AP (dpa)
Papst Leo XIV / © Andrew Medichini/AP ( dpa )
Quelle:
KNA