Wieder sorgen Reformschritte der katholischen Kirche in Deutschland für Wirbel im Vatikan. Papst Leo XIV. persönlich sah sich auf dem Rückflug von seiner Afrika-Reise damit konfrontiert, als ihn eine deutsche Journalistin fragte, wie er zur jüngsten Vorlage von Kardinal Reinhard Marx in Sachen Homosexuellen-Segnung stehe.
Was war geschehen? Als erster Kardinal weltweit hatte der Münchner Erzbischof unlängst in seinem Bistum das schwarz auf weiß umgesetzt, was in anderen Ländern schon länger praktiziert und in einigen deutschen Bistümern bereits vor Monaten eingeführt wurde: kirchliche Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche und andere kirchlich nicht ehefähige Paare.
Grundlage für Marx' Schritt ist eine zunächst unverbindliche Handreichung mit dem Titel "Segen gibt der Liebe Kraft - Segnungen für Paare, die sich lieben". Die Deutsche Bischofskonferenz und der Laiendachverband "ZdK" hatten das Papier im April 2025 vorgelegt. Sie taten das ausdrücklich unter Verweis auf das Schreiben "Fiducia Supplicans" der vatikanischen Glaubensbehörde.
Vatikanisches Nein 2023 aufgeweicht
In jenem bahnbrechenden Papier hatte der Leiter der Behörde, der argentinische Kurienkardinal Víctor Fernández, am 18. Dezember 2023 das strikte vatikanische Nein zur Segnung homosexueller Paare aufgeweicht: Es räumte Seelsorgern die Möglichkeit ein, Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu segnen.
Zwar schränkte der Vatikan nach einem Sturm der Entrüstung vor allem aus afrikanischen Ländern die Tragweite des Textes etwas ein - und betonte, dass es sich maximal um eine beiläufige und keineswegs um eine feierliche, förmliche Segnung handeln dürfe und dass die Öffnung nicht weltweit verpflichtend sei. Doch in Deutschland und anderen europäischen Ländern wurde das Papier aus Rom genutzt, um bei dem umstrittenen Thema noch einen Schritt weiter zu gehen.
Beschlüsse des Synodalen Weges
In Deutschland griff die "Handreichung" von 2025 zudem die Beschlüsse des Reformdialogs Synodaler Weg auf. Der hatte bereits am 10. März 2023 die Einführung von kirchlichen "Segensfeiern für Paare, die sich lieben", gefordert. Auch mehr als zwei Drittel der deutschen Bischöfe stimmten damals zu. Schon im Mai 2023 wurden dann zwei gottesdienstliche Vorlagen für solche Feiern veröffentlicht.
Sie kamen zwar nicht offiziell von der Deutschen Bischofskonferenz, sondern nur von der "Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung". Doch die darin vorgezeichneten Segnungsgottesdienste ähneln in manchem einer Trauungsfeier und gehen damit klar über das hinaus, was Kardinal Fernández zwei Jahre später mit "Fiducia Supplicans" erlaubte. (Chronologie)
In konservativen Kirchenkreisen gärte der Unmut über diesen Widerspruch schon länger. Doch den deutschen Bischöfen gelang es bisher, eine Rhetorik des Bruchs zu vermeiden. Die Bischofskonferenz verwies bei Nachfragen stets auf kontinuierliche Absprachen mit Rom in dieser Frage.
Reaktion auf München überrascht
Dass nun die Einführung der Segens-Handreichung durch Kardinal Marx im Erzbistum München den Konflikt eskalieren ließ, war für manche Beobachter überraschend - zumal er nicht weiter ging als die Bischöfe in Limburg oder Rottenburg-Stuttgart. Doch ein Kardinal, zumal wenn er wichtige Funktionen im Vatikan innehat, ist nun mal ein anderes Kaliber als ein anderer deutscher Bischof.
Und: Inzwischen sitzt nicht mehr der unorthodox wirkende Argentinier Franziskus auf dem Papstthron, sondern der eher bedächtig auftretende US-Amerikaner Leo XIV. Seine Antwort auf die Frage nach der marxschen Vorlage wurde deshalb auch international mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt.
Der Papst erklärte, Rom habe den deutschen Bischöfen gesagt, dass man förmlichen Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare nicht zustimmt. Er fügte hinzu, wenn man über den Rahmen der von Papst Franziskus erlaubten allgemeinen Segnung hinausgehe, sorge das für mehr Uneinigkeit als für Einigkeit in der Kirche. Kirchenrechtliche Schritte drohte er allerdings nicht an. Vielmehr betonte Leo, dass andere Themen für die Kirche wichtiger seien als Fragen der Sexualmoral.
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki reagierte nun erfreut auf die Klarstellung des Papstes. Er nehme die Äußerungen des Heiligen Vaters "mit Dankbarkeit zur Kenntnis", teilte er mit. Gleichzeitig betonte er, dass es "für uns im Erzbistum Köln selbstverständlich ist, alle Menschen zu segnen und ihnen die Nähe Gottes zuzusprechen". Damit ist ein allgemeiner Segen gemeint.
"Öffnung war stets an Bedingung geknüpft"
Der US-Jesuit James Martin, ein Pionier der Homosexuellen-Seelsorge, kommentierte die Antwort des Papstes so: "Mir scheint, dass Papst Leo 'Fiducia Supplicans' nicht aufhebt." Zugleich erinnerte Martin, die vatikanische Öffnung sei stets an die Bedingung geknüpft gewesen, dass es sich nicht um förmliche Segensfeiern handeln solle. Genau dies wollten aber offenbar die deutschen Bischöfe einführen.
Martins Einschätzung dazu ist klar: "Aus der übergeordneten Sicht des Heiligen Vaters würde es die Einheit der Kirche gefährden, wenn man über 'Fiducia Supplicans' hinausgeht. Und da hat er Recht." Die Antwort des Papstes bewertet Martin als "weise, sorgfältig und durchdacht". Und schließlich erinnert er daran, dass Leo die Vision seines Vorgängers Franziskus weitertrage, wonach die Kirche offen sein müsse für "alle, alle, alle" Menschen - auch für jene, die zu sexuellen Minderheiten gehören.
Nachdem sich der Papst persönlich zu dem Thema geäußert hat, liegt nun der Ball wieder in Deutschland. Für Heiner Wilmer, den neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz, der im Denken nahe bei Papst Leo XIV. sein soll, ist es eine Chance, sich als Moderator in einem heiklen Konflikt zu bewähren. Bis Freitagmittag allerdings hieß es auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), die Bischofskonferenz werde den Vorgang derzeit nicht kommentieren. Auch Kardinal Marx und andere Bischöfe wollten sich nicht äußern.