Warum Spanien nur noch einen Papstwähler hat

Ein Versehen von Franziskus?

Wenn Barcelonas Kardinal Omella an diesem Dienstag sein 80. Lebensjahr vollendet, wird Spanien nur noch einen Papstwähler haben. Der 60-jährige José Cobo Cano ist seit 2023 Erzbischof von Madrid und der letzte spanische Papstwähler.

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Konklave in der Sixtinischen Kapelle / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Konklave in der Sixtinischen Kapelle / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Dass für den verstorbenen Papst Franziskus (2013-2025) das "Kardinäle-Machen" ein zentrales Mittel seiner Politik war, ist kein Geheimnis. 

Tatsächlich wählten seine Kardinäle von den Rändern der Weltkirche ja am Ende keinen Vertreter des alten europäisch-italienischen Establishments – sondern einen US-Ordensmann mit weitem weltkirchlichem Horizont, den Franziskus über viele Jahre beobachtete und dann von langer Hand aufgebaut hat: als Bischof in Peru und später Leiter der vatikanischen Bischofsbehörde.

Papst Franziskus bei der Weltsynode (synod.va/Lagarica)
Erhob viele Bischöfe aus Ländern in den Kardinalsstand, die noch nie einen hatten: Papst Franziskus.

In fast jedem vollen Jahr seiner zwölfjährigen Amtszeit hat Franziskus neue Kardinäle ernannt; 149 insgesamt. Und Kardinäle, so legte Paul VI. 1970 fest, verlieren mit Erreichen der Altersgrenze von 80 Jahren ihr Stimmrecht bei der Papstwahl. Die Zusammensetzung des Wahlgremiums kann sich also binnen weniger Jahre gründlich ändern.

Kardinäle kommen und gehen – und wer als Papst seinen Kurs über die eigene Amtszeit hinaus fortgesetzt wissen will, muss auch den Kreis der Wähler in seinem Sinne prägen, damit das kirchenpolitische Pendel vorerst nicht in die andere Richtung ausschlägt.

Mongolei statt Mailand

Der Argentinier Franziskus ließ viele traditionell sichere Bischofssitze für das Kardinalskollegium außen vor. Dafür gab er Bischöfen aus Ländern den Purpur, die noch nie auch nur in die Nähe eines Kardinalshutes gekommen waren: Tonga statt Paris, Kapverden statt Venedig, die Mongolei statt Mailand.

Das Wahlmännergremium ist also an den Rändern derzeit ziemlich ausgefranst. Doch die Rechnung des Papstes "vom Ende der Welt", wie er sich 2013 selbst vorstellte, ist aufgegangen: Ein "Franziskus-Mann" wurde sein Nachfolger – auch wenn Robert Prevost/Leo XIV. die Schalthebel des Vatikans deutlich behutsamer handhabt als sein einstiger Förderer.

Juan Jose Omella, Erzbischof von Barcelona / © Cristian Gennari/Romano Sicilian (KNA)
Juan Jose Omella, Erzbischof von Barcelona / © Cristian Gennari/Romano Sicilian ( KNA )

Dieser Tage fällt die Zahl der potenziellen Papstwähler erstmals seit langem wieder unter 120 – was Johannes Paul II. (1978-2005) einst als Obergrenze festgelegt hatte. Mit Fernando Filoni am 15. April und Francesco Montenegro am 22. Mai verlieren zwei weitere Italiener ihr Stimmrecht im Konklave; hinzu kommt Juan José Omella Omella aus Barcelona, der am 21. April sein 80. Lebensjahr vollendet.

Es bleibt nur Madrid

Letzteres wirft ein weiteres Schlaglicht auf die Kardinalspolitik von Franziskus: Zwar hat Spanien elf Kardinäle und damit die drittmeisten weltweit nach Italien (58) und den USA (17). Doch nach und nach sind Spaniens Purpurträger aus dem Wahlalter herausgewachsen. Mit Omellas Geburtstag wird die katholische Nation, die Leo XIV. im Juni besucht, nur noch einen einzigen Papstwähler haben: José Cobo Cano (60), seit 2023 Erzbischof von Madrid. 

Kardinal José Cobo Cano / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal José Cobo Cano / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Wie konnte das passieren? Fehlende Umsicht beim Nuntius in Spanien oder in der vatikanischen Bischofsbehörde unter Robert Prevost, jetzt Leo XIV.? Ein Versehen von Franziskus? Oder gar eine späte Rache des stolzen Argentiniers an der einstigen Kolonialmacht Lateinamerikas? Am Ende kann man nur spekulieren.

Leere Drehscheiben

Das Phänomen ist jedenfalls keineswegs singulär. Das urkatholische, aber von Missbrauchsskandalen schwer gebeutelte Irland ist schon seit 2019 ohne jeden Papstwähler. Ebenso Großbritannien, das einst die Meere und die halbe Welt beherrschte. Und wenn auch London vielleicht keine wirklich zentrale Drehscheibe der katholischen Weltkirche mehr ist – Wien als einstige Hauptstadt der k. u. k. Monarchie ist es auf jeden Fall. Doch auch Österreich ist seit Anfang 2025 ohne Stimmrecht für die Papstwahl. Deutschland stagniert seit 2014 bei drei Wählern.

In der Summe kann man wohl festhalten: Papst Leo XIV. hat Anlass und Möglichkeit, demnächst erstmals eigene Akzente bei der Zusammensetzung seines Senats zu setzen. Und die behutsame Art, mit der er seither einigen eher brachialen Maßnahmen seines Vorgängers entgegengesteuert hat, lässt vermuten, dass bald auch die traditionellen Kardinalssitze wieder vermehrt zum Zug kommen werden.

Die 10 ältesten Kardinäle aller Zeiten

Zum 100. Geburtstag des früheren italienischen Vatikandiplomaten Angelo Acerbi hat die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) eine Liste der ältesten Kardinäle seit 1750 und damit mutmaßlich aller Zeiten zusammengestellt 

1) Corrado Bafile (1903-2005), italienischer Vatikandiplomat und Papstbotschafter in Deutschland; 101,5 Jahre (37.106 Tage)

2) Loris Francesco Capovilla (1915-2016), langjähriger Privatsekretär von Papst Johannes XXIII., Erzbischof von Chieti und Prälat von Loreto; 100,6 Jahre (36.751 Tage)

Die Kardinäle betreten in der Sala Regia die Sixtinische Kapelle im Vatikan, um das Konklave zu beginnen / ©  Uncredited/Vatican Media/AP (dpa)
Die Kardinäle betreten in der Sala Regia die Sixtinische Kapelle im Vatikan, um das Konklave zu beginnen / © Uncredited/Vatican Media/AP ( dpa )
Quelle:
KNA