DOMRADIO.DE: Sie haben vor einigen Tagen in einem Videoclip gesagt, der Status quo in der Grabeskirche kenne keinen Krieg. Was heißt das?
Bruder Jakobus-Maria Raschko (Franziskanermönch in der Jerusalemer Grabeskirche): Das heißt, was ansteht, werden wir auch tun. Wir sind zehn Franziskaner in der Grabeskirche. Drei sind für die Sakristei zuständig, einer ist der sogenannte Präsident und sechs weitere sind Priester, die abwechselnd ihren Dienst tun.
Egal, ob Pilgerinnen und Pilger da sind oder nicht, machen wir unseren Gottesdienst – oder wir haben ihn zu machen. Denn die abendländische lateinische Kirche ist nicht alleine in der Grabeskirche, auch orthodoxe Christen, wie die Armenier, die Griechen, die Syrer, Kopten, und Äthiopier sind dort.
DOMRADIO.DE: Sie haben also ein zeitliches Konzept, wer, wann, wo feiert. Daran halten sich alle Konfessionen auch in der jetzigen Situation, wenn Luftalarm ist?
Br. Jakobus-Maria: Gerade deswegen. Seit 1853 ist diese Einteilung ziemlich fixiert, sodass es fast keine Streitpunkte mehr gibt; zumindest von uns aus gesehen – die Orthodoxen hakeln untereinander noch ein bisschen. Aber von uns aus gesehen ist alles genau festgelegt.
Am Anfang haben wir vom Alarm gar nichts mitbekommen und haben einfach ein bisschen lauter gesungen, wenn die Sirene losging. Wir fühlen uns in der Grabeskirche sehr sicher. Bisher kamen meistens nur Trümmer herunter. Der nächste schlug bei den orthodoxen Nachbarn auf dem Dach auf und hat ein paar Ziegel zerdeppert, schlug aber nicht durch. Insofern läuft es normal weiter.
DOMRADIO.DE: Und die israelische Regierung selbst und die Polizei lassen Sie gewähren? Gibt es keine Ausgangssperren oder die Pflicht, sich in einen Schutzraum begeben zu müssen?
Br. Jakobus-Maria: Wir machen es. (lacht) Das ist eine orientalische Lebensart: "Wir machen's. Wer viel fragt, kriegt vielleicht falsche Antworten." Wir sind mittlerweile in der vierten Woche seit den ersten Angriffen und auch bei der Polizei hat sich etwas verändert.
Am Anfang waren die Haupttüre und beide Außentüren verschlossen. Als wir aber geklopft haben, weil wir um 15.35 Uhr unser Abendgebet und die tägliche Prozession hatten, durften wir rein.
Seither kann man die Kirche, wenn man weiß, welche Türen offen sind, betreten. Mittlerweile dürfen sogar die Arbeiter wiederkommen, die unseren Fußboden seit drei Jahren aufwendig neu machen. Den wollten wir eigentlich nach Ostern groß einweihen.
DOMRADIO.DE: Sie haben das Verhältnis der verschiedenen Konfessionen angesprochen. Lässt die aktuelle Situation mit den Alarmen und dem Krieg die Konfessionen innerhalb der Grabeskirche mehr zusammenrücken als das sonst der Fall wäre?
Br. Jakobus-Maria: Klar, auf jeden Fall. Die Griechen, Armenier und wir Franziskaner sind die Hauptverantwortlichen für die Grabeskirche und müssen uns einig sein, damit wir gegenüber Israel bzw. den Behörden eine Stimme haben. Wir sind uns auch einig. Und wie gesagt, die Arbeiter kommen wieder – das heißt, es klappt ganz gut.
DOMRADIO.DE: Normalerweise kommen über die Kar- und Ostertage regelrechte Menschenmassen in die Grabeskirche, aktuell stehen Sie dort fast alleine. Ist das nicht etwas karg? Wie blicken Sie auf die kommende Woche?
Br. Jakobus-Maria: Ich weiß noch nicht genau, wie ich das einschätzen soll. Ich war vorher in Deutschland 30 Jahre in den Pfarreien und damals war Ostern das Highlight des Jahres, wo viele Menschen kamen, die sonst nicht im Gottesdienst waren. Es ist schon ein komisches Gefühl.
Auf der anderen Seite sind wir es auch gewohnt, dass wir unter uns sind. Natürlich sind wir sichtbar allein, aber wir fühlen uns mit der Kirche verbunden. Und wir nehmen dann auch ganz bewusst alle mit hinein und sagen: "Wir sind nicht allein."
DOMRADIO.DE: Wissen Sie, ob der Patriarch am Palmsonntag kommen wird?
Br. Jakobus-Maria: Das Programm steht fest. Heute ist der erste Tag, an dem wir unser Programm so richtig durchführen können. Heute feiern wir die Sieben Schmerzen Mariens. Das haben wir um 9 Uhr groß gefeiert, wie jedes Jahr kam der Vizekustos rein. Wir waren 13 Brüder und haben die feierliche Liturgie gemacht und sogar mehr gesungen als sonst.
DOMRADIO.DE: An Palmsonntag wird die Kollekte klassisch für die Aufgaben der Christen im Heiligen Land gesammelt. Inwieweit wird Ihre Arbeit in der Grabeskirche durch diese Kollekte unterstützt?
Br. Jakobus-Maria: Natürlich ganz stark. Aktuell sowieso. Wir haben keine eigene Kollekte, hier bestellt niemand eine Heilige Messe oder gibt Spenden ab. Alle Gemeinschaften, die jetzt im Heiligen Land sind, leben von diesem Geld. Das Gros des Geldes wird dafür verwendet, um die Christen hier im Heiligen Land zu halten, etwa durch günstigen Wohnraum. Ich habe mal gelesen, Tel Aviv und Jerusalem sind die teuersten Städte in der ganzen Welt.
Und das Lohnniveau ist nicht besonders hoch. Auch dafür benötigen wir Spenden und die Kollekte vom Heiligen Land. Damit werden unsere Ausbildungsstätten, Schulen und Kindergärten und alles, was dort drumherum läuft, aufrechterhalten. Mit der Hilfe von außerhalb haben wir das bisher relativ gut geschafft.
Das Interview führte Jan Hendrik Stens.