DOMRADIO.DE: Der Markusdom in Venedig erhält eine neue Orgel – mit Unterstützung aus Bonn. Das Instrument soll bis Ende 2028 fertiggestellt werden – rechtzeitig zum 1.200-Jahr-Jubiläum der Überführung der Reliquien des Evangelisten Markus. Sie waren in der letzten Woche in Venedig, weil Sie dort als Berater fungieren. Wie ist es dazu gekommen?
Prof. Winfried Bönig (Kölner Domorganist): Bei Projekten dieser Größenordnung ist das ein üblicher Vorgang. Daher wollte auch Alvise Mason, der Organist am Markusdom, eine international besetzte Kommission und hat meine Kollegen Martin Baker, der bis vor kurzem an der Westminster Cathedral in London tätig war, Jean-Baptist Monnot, Organist an der Abteikirche St. Ouen in Rouen/ Frankreich, wo ein weltberühmtes Instrument steht, und mich dazu eingeladen, unsere Erfahrungen einzubringen, wie eine Orgel in einem solchen Raum wirken soll und welche Fehler man unter Umständen bei einer Planung vermeiden sollte.
Da wir in der Orgelszene alle gut miteinander vernetzt sind, laufen solche Beratungen unkompliziert und sehr effektiv ab. Jeder bringt seine Expertise ein. Und natürlich freue ich mich über diese Anfrage. Andererseits spielen Westminster Cathedral, San Marco und der Kölner Dom auch in derselben Liga.
DOMRADIO.DE: Welche konkrete Aufgabe haben Sie denn als Berater?
Bönig: Wir sitzen zusammen über den Plänen und besprechen: Wo genau ist der beste Standort für die Orgel? Welcher Klang ist gewünscht? In welche Richtung soll er gehen? Wie soll der Spieltisch aussehen? In diesem konkreten Fall waren auch noch der Domkapellmeister aus Bologna mit dabei und natürlich die verantwortlichen Orgelbauer Philipp Klais aus Bonn sowie der italienische Orgelbauer Francesco Zanin aus Codroipo. Beide sind ja gemeinsam mit diesem Millionenprojekt beauftragt.
Zu einem solchen Zeitpunkt steht die Konzeption des Instrumentes bereits fest, der Vertrag dazu wurde im Februar unterzeichnet. Es geht also um die Feinarbeit, die oft aber ja entscheidend ist; wir externen Berater bringen dann Anregungen und eventuell Optimierungsvorschläge ein: wie ein bestimmtes Register zusammengesetzt ist und wie genau die Aufstellung in diesem empfindlichen Raum mit diesen tollen Mosaiken gelingen kann. Denn natürlich ist es Wahnsinn, da überhaupt noch etwas zusätzlich hineinzustellen. Irgendetwas wird ja immer verdeckt.
Andererseits handelt es sich um einen lebendigen Raum, und klar muss da eine Orgel rein. Die bestehende Orgel, die jetzt durch eine größere ersetzt wird, ist um einiges kleiner. Folglich wird zusätzlich ein völlig neues Gehäuse installiert. Und natürlich ist das auch erst einmal ein optischer Störfaktor in diesem historischen Raum. Das heißt, man muss wirklich genau überlegen, wie man das gut löst. Darin liegt eine große Verantwortung. Im Oktober wird es dann ein nächstes Treffen bei der Firma Klais in Bonn und bei uns im Dom geben, um sich in unserer Kathedrale konkret anzuhören, was ähnlich so auch im Markusdom realisiert werden soll.
DOMRADIO.DE: Können Sie kurz beschreiben, um welche Art Instrument es sich handelt und was das Besondere daran ist?
Bönig: Geplant ist ein vierteiliges Instrument mit Haupt- und Solowerk im Altarraum sowie zwei weiteren Sektionen im Querschiff mit insgesamt 4.600 Pfeifen. Zudem wird die historische Callido-Orgel von 1766 unter Verwendung erhaltener Pfeifen rekonstruiert. Ziel ist eine räumlich differenzierte Klanggestaltung, wie gesagt abgestimmt auf die Akustik und die Mosaiken der Basilika. Es geht um ein Projekt, das von großer kultureller und liturgischer Bedeutung ist, zumal es sich ja nicht nur um eine instrumentale Erneuerung handelt, sondern gleichzeitig um einen bedeutenden Meilenstein in der über sieben Jahrhunderte währenden Musikgeschichte des Markusdoms. Seit seiner Gründung spielt die Musik hier eine zentrale Rolle und hat in der Vergangenheit die Basilika zu einem der einflussreichsten Orte Europas für die Entwicklung der westlichen Musiktradition gemacht.
Die Anordnung der Sektionen ermöglicht ein eindrucksvolles Hörerlebnis, das mit der Architektur und Akustik des Markusdoms harmoniert. Die Rekonstruktion und Restaurierung einer der beiden historischen Orgeln von Gaetano Callido wiederum verfolgen das Ziel, die traditionelle Aufführungspraxis mit zwei Orgeln, die für die große venezianische Musiktradition charakteristisch ist, wiederzubeleben. Die Verantwortlichen in der Stadt und im Bistum betonen immer wieder, dass es nicht einfach nur um die Restaurierung oder den Neubau eines Instrumentes geht, sondern dass sich ganz Venedig darauf vorbereitet, seine musikalische Identität zu feiern und die Rolle des Markusplatzes als Ort zu sichern, an dem Kunst, Glaube und Klang im Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft weiterleben.
Dieses Orgelprojekt steht auch für die historischen Wurzeln der Stadt. Von daher geht es außerdem darum, eine jahrhundertealte Tradition für zukünftige Generationen lebendig zu halten. Dass Musik zusammen mit der Architektur und dem erfahrbaren Glauben, dem Herzstück jedes Gotteshauses, einen Dreiklang bildet, ist bei uns in Köln ja nicht anders.
DOMRADIO.DE: Bei einem Orgelneubau schlägt sicher das Herz eines jeden Organisten höher, weil ein solches Instrument zunächst einmal modernsten Anforderungen und Erkenntnissen entspricht. Oder sind das die falschen Kategorien? Sind Vergleiche – zum Beispiel mit unserer nun fast 80 Jahre alten Kölner Domorgel – müßig?
Bönig: Ein Vergleich hinkt immer. Die venezianische Orgel wird in jedem Fall italienisch beeinflusst sein. Der Orgelbau teilt sich ja in Landschaften ein. Eine Orgel aus Mitteldeutschland klingt in ihrer Tradition anders als eine süddeutsche oder norddeutsche. Das ist in Italien nicht anders. Eine norditalienische Orgel klingt anders als eine Orgel in Sizilien. Selbst in diesen Zeiten von Globalisierung versucht man immer, einen bestimmten Charakter zu bewahren. Das heißt, eine Orgel, wie sie in Venedig gebaut wird, würde man so im Kölner Dom nie bauen. In Italien gibt es ganz andere Klangideale als in Deutschland. Hinzu kommt, dass die Größe des Raumes immer eine Rolle spielt: Die Orgel in San Marco muss nicht so einen großen Raum wie den Kölner Dom beschallen.
Natürlich haben sich inzwischen auch die Standards geändert. Heute würde man im Dom nicht mehr eine Orgel bauen, wie man das 1948 getan hat. Die Entwicklung geht ja immer weiter. Schon 20 Jahre machen da viel aus. Mittlerweile gibt es viel mehr Elektronik. Aber selbst die reine Technik ist so gestaltet, dass man den italienischen Charakter des Instrumentes erhalten will. Darüber diskutieren wir dann auch.
Die meisten italienischen Organisten spielen allerdings auch viel die Literatur ihrer Landsleute. So sind barocke italienische Orgeln schon sehr speziell. Auf denen kann man dann aber auch keinen Bach spielen, für den man ganz andere Voraussetzungen an Klangmöglichkeiten braucht. Allein schon die Tastatur würde gar nicht ausreichen. Und am Ende ist es auch eine Geschmacksfrage. Immer entscheidet man sich für einen bestimmten Stil.
DOMRADIO.DE: Was wissen Sie über italienische oder venezianische Orgelmusik? Welchen Platz nimmt sie bei Ihnen persönlich ein?
Bönig: Einer der Protagonisten des italienischen Barocks war der Komponist Girolamo Frescobaldi in Rom, der aber auch in Venedig damals schon viel gespielt wurde. In ganz Venedig gibt es tolle Orgeln, die mitunter 200 oder 300 Jahre alt sind. Deshalb ist es auch so wichtig, dass mit der neuen Markus-Orgel eine schon lange bestehende Tradition auf neue Füße gestellt wird und auch modernere Literatur gespielt werden kann.
Mit der Renaissance entwickelte sich die Markus-Basilika zu einem wahren musikalischen Labor. Die Ernennung von Pietro de Fossis zum Kapellmeister im Jahr 1491 markierte den Beginn einer Phase großer Erneuerung, die mit Adriano Willaert ab 1527 einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Er entwickelte systematisch die Praxis der „cori spezzati“ und nutzte die Architektur und die einzigartige Akustik von San Marco, um räumliche Klangeffekte und Dialoge zwischen den in verschiedenen Teilen der Kirche positionierten Musikgruppen zu erzeugen.
Später waren es die Barockmeister Andrea und Giovanni Gabrieli, die diese Tradition perfektionierten, indem sie den Einsatz gleich mehrerer Chöre berücksichtigten und Instrumente in die liturgische Musik integrierten. Auch Kapellmeister Claudio Monteverdi, der ab 1613 an der Basilika wirkte und dessen chorisches Werk die europäische Kirchenmusik nachhaltig beeinflusste, gehörte in Venedig zu den prägenden Musikerpersönlichkeiten.
Ich selbst spiele mit großer Begeisterung italienische Komponisten, weil es eine ganz eigene Musik ist, die mit nichts anderem vergleichbar ist. Die Gabrielis kommen in meinen Programmen immer wieder vor oder auch Bearbeitungen von Vivaldi-Werken, der ja Venezianer war, allerdings für Orgel selbst nichts geschrieben hat.
DOMRADIO.DE: Auch der Kölner Dom bekommt im Juni wieder eine neue Orgel: nach der Querhausorgel von 1948 und der kleineren Schwalbennestorgel im Langhaus aus dem Jahr 1998 eine "Marienorgel". Alle drei Orgeln wurden dann von der renommierten Bonner Orgelbaufirma Klais gebaut. Was ist da der Stand der Dinge? Und welche Kriterien muss diese neue Orgel erfüllen?
Bönig: Der Produktionsprozess ist gerade noch im vollen Gang. Die Orgel befindet sich derzeit noch in der Werkstatt, nach Ostern wird dann erst einmal die Elektronik ausgewechselt. Es muss ja alles mit den beiden anderen Orgeln kompatibel sein, und danach wird erst mit der Aufstellung begonnen. Das geht jetzt alles Schlag auf Schlag, bis die Orgel dann von unserem Kardinal am 14. Juni feierlich eingeweiht wird.
Diese neue Marienorgel wird sicher nochmals einen besonderen musikalischen Akzent setzen, worüber auch lange diskutiert wurde – wie zu Recht immer intensiv gerungen wird, wenn es um einen optischen Eingriff in den historischen Raum geht. Sie soll da hinein passen, ist aber trotzdem mit ihren technischen Möglichkeiten ein Kind des 21. Jahrhunderts und muss sich nicht verstecken. Ich meine, es ist nun eine sehr schöne Lösung gefunden worden. Einerseits wird die Orgel eine tragende Rolle in der Liturgie der Marienkapelle übernehmen, andererseits mit ausreichend Klang die Konzerte der Dommusik mit ihren vier Chören im Hochchor unterstützen.
Für die konzertante Nutzung ist das Instrument fahrbar konstruiert. Das bedeutet, für die Liturgiebegleitung bleibt die Orgel, auf Höhe der Marienkapelle, unterhalb der Chorwand im 1. Joch des Chorumgangs stehen. Für eine optimale Klangabstrahlung bei Konzerten im Hochchor aber wird die Orgel über die Chorwand hinaus nach oben ausgefahren. Dafür ist ein hochpräzise arbeitender Scherenhubtisch notwendig, der in wenigen Minuten nach oben ausfahrbar ist. Vom Hochchor aus ist dann lediglich der obere Teil, der über die Chorwand hinausragt, zu sehen.
Da sich der Standort der Marienorgel im optisch sensiblen Bereich des Chorumgangs befindet, werden die baulichen Dimensionen der Orgel auf das absolut notwendige Maß begrenzt. Dass die neue Orgel im Einklang mit der Architektur und der Atmosphäre dieses besonderen Kirchenraumes steht, war bei der Planung ein ganz entscheidendes Kriterium. Darüber hinaus wird es möglich sein, vom neuen Spieltisch aus alle drei Orgeln des Kölner Domes gleichzeitig spielen zu können, was allermodernster Technik entspricht.
In allen großen Kirchen geht es bei Orgelneuplanungen immer um einen Spagat, weil die Orgel meist an einer architektonisch empfindlichen Stelle steht. Das gilt für den Markusdom genauso wie für den Kölner Dom oder auch Notre Dame in Paris. Die Masterfrage lautet daher stets: Wie baut man etwas Neues, das selbstbewusst genug sein darf und sich dennoch gut in das bestehende große Ganze fügt.
Das Interview führte Beatrice Tomasetti.