Der Palmsonntag gehört zu den eindrucksvollsten Tagen im Kirchenjahr – besonders in Jerusalem. Normalerweise ziehen dann tausende Gläubige aus aller Welt gemeinsam vom Ölberg hinunter in die Altstadt, mit Palmzweigen in den Händen, singend, betend, begleitet von Musik und einer spürbar internationalen Atmosphäre. "Das ist ein ganz großer Tag für die einheimischen Christen und die vielen Pilger", sagt Matthias Vogt, Generalsekretär des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande. Die Prozession endet traditionell mit einem Gottesdienst am Beginn der Via Dolorosa.
Für viele ist dieses Erlebnis tief bewegend. Vogt erinnert sich an das vergangene Jahr: Trotz strömenden Regens hätten Menschen gesungen, getanzt und gebetet. "Die Äthiopier haben getanzt, andere haben den Rosenkranz gebetet – das ist eine ganz besondere, weltumspannende Stimmung."
Religiöses Leben steht still
Doch in diesem Jahr ist alles anders. Der Krieg legt das religiöse Leben im Heiligen Land nahezu lahm. Öffentliche Gottesdienste sind seit Wochen untersagt, Kirchen geschlossen. Die Muslime durften im Ramadan keine öffentlichen Gebete abhalten und auch die große Palmsonntagsprozession wurde abgesagt. Zu groß sind die Sicherheitsbedenken angesichts möglicher Raketenangriffe aus dem Iran. Stattdessen hat der Lateinische Patriarch von Jerusalem die Gläubigen weltweit dazu aufgerufen, am Vorabend zu Palmsonntag gemeinsam den Rosenkranz zu beten – als Zeichen der Verbundenheit über Ländergrenzen hinweg.
Für die Christen vor Ort sei das ein schmerzhafter Einschnitt. Selbst in der Corona-Pandemie habe es noch mehr Möglichkeiten gegeben, Gottesdienste zu feiern, so Vogt. Jetzt bleiben nur das private Gebet und digitale Zuschaltungen. Gemeinschaft, die sonst das kirchliche Leben prägt, ist kaum möglich.
Pilger bleiben aus – Einkünfte auch
Auch der Pilgertourismus, eine wichtige Lebensgrundlage vieler Menschen, vor allem in Jerusalem und im Westjordanland rund um Betlehem, ist vollständig zusammengebrochen. Gerade erst habe es vorsichtige Anzeichen einer Erholung gegeben, berichtet Vogt. Doch seit Beginn der aktuellen Eskalation Ende Februar sei der Betrieb wieder zum Stillstand gekommen. Flüge ins Heilige Land wurden eingestellt, touristische Sehenswürdigkeiten geschlossen.
Die wirtschaftlichen Folgen sind gravierend – insbesondere für die christliche Bevölkerung. Viele Familien leben direkt oder indirekt vom Pilgertourismus, etwa durch Souvenirhandel, Gastronomie oder als Reiseführer. Nach den Belastungen der Corona-Jahre und früherer Konflikte stehen nun viele erneut vor existenziellen Problemen. Kredite können nicht mehr bedient werden, Einkommen brechen weg, Perspektiven fehlen.
Hilfe aus Deutschland
Der Deutsche Verein vom Heiligen Lande versucht gegenzusteuern. Gemeinsam mit dem Lateinischen Patriarchat von Jerusalem werden Programme unterstützt, die Arbeitsplätze schaffen und Ausbildung ermöglichen. Dazu gehören Berufsqualifizierungen, Förderungen für kleine Unternehmen oder Hilfe bei der Gründung von Kleinstbetrieben. Auch konkrete Einzelfallhilfen – etwa für Schulgelder, medizinische Versorgung oder Pflegekosten – seien wichtiger denn je, so der Generalsekretär.
Dabei bewegt sich die Hilfe in einem sensiblen Spannungsfeld. Christen leben sowohl auf palästinensischer als auch auf israelischer Seite – und sind von der Gewalt auf beiden Seiten betroffen. Vogt betont, dass es nicht um politische Parteinahme gehe, sondern um Solidarität mit den Menschen. "Ich kann nicht neutral sein, wenn Menschen leiden", sagt er. Es gehe darum, für Gerechtigkeit einzutreten und Leid zu lindern – unabhängig von Herkunft oder Zugehörigkeit.
Palmsonntagskollekte setzt auf Hoffnungszeichen
Vor diesem Hintergrund steht auch die Palmsonntagskollekte in Deutschland, die traditionell den Christen im Heiligen Land zugutekommt. In diesem Jahr trägt sie das Motto "Hoffnung säen" – ein Anspruch, der angesichts von Krieg, Angst und Zerstörung fast widersprüchlich erscheint. Doch genau darin sieht Vogt den Auftrag: Dort Hoffnung zu ermöglichen, wo Verzweiflung droht.
Ein kleines Projekt in Ostjerusalem steht beispielhaft dafür: An der Schmidt-Schule, die christliche und muslimische Palästinenserinnen besuchen, wurde ein Gewächshaus aufgebaut, in dem die Schülerinnen Pflanzen anbauen und pflegen. Dabei gehe es um mehr als nur Gartenarbeit, erklärt Vogt. Die Jugendlichen lernten Verantwortung – für die Pflanzen und füreinander. "Jede Pflanze wächst nur, wenn sie gepflegt wird", habe eine Lehrerin gesagt. "Und mit der Hoffnung ist es genauso: Sie braucht Zeit, Geduld und Zuwendung."
In einer Zeit, in der vieles zerstört wird, sind solche Zeichen klein – aber entscheidend, davon sind Vogt und seine Mitarbeiter vom Heilig-Land-Verein überzeugt: "Sie zeigen, dass Hoffnung selbst unter schwierigsten Bedingungen wachsen kann."