Warum Canterburys Erzbischöfin zu einem katholischen Märtyrer pilgert

In den Stiefeln des Heiligen Thomas Becket

Der Pilgrim’s Way im Südosten Englands endet an einem Tatort: in Canterbury, wo der Heilige Thomas Becket ermordet wurde. Diesen historischen Pilgerweg hat die neue Erzbischöfin Sarah Mullally vor ihrer Amtseinführung gewählt.

Autor/in:
Gerald Mayer
Kathedrale von Canterbury / © Alexey Fedorenko (shutterstock)
Kathedrale von Canterbury / © Alexey Fedorenko ( shutterstock )

Die Kathedrale von Canterbury ist ein Touristenmagnet. Jedes Jahr strömen Hunderttausende Besucher in das gewaltige Gotteshaus im Südosten Englands. Viele fotografieren die gotischen Bögen, die bunten Fenster, die Kreuzgänge. Nur wenige bleiben lange an einer unscheinbaren Stelle im Steinboden stehen. Dort ist ein Name eingelassen: Thomas.

Hier wurde am Abend des 29. Dezember 1170 der Heilige Thomas Becket erschlagen. Vier Ritter drangen in die Kathedrale ein und töteten den Erzbischof vor dem Altar. Wenige Minuten dauerte der Angriff – doch er veränderte die Geschichte der englischen Kirche. Bis heute führt ein alter Pilgerweg zu diesem Ort.

Sarah Mullally vor ihrer Amtseinführungszeremonie in der St. Paul's Cathedral, mit der sie offiziell als neue Erzbischöfin von Canterbury bestätigt worden ist. Als Erzbischöfin von Canterbury ist Mullally das geistliche Oberhaupt der Church of England.  / ©  Gareth Fuller/PA Wire/dpa (dpa)
Sarah Mullally vor ihrer Amtseinführungszeremonie in der St. Paul's Cathedral, mit der sie offiziell als neue Erzbischöfin von Canterbury bestätigt worden ist. Als Erzbischöfin von Canterbury ist Mullally das geistliche Oberhaupt der Church of England. / © Gareth Fuller/PA Wire/dpa ( dpa )

Die neue Erzbischöfin von Canterbury auf Pilgerschaft

Sarah Mullally folgt Thomas Becket mit einem Abstand von mehr als 800 Jahren auf den Stuhl des Erzbischofs von Canterbury. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt bekleidet, und steht – anders als Thomas Becket – nicht mehr der katholischen Kirche von England als Primas vor, sondern der anglikanischen Kirche. 

Am Mittwoch wird sie in der Kathedrale von Canterbury in ihr Amt eingeführt. Vor ihrer Amtseinführung hat sie sich von London aus zu Fuß auf einen 140 Kilometer langen Weg durch Kent gemacht. Eine Tradition, der englische Pilger seit dem Tod von Thomas Becket folgen und die an der Kathedrale von Canterbury endet, einem der wichtigsten Pilgerziele Europas.

Von London auf den North Downs Way

Ihren Pilgerweg hat Mullally an ihrem bisherigen Bischofssitz begonnen: an der St. Paul's Cathedral. Hier war ihr Vorgänger Thomas Becket als Kanoniker, also als Priester der Kathedrale, tätig.

Die St Paul's Cathedral in London war der Bischofssitz von Sarah Mullally bevor sie zur Erzbischöfin von Canterbury ernannt wurde. / © Mistervlad (shutterstock)
Die St Paul's Cathedral in London war der Bischofssitz von Sarah Mullally bevor sie zur Erzbischöfin von Canterbury ernannt wurde. / © Mistervlad ( shutterstock )

Mit jedem Schritt von der Londoner Innenstadt aus in den Süden werden die Häuser niedriger. Vorbei am historischen Greenwich Observatory führt der Pilgerweg in die grüne Landschaft von Kent. Hügel aus hellem Kreidegestein, Felder, Obstgärten. Der Pilgrim’s Way folgt alten Wegen am Fuß der Hügelkette "North Downs", die schon lange vor dem Mittelalter genutzt wurden.

Der Mann des Königs

"Auf dem Weg durch die Landschaft von Kent und seine Städte und Dörfer werde ich über die Tradition der Pilgerschaft nach Canterbury nachdenken", sagte Mullally vor ihrer Reise. Jedes christliche Leben ist eine Pilgerreise – ein Weg mit Gott."

Ein Wegweiser auf dem Pilgrim's Way bei Lenham.  / © Stormsworld (DR)
Ein Wegweiser auf dem Pilgrim's Way bei Lenham. / © Stormsworld ( DR )

Dass die irdische Pilgerreise von Thomas Becket mit einem Mord in der Kathedrale von Canterbury enden würde, hätten seine Zeitgenossen wohl kaum erwartet. 

Denn Thomas Becket war einer der engsten Vertrauten des damaligen Königs Henry II. 

Thomas, Sohn normannischer Kaufleute aus London, machte am Hof schnell Karriere. Zeitweise war er sogar für die Ausbildung der Kinder des Königs zuständig. 

Und so ernannte ihn Henry zum Lordkanzler, dem höchsten Beamten des Königreichs. Becket verwaltete Finanzen, führte diplomatische Verhandlungen, begleitete den König auf Feldzügen.

Sie jagten gemeinsam, feierten gemeinsam und regierten gemeinsam. Als der damalige Erzbischof von Canterbury starb, witterte der König eine Chance. Kirchliche und weltliche Macht könnten in einer Hand vereint werden. Sein Kanzler sollte der neue Erzbischof werden. Die Frage, wer die letzte Autorität hat – Kirche oder König – wäre damit für England geklärt. Das letzte Wort hätte bei beidem Henry. 

Darstellung von Thomas Becket in einem Kirchenfenster. Das Schwert in seinem Kopf deutet auf sein Martyrium hin. / © Zvonimir Atletic (shutterstock)
Darstellung von Thomas Becket in einem Kirchenfenster. Das Schwert in seinem Kopf deutet auf sein Martyrium hin. / © Zvonimir Atletic ( shutterstock )

Ein überraschender Bruch

Und so geschah es. 1162 wurde Thomas Becket zum Erzbischof erhoben und geweiht. Der Plan schien aufzugehen. Doch der neue Erzbischof wollte den machtbewussten Weg seines Königs nicht weiter mitgehen. Er traf eine Entscheidung, die den Plan des Königs zunichtemachte: Becket legte das Amt des Kanzlers nieder. Er stellte sich nun nicht mehr in den Dienst der Krone, sondern ganz in den Dienst der Kirche. 

Henry war außer sich. Der Konflikt zwischen Kirche und Krone war mitnichten beigelegt, sondern brandete erneut auf. Besonders strittig war die Frage der Gerichtsbarkeit über Geistliche. Der König wollte Priester, die Verbrechen begingen, vor weltliche Gerichte stellen. Becket bestand darauf, dass sie allein der kirchlichen Gerichtsbarkeit unterstehen. Der Streit wurde mit der Zeit so heftig, dass Becket 1164 ins Exil nach Frankreich fliehen musste. Sechs Jahre blieb er dort.

Die Aylesford Priory als spirituelle Oase 

Landschaftlich musste sich Thomas Becket in seinem Exil im französischen Kloster Pontigny kaum umgewöhnen. Auch hier prägen sanfte Hügel, weite Felder und kleine Wälder die Landschaft. Viel erinnert an die Hügel von Kent, durch die der Pilgrim’s Way nach Canterbury führt. 

Auf dem Weg liegt die Aylesford Priory, ein ehemaliges Karmelitenkloster aus dem 13. Jahrhundert. Der ruhige Innenhof, die Klosterkirche und die gepflegten Gärten geben einen Eindruck vom klösterlichen Leben, das den Alltag von Thomas Becket in Frankreich bestimmt haben wird. 

Die Aylesford Priory im englischen Kent ist ein jahrhundertealtes Pilgerziel.  / © Vitalii_Bondalietov (shutterstock)
Die Aylesford Priory im englischen Kent ist ein jahrhundertealtes Pilgerziel. / © Vitalii_Bondalietov ( shutterstock )

Aus dem französischen Exil zurück nach Canterbury 

1170 kehrte Thomas Becket von Pontigny auf Vermittlung des Papstes nach England zurück. Politisch war er am Hof isoliert, doch das Volk von Canterbury unterstützte seinen Erzbischof. 

Henry II. setzte zur Provokation an. In der Westminster Abbey ließ er seinen Sohn zum Mitkönig krönen. Aber nicht durch den Erzbischof von Canterbury, wie es die Tradition verlangte, sondern durch den Erzbischof von York.

Für Thomas Becket war das ein Affront gegen das Amt des Primas von England und die ganze Kirche. Er exkommunizierte die beteiligten Bischöfe.

Als Henry davon erfuhr, soll er in Wut ausgerufen haben: "Will mich denn niemand von diesem aufrührerischen Priester befreien?" Vier Ritter hörten diese Worte und nahmen sie als Auftrag an. Nur drei Jahre nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen: als Märtyrer des Kirchenrechts und der Freiheit der Kirche. Verehrt wird er heute in der katholischen wie in der anglikanischen Kirche. 

Das soll Henry II. in seiner Wut über Thomas Becket gesagt haben.

"Will mich denn niemand von diesem aufrührerischen Priester befreien?"


Canterbury wird zum Pilgerziel

Die Bekanntheit der Kathedrale von Canterbury und ihre Bedeutung als Pilgerziel wurde dadurch deutlich gesteigert. Und mit der Zeit entwickelte sich die Pilgerroute, die auch Sarah Mullally zurückgelegt hat: erst der Pilgrim’s Way und schließlich der moderne Becket Camino. 

In Canterbury endet die Route mitten in der Stadt. Aus den engen Gassen gelangen die Besucher durch einen mittelalterlichen Torbogen und treten in das offene Gelände um die Kathedrale. Die Anlage wirkt wie eine grüne Oase: Rasen, Gärten, alte Mauern. 

Von hier aus führt der Weg in das Innere der Kathedrale, in den Hochchor. Nur wenige Meter entfernt von der Stelle, an der Thomas Becket 1170 ermordet wurde. Hier endet der Pilgerweg. Und hier beginnt für Sarah Mullally ihr Amt als neue Erzbischöfin von Canterbury.

Eine Kerze brennt für den Heiligen Thomas Becket in der Kathedrale von Canterbury. / © Claudio Divizia (DR)
Eine Kerze brennt für den Heiligen Thomas Becket in der Kathedrale von Canterbury. / © Claudio Divizia ( DR )

Zwischen Kontinuität und Aufbruch

Die neue Erzbischöfin und ihr Amt unterscheiden sich viel von ihrem Vorgänger Thomas Becket: Sie ist Primas der anglikanischen Kirche, nicht mehr der katholischen. Die Frage nach der strafrechtlichen Verfolgung von Priestern ist geklärt. Und sie ist die erste Frau auf dem Sitz des Erzbischofs von Canterbury.

Eine Kontinuität ist nicht nur ihr neuer Wirkungsort, sondern auch ihre Grundüberzeugung: "Unsere Welt heute braucht die Liebe, die Heilung und die Hoffnung, die wir in Jesus Christus finden." Das verbindet sie mit Thomas Becket und mit jedem Pilger, der sich auf den Weg nach Canterbury macht. Nicht zuerst, um die Welt zu ändern, sondern um sich selbst damit zu ändern – und dadurch die Welt. 

Quelle:
DR

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