Die Liturgie beginnt mit einem Stationsgottesdienst bereits um 9:40 Uhr in der Minoritenkirche mit Palmwseihe. Von dort aus zieht die Prozession zur Hohen Domkirche, wo schließlich auch die Übertragung beginnt. In der Liturgie erklingen Werke von Andreas Hammerschmidt, Johann Michael Haydn, Claudio Monteverdi und Giovanni Pierluigi da Palestrina.
Evangelium vom Palmsonntag: Matthäus 21,1-11
Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger aus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen.
Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.
Die Jünger gingen und taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf dem Weg aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm nachfolgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!
Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.
Auslegung zum Palmsonntag von Franz Kamphaus: Eine Schattengeschichte
"Weshalb haben Sie das Kreuz in Ihrem Zimmer hängen?" fragte mich eine Besucherin. Ich stutzte. Was soll ich antworten? Sie fragte nach meinem Kreuz. Sie wollte wissen, was es mir in meinem Leben bedeutet, nicht als Dekoration im Zimmer, nicht als Kunstwerk, sondern als Lebensinhalt. Ich antwortete mit einer kleinen Geschichte:
"Es war einmal ein Mann, den ängstigte der Anblick seines eigenen Schattens so sehr, dass er beschloss, ihn hinter sich zu lassen. Er sagte zu sich: Ich laufe ihm einfach davon. Also stand er auf und lief davon. Aber der Schatten folgte ihm mühelos. Er sagte zu sich: Ich muss schneller laufen. Also lief er schneller und schneller, lief so lange, bis er tot zu Boden sank."
Zum Davonlaufen
Flucht vor dem Schatten – die kennt jeder, der sich selber kennt. Es ist oft zum Davonlaufen, weg von den Konflikten, weg von den zerbrochenen Beziehungen, den verfehlten Lebensentscheidungen, weg von den Halbheiten und Inkonsequenzen. Wir sind, wie wir sind: oft allzu menschlich, meist sehr durchschnittlich, zu wenig christlich. Dadurch, dass man heute nur noch spöttelnd oder gar nicht mehr von Sünde spricht, ist sie ja nicht aus der Welt. Die alte Schlange denkt gar nicht daran, sich aus dem Staub zu machen. Ganz im Gegenteil: Sie hat es sich gemütlich gemacht in unserem Alltag und treibt dort ihr Unwesen. Wenn man den eigenen Schwächen auf die Spur kommt und seinen Schatten wahr nimmt, kann’s einem Angst einjagen und in die Flucht treiben: weg, nichts wie weg, ja nichts mehr davon hören, ja nichts mehr davon sehen. Was immer wir tun, wir können unserem Schatten nicht entkommen. Er folgt uns auf dem Fuß. Davonlaufen ist also keine Lösung. Wir müssen uns ihm stellen. Das ist leichter gesagt als getan. Wo die Kraft finden, seinen Schatten anzunehmen?!
Der Baum des Lebens
Die Erzählung hat noch einen Nachsatz: "Wäre der Mann in den Schatten eines Baumes getreten, so wäre er seinen eigenen Schatten losgeworden. Aber darauf kam er nicht." Kommen Sie darauf, oder ich? Wo ist der Baum, der uns mit unserem Schatten aufnimmt? Hier sind wir mit der Weisheit der Erzählung am Ende. Hier beginnt eine andere Geschichte, jene, die Gott ins Werk gesetzt hat. Er hat sich der Sache angenommen, er hat unseren Schatten angenommen. Er hat in unserer Mitte einen Baum aufgerichtet, den Baum des Kreuzes. Er lädt uns ein, dass wir uns unter das Kreuz stellen. Wer das tut, der muss nicht mehr von Angst gejagt vor seinem Schatten fliehen. Er kann dazu stehen, weil er sich im Schatten des Kreuzes geborgen weiß. Er muss seine Schuld nicht verharmlosen, verschleiern oder verdrängen, er kann sie so ernst nehmen, wie sie ist. Er muss sie nicht bei anderen suchen oder in den anonymen Strukturen, er kann an seine eigene Brust schlagen. Wer immer wir sind und wie immer wir belastet sind mit unserer Lebensgeschichte – wir dürfen in den bergenden Schatten des Kreuzes treten. Damit sind nicht mit einem Schritt alle Probleme gelöst und alle Konflikte versöhnt. Wer wollte das sagen angesichts des Kreuzes! Aber wir haben Abend unter dem Kreuz einen Ort, wo wir aufrecht stehen können, mit unserem Versagen und zu unserem Versagen. Darum besingen wir das Kreuz als den Baum des Lebens.
Warum das Kreuz in meinem Zimmer hängt? Es erinnert mich jeden Tag daran, dass ich unter diesem Lebensbaum aufrecht stehen kann.
Franz Kamphaus (Bischof von Limburg, 1932–2024), aus: ders., Tastender Glaube. Inspirationen zum Matthäus-Jahr, 57–59, © Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern, 2. Auflage 2017, www.verlagsgruppe-patmos.de
Quelle: Magnificat - Das Stundenbuch