Türkischer Erzbischof lebt zwischen Christentum und Islam

Akzeptanz auf ungleicher Augenhöhe

Der Nahe Osten ist in Aufruhr. Seit Jahren schon erlebt die Region einen Exodus der Christen. Das Erzbistum Izmir gehört zu den ältesten Diözesen der Welt. Wie gelingt dort – "eingebettet in die muslimische Gesellschaft" – Seelsorge?

Autor/in:
Arne Conrad
Straßenszene an einem belebten Straßenkiosk im Stadtzentrum von Bayraklı, Izmir, Türkei / © idiltoffolo (shutterstock)
Straßenszene an einem belebten Straßenkiosk im Stadtzentrum von Bayraklı, Izmir, Türkei / © idiltoffolo ( shutterstock )

Erzbischof Martin Kmetec hat eine bewegte Geschichte. Seit 2021 ist er Bischof für Izmir. Der aus Slowenien stammende Geistliche hat vorher unter anderem in der libanesischen Hauptstadt Beirut gewirkt und dort Angst und Zerstörung aus nächster Nähe erlebt. Gerade deshalb geben ihm die kriegerischen Auseinandersetzungen in Nahost jetzt zu denken. 

Gemeinsam mit dem deutschen Priester Ludger Pasker, Pfarrer in Antalya, hat er vergangene Woche das Erzbistum Köln besucht, um Bewusstsein für die Lage seiner Diözese zu schaffen, in der auf über 100.000 Quadratkilometern gerade mal 5.000 Katholiken leben.

Erzbischof Martin Kmetec und Pfarrer Ludger Paskert (privat)
Erzbischof Martin Kmetec und Pfarrer Ludger Paskert / ( privat )

"Diese persönliche Erfahrung hat mein Leben geprägt, meine Einstellung gegenüber der Armut der Menschen und der Angst der Menschen", sagt Kmetec gegenüber DOMRADIO.DE. Ihm sei es immer wichtig, offen zu sein und den Menschen "so nahe wie wir können" zu sein.

Der Erzbischof betont, dass im Umgang mit Schmerz und Leid nur zwei Wege möglich seien: "Wir werden die Antwort durch mehr Schmerz und Gewalt geben oder die Lösung durch Vertrauen und Liebe." Diese Haltung prägt sein Handeln in Izmir und leitet sein Engagement für die Menschen in seinem Bistum.

Die katholische Erzdiözese Izmir erstreckt sich von Izmir über Ephesus und Konya bis ins südliche Antalya. Dreizehn Priester und zehn Ordensfrauen kümmern sich um Gemeinden, die "in die muslimische Gesellschaft eingebettet" sind. Ihr Auftrag ist es, den Glauben der Menschen lebendig zu halten und die Eucharistie in den Kirchen zu feiern.

Wer gehört dazu?

Die Gemeinden der Erzdiözese sind so vielfältig wie die Geschichte des Landes selbst. Laut Erzbischof Kmetec teilen sich die Gläubigen grob in drei Gruppen ein. Zunächst sind da die levantinischen Christen. Dabei handelt es sich um die Nachkommen europäischer Kaufleute, Diplomaten und Einwanderer, die in der Zeit des Osmanischen Reiches aus Frankreich, Italien, Österreich und England kamen. "Sie sind die Basis unserer katholischen Präsenz", sagt Kmetec. Doch diese Gruppe schrumpft. Die Älteren sterben und die Jüngeren ziehen zum Studieren oder zum Arbeiten nach Europa.

St.-Johannes-Kathedrale in der türkischen Stadt Izmir / © saiko3p (shutterstock)
St.-Johannes-Kathedrale in der türkischen Stadt Izmir / © saiko3p ( shutterstock )

Eine weitere Gruppe bildet sich aus den Migranten. Ihre Zahl wächst. Sie stammen hauptsächlich aus Afrika, Asien und den Philippinen. Diese Menschen arbeiten in den türkischen Haushalten, für international tätige Unternehmen oder gehören zum NATO-Personal, das in der Region stationiert ist. Und dann gibt es da noch eine dritte, kleinere Gruppe: türkische Bürgerinnen und Bürger, die sich bewusst für ein christliches Leben entschieden haben.

Ein Beispiel aus dem Süden

Wie das Zusammenleben im Alltag aussieht, zeigt die "St. Nikolaus"-Gemeinde in Antalya. Sie wurde 2004 für deutschsprachige Christen aufgebaut. Seit 2014 ist Pfarrer Ludger Paskert für diese Gemeinde zuständig. Heute feiert er dort jeden Sonntag zwei Messen: eine in deutscher Sprache und eine zweite in Englisch. "Die englischsprachige Messe ist richtig herangewachsen. Es kommen fast ausschließlich junge Leute, die als Studenten in Antalya leben, dort arbeiten oder dorthin geheiratet haben", erzählt Paskert. Zur Gemeinde stoßen außerdem Studierende aus Afrika, Familien aus Osteuropa, und auch neugierige Türken. "Die Leute kommen und wollen die Kirche besuchen. Sie freuen sich, dass sie willkommen geheißen werden", sagt Paskert.

Brücken bauen – im wörtlichen Sinne

Das Verhältnis zu den muslimischen Nachbarn beschreibt Kmetec als mitunter kompliziert. Er begegnet ihnen in einer Haltung, die er über die Jahre eingeübt habe: Akzeptanz einer ungleichen Augenhöhe. Deswegen helfe seine Caritas ohne nach der Religionszugehörigkeit zu fragen, bei dem großen Erdbeben vor drei Jahren, genauso wie im täglichen Einsatz. Eine gewisse Zusammenarbeit findet trotzdem statt. Für Mai ist zum Beispiel ein gemeinsames Symposium mit Vertretern aller Glaubensrichtungen zum Thema Ökologie geplant.

Pfarrer Paskert erlebt diese Brückenarbeit noch konkreter. Er ist befreundet mit Imamen, tauscht sich mit dem orthodoxen Metropoliten aus, und auch zu den Hochfesten laden sich die Konfessionen gegenseitig ein. "Wir wissen, dass wir zwar auf verschiedenen Spielfeldern spielen, aber dass wir zusammengehören", sagt er. Und auch muslimische Freunde kommen zu Beerdigungen in die deutsche Gemeinde und werden auf muslimische Hochzeiten eingeladen.

Antalya Türkei / © Karolis Kavolelis (shutterstock)

Dass der Staat dieses Miteinander ernst nimmt, zeigt sich auf eine ganz praktische Weise. Zu jedem Gottesdienst in Antalya zeigt die Polizei Präsenz. Der Polizeichef habe Paskert sogar einmal gefragt, ob er Verbesserungsvorschläge habe. Für den Pfarrer sei das kein Zeichen von Bedrohung, sondern von Fürsorge: "Das ist ein Interesse des Staates, dass uns durch nichts zu Schaden kommt", sagt er. Er mache "durchweg positive Erfahrungen" sagt Paskert: "mit den Behörden in Antalya" aber auch "mit der muslimischen Community."

Der Blick auf den Nahen Osten

Trotzdem bleibt die Lage fragil. Erzbischof Kmetec verfolgt die Entwicklungen im Nahen Osten mit persönlicher Anteilnahme und mit dem Blick dessen, der selbst einmal inmitten solcher Tragödien stand. Der mit ihm befreundete maronitische Erzbischof von Beirut, Paul Abdel Sater, berichtete ihm regelmäßig von schlimmen Begebenheiten: "Bomben zerstören die Stadt. Menschen sterben und die Überlebenden verlassen ihre Heimat."

Der Historische Aufzug von Izmir ist eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt und verbindet die Küstenstraße im Bezirk Karataş mit dem höher gelegenen Viertel Halilrıfatpaşa.  / © Kenan TALAS (shutterstock)
Der Historische Aufzug von Izmir ist eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt und verbindet die Küstenstraße im Bezirk Karataş mit dem höher gelegenen Viertel Halilrıfatpaşa. / © Kenan TALAS ( shutterstock )

Auch in Kmetecs eigener Gemeinde begegne ihm der Krieg. Seine iranischen Gläubigen erhalten zum Teil keine Nachrichten mehr von ihren Familien.

Ob neue Fluchtbewegungen die Türkei erreichen werden? Kmetec ist nüchtern: "Wenn der Krieg so weiter geht, glaube ich nicht, dass die Türkei ihre Grenzen für die Geflüchteten schließen wird." Doch was danach komme, lasse sich nicht sagen. Für seine Caritas wäre es eine weitere Herausforderung. Eine weitere Gelegenheit, das zu tun, was Kmetec eh als Kern seiner Arbeit begreift: bei den Menschen sein, "so nah wie möglich".

Christen in der Türkei

Zwar ist die türkische Verfassung seit der Staatsgründung durch Kemal Atatürk offiziell laizistisch. Religiöse Minderheiten außerhalb des sunnitischen Islam hatten aber immer wieder unter Diskriminierungen zu leiden. Sie erhalten beispielsweise keine finanziellen Zuwendungen von der staatlichen Religionsbehörde.

Holzkreuz in der Hand / © PKStockphoto (shutterstock)
Quelle:
DR

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