DOMRADIO.DE: Wie viele Schaustellergottesdienste in Deutschland halten Sie jedes Jahr?
Pfarrer Sascha Ellinghaus (Leiter der katholischen Zirkus- und Schaustellerseelsorge in Deutschland): Es gibt einen Teil an Schaustellergottesdiensten, die sich jedes Jahr auf einigen Festen wiederholen wie zum Beispiel in Recklinghausen, in Köln, in Aachen, in Rosenheim bis runter zum Oktoberfestgottesdienst gegen Ende des Jahres.
Der letzte ist immer der Gottesdienst auf dem Autoscooter auf Sim-Jü in Werner an der Lippe. Der ist kurz vor November. Dann wird es schon etwas zugiger auf dem Auto-Scooter.
Ich kann es nicht genau sagen, aber es sind so 20 bis 25 feste Gottesdienste mit Schaustellern und der Ortsgemeinde, die auf die Feste eingeladen wird. Es sind jedoch noch mehr Gottesdienste, die konkret zur Spendung der Sakramente und Segnungen stattfinden.
Am letzten Donnerstag hatte ich noch eine Taufe auf dem Autoscooter in Bernkastel-Kues. Am Freitag fand die Segnung eines neuen Fahrgeschäftes in Köln-Chorweiler statt. Ein neuer Turmkettenflieger ist an den Start gegangen.
Das sind Gottesdienste, die sich nicht jährlich wiederholen, die zu einem bestimmten Anlass stattfinden und auf die Lebensweise und die Bedürfnisse der Schausteller und Zirkusleute zugeschnitten sind.
Viele Kilometer liegen zwischen den Orten, wenn man beispielsweise von Recklinghausen bis nach München runter muss. Dann ist man viel unterwegs. Außerdem wollen die Veranstaltungen vorbereitet werden. Man hält auf dem Volksfest keine Kirche vor. Ich muss mit meinem Kleinbus das gesamte Kirchenequipment mitbringen.
DOMRADIO.DE: Wie wird man Schaustellerpfarrer?
Ellinghaus: Ich bin eine Zufallsbekanntschaft. Ich bin in meiner ersten Kaplanstelle mit meinen Messdienern in den Gelsenkirchener Weihnachtszirkus gegangen. Dort habe ich mit der großen Gruppe der Messdiener, die man vor 30 Jahren noch hatte, die Direktion kennengelernt.
Wir fanden uns sympathisch. Als der damalige Leiter der Schaustellerseelsorge älter wurde und festgestellt hat, dass er die benötigten Utensilien nicht mehr so leicht auf den Autoscooter und wieder runter und in den Zirkus hinein und wieder raustragen konnte, hat er regional nach Unterstützung gesucht.
Die Zirkusfamilie hat dann gesagt: Fragen Sie mal den Pastor Ellinghaus, der kommt immer mit seinen Messdienern. Vielleicht hilft er Ihnen, der hat Spaß am Zirkus. So hat er mich gefragt, ob ich ihm ab und an helfen kann. Neben meinen Kaplan- und Vikars-Stellen, wie es im Erzbistum Paderborn heißt, bin ich ehrenamtlich tätig geworden.
Auch noch neben meiner Zeit als Pastor und auch als Leitender Pfarrer bin ich unterwegs gewesen, um diese unterstützenden Dienste ehrenamtlich für die Schausteller zu tun.
Irgendwann wurde ich auch für Westfalen beauftragt. Als die Stelle des Leiters bei der Bischofskonferenz 2014 frei wurde, habe ich sie übernommen. Seitdem bin ich als hauptamtlicher Leiter dieses Arbeitsbereiches bei der Bischofkonferenz und durch ganz Deutschland unterwegs. Das mache ich immer noch mit Freude.
DOMRADIO.DE: Merkt man eine Veränderung bei der Anzahl der jährlichen Veranstaltungen?
Ellinghaus: Wir sind davon abhängig, ob Feste weiterhin so stattfinden wie bisher. Es kommt vor, dass ein Fest umgestaltet wird, dass es umzieht oder dass das Programm geändert wird, sodass unser Platz entfällt. Denn wir bringen nicht unser eigenes Gebäude mit, sondern wir sind immer Gast, entweder auf dem Autoscooter, in einem Ausschank oder in einem Zirkuszelt.
Von daher können wir nicht alles steuern. Die Gottesdienste, die wir haben, haben eine lange Tradition und auch eine Stabilität. Aber auch dort spürt man, dass Gottesdienstbesuche an einem Sonntag ohne besonderen Hintergrund, ohne Taufe, ohne Kommunion zurückgehen.
Wir sind jedoch dankbar, dass sich immer noch interessierte Leute finden, die die Atmosphäre auf der Kirmes- und Gottesdienstfeier schätzen. Überall wo uns Gelegenheit gegeben wird, kommen wir gerne und bieten das gerne an.
DOMRADIO.DE: Richard Abendroth, Vorsitzender des Schaustellerverbandes Fest Recklinghausen. Wie wichtig ist diese Tradition für Recklinghausen?
Richard Abendroth (Vorsitzender des Schaustellervereins Vest Recklinghausen e.V.): Wir unterstützen die Schausteller und die Schaustellervereine ungemein. Es ist immer wichtig, auch in Recklinghausen den Schaustellergottesdienst stattfinden zu lassen. Man hat an der Resonanz von den Schaustellern und den Bürgern aus Recklinghausen gesehen, dass der Gottesdienst sehr gut angenommen und besucht wird.
DOMRADIO.DE: Die Anwesenden haben viel Geld in die Kollekte gespendet. Ist das oft so?
Ellinghaus: Die Schausteller fühlen sich ihrer Seelsorge verbunden und wissen, dass wir über 75 Prozent aus Spenden und Kollekten erwirtschaften müssen, damit wir auf der Reise bleiben können. Das wird honoriert, dass wir einen weit höheren Aufwand haben, der auch gegenfinanziert wird. Das ist, glaube ich, auch ein Zeichen, dass ihnen diese Seelsorge etwas wert ist.
DOMRADIO.DE: Wie sieht sieht die Resonanz unter den Schaustellern aus?
Abendroth: Die sind immer begeistert und froh, dass diese Traditionsmesse stattfindet. Auf der Messe war jung und alt gemischt. Ich sag mal so, wenn ich in meine Gemeinde gehe, sind wenig junge Leute in der Kirche. Das ist hier nicht so. Es gibt viele junge, vielleicht auch unter 20-Jährige. Die Tradition geben wir weiter und hoffen, dass die jungen Menschen diese auch nach uns aufrechterhalten.
Das Interview führte Oliver Kelch.