Tagung beschäftigte sich mit dem Reformprogramm von Franziskus

"Papst der Synodalität" und der Weg der Kirche

Synodalität war das große Schlagwort im Pontifikat von Papst Franziskus. Welche Auswirkung hat sie in einer vielfältigen Kirche? Damit setzte sich ein hochkarätig besetztes Symposium an der Universität Bonn auseinander.

Autor/in:
Matthias Altmann
Papst Franziskus auf dem Petersplatz (shutterstock)

Ein pastoraler Mitarbeiter habe einmal etwas zu ihr gesagt, das sie nicht losgelassen habe, sagte die Linzer Pastoraltheologin Klara-Antonia Csiszar: "Papst Franziskus ändert gar nichts an den großen Strukturen der Kirche. Und doch verändert er alles, indem er unser Miteinander verändern will."

Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga, emeritierter Erzbischof von Tegucigalpa (Honduras), spricht beim Symposium "Synodalität und Praedicate Evangelium" am 19. März 2026 in Bonn. / © Julia Steinbrecht (KNA)
Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga, emeritierter Erzbischof von Tegucigalpa (Honduras), spricht beim Symposium "Synodalität und Praedicate Evangelium" am 19. März 2026 in Bonn. / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Franziskus (2013-2025), dessen Tod sich in wenigen Wochen zum ersten Mal jährt, wollte der Kirche ein neues, synodales Antlitz verschaffen: Alle hören aufeinander und auf den Heiligen Geist – so kann Raum für Veränderungen entstehen. Wie kann der Weg weitergehen? Welche Auswirkungen hat er auf eine Kirche der kulturellen Vielfalt – und der unterschiedlichen Geschwindigkeiten?

Mit diesen Fragen setzte sich jetzt ein hochkarätig besetztes Symposium an der Universität Bonn auseinander. Es trug den Titel "Synodalität und Praedicate Evangelium – zwei Grundelemente der Kirchenreform von Papst Franziskus". "Praedicate Evangelium" ist der Titel der Apostolischen Konstitution, mit der Franziskus 2022 die Reform der Kurie durchführte. Organisiert und veranstaltet wurde die Tagung vom Bonner Lehrstuhl für Moraltheologie um Jochen Sautermeister.

Óscar Rodríguez Maradiaga, Oswald Gracias und Jean-Claude Hollerich: Drei Kardinäle und enge Franziskus-Vertraute nahmen als Referenten an der Veranstaltung am Donnerstag teil. Mit Franz-Josef Overbeck (Essen) und Klaus Krämer (Rottenburg-Stuttgart) waren außerdem zwei deutsche Bischöfe dabei. 

Dazu beleuchteten die Theologinnen Klara-Antonia Csiszar und Margit Eckholt synodale Prozesse in verschiedenen Regionen der Weltkirche. Josef Sayer, ehemaliger Hauptgeschäftsführer des Hilfswerks Misereor, ging auf zentrale Punkte von Praedicate Evangelium ein.

Neuer Stil

Jochen Sautermeister betrachtete die theologischen Grundsätze des verstorbenen Papstes. "Franziskus hat in der katholischen Kirche etwas in Bewegung gebracht, etwas in Gang gesetzt, was bei seinen beiden Vorgängern so nicht vorstellbar war", betonte er. Vieles sei in Franziskus' programmatischem Schreiben Evangelii gaudium (2013) grundgelegt gewesen. 

Jochen Sautermeister / © Julia Steinbrecht (KNA)
Jochen Sautermeister / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Darin gehe es um eine Neuausrichtung der Evangelisierung: Franziskus wollte einen neuen Stil etablieren, "der sowohl nach innen in der Kirche als auch in Welt, Kultur und Gesellschaft sowie im Leben eines jeden Einzelnen Neues hervorbringt und Verkrustetes aufbricht".

Kardinal Rodríguez Maradiaga, ehemaliger Koordinator des von Franziskus eingeführten Kardinalsrats, wies darauf hin, dass das Pontifikat des ersten lateinamerikanischen Papstes nicht ohne das Schlussdokument der Versammlung der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen in Aparecida (2007) zu verstehen sei.

Der damalige Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Jorge Mario Bergoglio, sei entscheidend an diesem Text beteiligt gewesen. Darin verpflichtete sich die lateinamerikanische Kirche zum Dienst an den Armen. Das habe auch Bergoglios Pontifikat inspiriert. Der "Papst der Synodalität" habe die Sorgen der Welt geteilt, betonte Rodríguez Maradiaga.

Hier knüpfte Kardinal Hollerich an, der als Generalrelator eine zentrale Funktion bei der Weltsynode (2023/2024) innehatte – dem zentralen Reformprojekt von Papst Franziskus. Für diesen sei der Begriff "Zeitenwandel" zentral gewesen, so Hollerich. In all den Herausforderungen der aktuellen Zeit, erläuterte der Kardinal, sei er "tief überzeugt, dass die Synodalität als geistlicher Prozess das Mittel der Kirche ist, sich dabei neu aufzustellen".

"Antizyklisches Projekt"

Klara-Antonia Csiszar, die theologische Beraterin bei der Weltsynode war, sprach von Synodalität als "antizyklischem Projekt" in einer Zeit, in der das Misstrauen gegenüber Institutionen wachse. Gerade die Kirche in Europa könnte ein "Labor für kirchliche Governance" werden – mit Beteiligung verschiedener Akteure und transparenten Verfahrenswegen. "Synodalität ist kein Ersatz für Recht, aber sie kann das Klima schaffen, in dem rechtlich verankerte Verantwortung tatsächlich wahrgenommen wird."

Klara-Antonia Csiszar, Pastoraltheologin und Universitätsprofessorin, spricht beim Symposium "Synodalität und Praedicate Evangelium" am 19. März 2026 in Bonn. / © Julia Steinbrecht (KNA)
Klara-Antonia Csiszar, Pastoraltheologin und Universitätsprofessorin, spricht beim Symposium "Synodalität und Praedicate Evangelium" am 19. März 2026 in Bonn. / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Für all das jedoch sei zuallererst eine synodale Umkehr nötig, hieß es mehrfach auf dem Symposium. Kardinal Gracias, früher Mitglied im Kardinalsrat, erklärte, viele Bischöfe wollten von Synodalität nichts wissen, weil sie einen Machtverlust fürchteten. "Synodalität braucht eine Bekehrung hin zum Dienst", betonte er.

Dienst ist auch ein leitender Gedanke bei der Kurienreform nach "Praedicate Evangelium". In der Konstitution ist Dezentralisierung eines der leitenden Prinzipien. Gerade in kirchlichen Reformdiskussionen taucht immer wieder die Frage auf, wie viel Dezentralisierung die Kirche vertrage. Papst Franziskus hatte in seinem Pontifikat mehrfach von einer "heilsamen Dezentralisierung" gesprochen, die die Kirche benötige.

DOMRADIO.DE gegenüber warb Kardinal Gracias für mehr Synodalität und Mitbestimmung. "Habt Vertrauen in die Menschen. Letztendlich ist es auch das Vertrauen in die Kirche," sagte der emeritierte Erzbischof von Mumbai.

Wie geht Einheit in Vielfalt?

Der Rottenburger Bischof Klaus Krämer sagte dazu, dass Fragen im jeweiligen kulturellen Kontext unterschiedlich beantwortet werden können – und es dann darauf ankomme, diese Unterschiedlichkeit in einen Dialog zu bringen. Anders ausgedrückt: "Dass man wechselseitig anerkennen kann, dass es legitimerweise unterschiedliche Wege gibt, die die Kirche geht, diese aber Ausdrucksformen des einen gemeinsamen Glaubens sind."

Den Gedanken der Einheit in Vielfalt griff auch der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck auf. Er sprach über den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland im Kontext des weltweiten synodalen Prozesses. Dabei betonte er, der synodale Prozess in Deutschland bedürfe des wohlwollenden Vertrauens der Weltkirche. "Er braucht Raum für eigene Erfahrungen und eigene Lernschritte; zugleich aber ist er auf die Erfahrungen der Weltkirche angewiesen - nicht zuletzt auch als hilfreiches Korrektiv für die eigene Entwicklung."

Weiter in Bewegung?

Doch bei aller Berücksichtigung von kulturellen Kontexten: Welche Chance hat Synodalität, wenn es um tatsächliche Reform-Entscheidungen geht? Im Schlussdokument der Amazonas-Synode etwa wurde Papst Franziskus gebeten, die Priesterweihe von verheirateten Männern zu ermöglichen – er tat dies nicht.

Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg, spricht beim Symposium "Synodalität und Praedicate Evangelium" am 19. März 2026 in Bonn. / © Julia Steinbrecht (KNA)
Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg, spricht beim Symposium "Synodalität und Praedicate Evangelium" am 19. März 2026 in Bonn. / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Kardinal Rodríguez Maradiaga erklärte, Franziskus wollte die Weihe von sogenannten viri probati am Amazonas ursprünglich erlauben, rückte aber davon ab, weil das zu diesem Zeitpunkt eine Gefahr für die kirchliche Einheit dargestellt hätte. Gerade in Afrika hatte es massive Vorbehalte gegeben. Doch der Weg werde weitergehen, zeigte sich Rodríguez Maradiaga überzeugt. Kardinal Hollerich ergänzte, er gehe davon aus, dass genauso das Thema Weiheamt für Frauen in Bewegung bleiben werde.

Wie ist eine synodale Kirche weiter unterwegs? Hollerich benutzte dafür ein spezielles Bild: "Wir sind mit Christus in der Mitte unterwegs. Da gibt es Leute, die rechts von ihm gehen, es gibt Leute, die links von ihm gehen." Es gebe Leute, die schneller laufen, und solche, die Mühe haben, zu folgen. 

"Aber wenn ich Christus als Referenz nehme und auf ihn schaue, dann sehe ich nicht nur ihn allein, sondern auch die Leute rechts beziehungsweis links von ihm. Und wenn ich hinten gehe, sehe ich gleichzeitig die Leute, die vorne schneller gehen – und umgekehrt."

 

Quelle:
DR , KNA

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