DOMRADIO.DE: Sie selbst haben mehrere Papst-Biografien geschrieben und die Geschichte der Päpste nachgezeichnet. Was reizt Sie persönlich so sehr am Amt und an der Figur des Papstes, dass Sie sich dem immer wieder neu widmen?
Prof. Jörg Ernesti (Professor für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Augsburg): Mich hat schon immer die Spannung zwischen Person und Amt fasziniert. Wie können konkrete Persönlichkeiten – mit all ihren Stärken und Schwächen – dieses in 2.000 Jahren geprägte Amt ausfüllen, ohne unter der Last dieses Amtes zusammenzubrechen? Wie können Menschen diesem Amt, das durch so lange Zeit geformt worden ist, ihren persönlichen Stempel aufdrücken?
Ein ganz praktischer Grund, warum ich mich seit 18 Jahren schwerpunktmäßig mit den Päpsten beschäftige, ist der, dass es im deutschsprachigen Raum wenige Kirchenhistoriker und Historikerinnen gibt, die sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte des Papsttums beschäftigen. Ich hoffe, dass ich so ein bisschen helfen kann, diese Lücke auszufüllen.
DOMRADIO.DE: Von Petrus bis zu Leo XIV., vom See Genezareth bis nach Rom haben Sie im neuen Buch "Die Päpste: Von der Antike bis zur Gegenwart" über 2.000 Jahre Kirchengeschichte auf 120 Seiten zusammengefasst. Was sind die großen, wichtigen Entwicklungslinien?
Ernesti: Die Anfänge dieses Amtes im ersten, zweiten Jahrhundert sind sehr bescheiden. In der Antike musste sich der Bischof von Rom sein Primat – also den Vorrang seines Sitzes – vor allen anderen Kirchen buchstäblich erkämpfen. Die Anfänge waren sehr bescheiden. Im Laufe der Jahrhunderte kam es dann zu einem kontinuierlichen Ausbau der päpstlichen Vollmachten gegenüber den anderen Ortskirchen der Welt.
Das Mittelalter ist nochmal ein eigenes Thema. Das ist vom Antagonismus, vom Mit- und Gegeneinander der Päpste mit den römisch-deutschen Kaisern geprägt. In das Mittelalter fällt auch die Stiftung des Kirchenstaates durch die Karolinger im achten Jahrhundert, eines Staatsgebildes, in dem die Päpste Monarchen eines Staates waren, den sie selbst beherrscht haben. Dieser Staat bestand bis 1870.
Da sehe ich eine weitere große Zäsur, denn da kam es zum Verlust des Kirchenstaates, was im Grunde genommen eine Chance für das Papsttum war. Denn damit gewannen die Päpste eine stärkere internationale Sichtbarkeit, sowohl was die Kirchenleitung als auch was die internationale Politik anging. Seither sind die Päpste immer wieder als Friedensvermittler und humanitäre Akteure aufgetreten. Die Päpste sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einer wichtigen moralischen Stimme der Menschheit geworden.
DOMRADIO.DE: Wo sehen Sie die Aufgabe des Papstes in seiner politischen Rolle in Zeiten eskalierender Konflikte und Kriege?
Ernesti: Papst Franziskus hat starke Vorgaben gemacht, was die Stellung des Papsttums in den gerade laufenden Konflikten angeht. Er hat den Ukraine-Krieg immer wieder deutlich verurteilt und zusammen mit seinen Mitarbeitern sowie seiner Vatikan-Diplomatie humanitäre Aktivitäten gestartet. Zudem hat er den Gaza-Krieg deutlich verurteilt.
Ich sehe da eine klare Kontinuitätslinie zwischen Papst Franziskus und Papst Leo XIV., sowohl was den Ukraine-Krieg, als auch den Krieg im Sudan und jetzt auch den Iran-Krieg angeht. Da lässt die Haltung von Papst Leo keine Zweifel zu, dass er diese kriegerische Auseinandersetzung nicht billigt. Er hat immer wieder zu einer Beendigung des Konflikts und zu einer diplomatischen Lösung aufgerufen.
Ich lese im Moment jeden Tag den L’Osservatore Romano und bin überrascht, wie deutlich dort in dieser Hinsicht die Stimme des Papstes ist. Da ist keinerlei Billigung dieses bewaffneten Konfliktes zu erkennen.
DOMRADIO.DE: Verkörpert der Papst als eine Art Relikt auch eine längst untergegangene Weltordnung?
Ernesti: Einerseits, ja. Vieles ist archaisch und das fasziniert die Zeitgenossen, wenn man an die große Wirkung des Romans und an die Verfilmung von "Konklave" denkt. Das ist ein Weltbestseller und ein weltberühmter Film geworden. Deshalb: Ja, einerseits steht der Papst für viele archaische Traditionen.
Andererseits erfindet sich das Papsttum immer wieder neu. Ganz selbstverständlich bewegt sich der Vatikan heute virtuos in der Welt des Internets und nutzt deren Möglichkeiten ganz geschickt. Heute spielt in der Geschichtsschreibung und in der Profangeschichte wie in der Kirchengeschichte das Konzept der Objekte und Erinnerungsorte eine große Rolle.
Ich war nach der Papstwahl sehr überrascht, als ich am Handgelenk von Papst Leo XIV. eine Apple Watch gesehen habe. Dieser Mann ist jemand, der in der Gegenwart steht und moderne Technik bejaht, wie seine Vorgänger in den letzten 150 Jahren. Das gehört auch zum Papsttum dazu: diese Affinität zur modernen Technik und zu modernen Entwicklungen, die man zur Ausbreitung des Evangeliums gerne nutzt.
DOMRADIO.DE: Liegt darin ein Teil des Faszinosums des Papstes begründet, da er gleichzeitig so eine aus der Zeit gefallene wie auch in der Zeit stehende Figur darstellt?
Ernesti: Ja, er ist Erbe einer langen Tradition, aber zugleich Führer der größten einzelnen Glaubensgemeinschaft in der Welt mit bald 1,5 Milliarden Menschen. Es ist eine Glaubensgemeinschaft, die deutlich wächst. Das ist uns im deutschen Sprachraum kaum bewusst. Wir erleben hierzulande eine zurückgehende Kirche und abnehmende religiöse Praxis.
Weltweit ist das nicht so, da nimmt das Christentum zu. Die katholische Kirche ist allein unter Papst Franziskus um 150 Millionen Menschen gewachsen. Da gibt es in Asien und in Afrika sehr lebendige Ortskirchen, die teilweise über 3 Prozent jährlich an Mitgliedern zunehmen. Insofern steht der Papst auch für eine sehr lebendige und aktive Wirklichkeit.
DOMRADIO.DE: Wo sehen Sie besondere Chancen für den Papst und das Papsttum heute?
Ernesti: Mich überrascht immer wieder, wie divers die katholische Kirche ist. Ich hatte das Glück, in Rom studieren zu dürfen. Dort im Vorlesungssaal haben Christinnen und Christen aus über 120 Ländern gesessen. Die bringen natürlich alle ihre Mentalität, ihre historische Prägung und ihre politischen Einstellungen mit. Das gehört heute untrennbar zur Wirklichkeit der katholischen Kirche dazu.
Da aber die katholische Kirche so divers in ihren Mentalitäten ist, braucht es ein Amt, das, salopp gesagt, den Laden zusammenhält – ein Amt der Einheit. Darin haben die Päpste der letzten 150 Jahre ganz stark ihre Rolle gesehen. Ich sehe diesen Aspekt beim aktuellen Papst ganz klar im Vordergrund. Er will der Einheit und der Gemeinschaft in der katholischen Kirche dienen und diese Gemeinschaft fördern. Es braucht dieses Amt der Einheit in einer diversen und zunehmend noch diverser werdenden Kirche.
DOMRADIO.DE: Wenn Papst Leo XIV. Sie fragen würde, was er als Papst tun kann, um der Sache Jesu – dem Guten in der Welt – möglichst gut zu dienen, hätten Sie eine Idee für ihn?
Ernesti: Als bescheidener Priester und Historiker kann ich dem Papst natürlich nicht viele Ratschläge geben. Wenn ich auf die jüngere Geschichte schaue, bin ich persönlich sehr dankbar, dass es einen Papst Franziskus mit all den Reformanstößen gab, die er der Kirche geschenkt hat. Ich denke hierbei an die Kurienreform und die damit verbundene Stärkung der Frau in der Kurie, was sich daran zeigt, dass die Regierungschefin des Vatikanstaates jetzt eine Frau ist. Ich denke aber auch an die Migrantenfrage und an die Klimafrage.
Papst Franziskus hat den Vatikan, den Heiligen Stuhl, unumkehrbar in den Kampf gegen den Klimawandel und für das Pariser Abkommen eingebunden. Ebenfalls bin ich dankbar, dass wir jetzt einen Papst haben, bei dem sich diese Reformansätze ein bisschen setzen können und hohe Besinnung einkehrt. Ich glaube, Papst Leo hat bislang keinen einzigen Reformimpuls seines Vorgängers zurückgenommen. Aber ich denke, es ist ihm bewusst, dass man alle Katholikinnen und Katholiken mitnehmen muss, damit diese Reformansätze in der katholischen Kirche dauerhaft Gestalt gewinnen.
Das Interview führte Hilde Regeniter.