Reiche sind aufgestiegen und vergangen – geblieben ist das Papsttum. Nach dem Augsburger Kirchenhistoriker Jörg Ernesti ist es die älteste noch bestehende Institution Europas. In seinem gerade veröffentlichten Buch "Die Päpste. Von der Antike bis zur Gegenwart" geht er der Frage nach, wie sich das Papsttum über zwei Jahrtausende behaupten konnte.
Seine zentrale Antwort lautet: Das Papsttum ist keine starre, von Anfang an festgelegte Größe, sondern eine historisch gewachsene, hochgradig wandelbare Institution mit bescheidenen und teilweise dunklen Anfängen.
Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) führt er aus, dass die Quellenlage zu den ersten Jahrhunderten dürftig sei. Schon beim Apostel Petrus sei unklar, ob er die römische Gemeinde gegründet hat oder auf eine bestehende Gemeinschaft traf. Außerdem: Weder sein sicherer Aufenthalt in Rom noch Martyrium und Grab ließen sich eindeutig belegen, so der Kirchenhistoriker.
Zu Beginn kein Selbstläufer
Bis der Bischof von Rom als Papst in der Christenheit eine herausragende Stellung einnehmen konnte, dauerte es. Es war keineswegs ein Selbstläufer, meint Ernesti, "dass Rom, personifiziert im Bischof von Rom, den absoluten Vorrang in der gesamten Kirche gewann; vielmehr war dies ein langer, konfliktreicher Prozess, der im Osten bekanntlich nie vollständig akzeptiert wurde".
Das eigentliche "Geheimnis" der Stabilität des Papsttums sieht Ernesti in seiner großen Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit. In der Antike entwickelte es den Anspruch auf Primat; nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches zog es Hoheitsrechte an sich und trat gewissermaßen an die Stelle des untergegangenen Imperiums. Es suchte das Bündnis mit den Franken und trat in ein spannungsreiches Unterstützungsverhältnis zu den deutschen Herrschern ein.
In der Gegenreformation beziehungsweise katholischen Reform erfand es sich erneut und profilierte sich im 19. und 20. Jahrhundert - insbesondere nach dem Verlust des Kirchenstaates - durch moderne Außenpolitik und schließlich als Medienpapsttum mit einer starken Präsenz in der Öffentlichkeit.
Mehrfach fast am Ende
Historisch betrachtet stand das Papsttum mehrfach scheinbar vor dem Ende. Der Kirchenhistoriker Ernesti verweist auf das "dunkle Jahrhundert": Im 10. Jahrhundert saßen dubiose Gestalten auf dem Stuhl Petri wie zum Beispiel ein 18-jähriger Papst, der sein Amt verkaufte, so erklärt er. Moralisch diskreditiert war das Papsttum zudem unter den Renaissancepäpsten, deren Politik von Machtstreben und Familieninteressen geprägt war.
Besonders zugespitzt erscheint für den Kirchenhistoriker Ernesti die Krise um 1799: Papst Pius VI. sei von den Revolutionstruppen nach Frankreich verschleppt, seiner Insignien beraubt, der Öffentlichkeit als "Bürgerpapst" und spöttisch als "Pius der Letzte" vorgeführt worden.
Viele Zeitgenossen hielten das Papsttum mit seinem Tod tatsächlich für beendet, meint der Historiker. Umso erstaunlicher sei es gewesen, dass ein halbes Jahr später Pius VII. gewählt wird - ein zunächst unterschätzter Mann, der selbst von Napoleon verschleppt und isoliert wird, am Ende aber als moralischer Sieger aus der napoleonischen Ära hervorgeht.
Ernesti sieht Parallelen zu den Ereignissen des Jahres 1870, als nach über 1.100 Jahren der Kirchenstaat unterging. Doch auch aus dieser Katastrophe habe sich das Papsttum wieder erhoben, sich neu erfunden und sei gewissermaßen verjüngt daraus hervorgegangen. Für den Kirchenhistoriker ist diese erstaunliche Fähigkeit zur Erneuerung ein Hinweis darauf, dass es in der Kirche so etwas wie ein Petrusamt tatsächlich braucht - auch wenn, wie er einräumt, nicht alle Christen, insbesondere nicht viele evangelische, diese Deutung teilen würden.
Eine global geachtete Institution
Nach außen werde das Papsttum seit rund 150 Jahren als globale moralische Instanz wahrgenommen, sagt Ernesti. Von den Päpsten erwarte man Stellungnahmen zu Krieg und Frieden sowie mögliche Vermittlungsrollen in internationalen Konflikten.
Innerkirchlich versteht der Experte das Papstamt heute vor allem als Amt der Einheit. Angesichts einer Weltkirche mit sehr unterschiedlichen politischen, moralischen und spirituellen Prägungen müsse der Papst Spannungen ausgleichen und die Kirche zusammenhalten.
Zugleich habe sich das Papsttum nach den Forschungen des Kirchenhistorikers zu einem Medienphänomen entwickelt. Besonders deutlich wurde dies nach seiner Ansicht unter Johannes Paul II. (reg. 1978-2005), dessen Charisma und mediale Präsenz Millionen begeisterten. Diese symbolische Autorität führte jedoch nicht automatisch zu stärkerer kirchlicher Bindung oder Zustimmung zur kirchlichen Morallehre. Ernesti spricht daher von einem "Event-Papsttum": große öffentliche Resonanz bei begrenzter innerkirchlicher Wirkung.