DOMRADIO.DE: Wie ist Ihre persönliche Situation in diesen Tagen? Sind Sie von den Angriffen betroffen?
Takla Azar (libanesische Christin und Leiterin des "Caritas Hope Center" in Bharsaf): Nein, ich bin nicht persönlich betroffen. Ich lebe in Mazraat Yachouaa, einem Dorf etwa 18 Kilometer östlich der Hauptstadt Beirut. Trotzdem höre ich ständig die Geräusche der israelischen Kampfflugzeuge. Das ist eine extreme Stresssituation.
Ich muss nur die Nachrichten im Fernsehen anschauen und mir kommen schon die Tränen. Es zerreißt mir das Herz, zu sehen, wie meine Mitbürger in Not sind und wie unser Land so regelmäßig gedemütigt wird. Meine Tränen fließen und ich kann sie nicht kontrollieren.
Diesen Schmerz habe aber nicht nur ich. Er repräsentiert die Hoffnung eines Volkes, das – ungeachtet aller Schwierigkeiten – eine elementare und doch so wertvolle Sache anstrebt: endlich in Frieden, Würde und Sicherheit leben zu können.
DOMRADIO.DE: Wie bewerten Sie den Krieg?
Azar: Das ist ein Krieg, den sich die libanesische Bevölkerung nicht ausgesucht hat. Die Hisbollah hat eine Schlüsselrolle in den Konflikten mit Israel gespielt. Ihre Interventionen haben militärische Gegenschläge provoziert, welche wiederum große Zerstörung im Süden Libanons und anderswo hervorgerufen haben.
Das führt zu einem direkten Leiden der Zivilbevölkerung, insbesondere der christlichen Gemeinschaften und anderen Minderheiten. Die Menschen wurden traumatisiert, ihre Häuser wurden zerstört, die Infrastruktur wurde beschädigt Die Bevölkerung steckt zwischen zwei Mächten, die sie nicht gewählt hat. Sie muss die Auswirkungen von militärischen und politischen Entscheidungen ertragen, auf die sie keinen Einfluss hat.
DOMRADIO.DE: In welcher Situation befinden sich insbesondere die Christen im Libanon aktuell?
Azar: Gerade die Situation der Christen im Süden des Libanons ist miserabel. Sie müssen die ganze Brutalität Israels ertragen. Diese Familien haben schon mehrfach nach Zerstörungen ihre Häuser wiederaufgebaut, aber sie bleiben trotz aller Risiken eng verbunden mit ihrem Land, ihrer Geschichte und ihrer Gemeinschaft.
Ihre Situation ist aktuell sehr unsicher. Aber es ist nicht allein eine geographische Entscheidung, ob sie ihre Heimat verlassen. Denn es bedeutet auch, eine Familiengeschichte sowie kulturelle und religiöse Bindungen zu hinterlassen. Deswegen zögern so viele Menschen, auszureisen, selbst angesichts von Gewalt.
DOMRADIO.DE: Trotzdem müssen sich in diesen Tagen viele Menschen in Sicherheit bringen und es gibt innerhalb des Libanons viele Binnenflüchtlinge. Kommen diese auch in Ihrem Ort an?
Azar: Der Libanon ist geographisch gesehen ein kleines Land, aber seine Einwohner besitzen ein großes Herz. Aktuell empfangen wir zahlreiche Familien in unserem Dorf, die gezwungen waren, ihr Zuhause zu verlassen, um anderswo ein gewisses Maß an Sicherheit zu finden. Sie kommen erschöpft und schmerzerfüllt an, manchmal nur mit wenigen persönlichen Gegenständen, und sie lassen ein ganzes Leben zurück.
Die größte Herausforderung ist, dass das für die meisten von ihnen nicht das erste Mal ist. Einige von ihnen mussten ihre Existenz bereits mehrmals neu gründen. Aber die Menschen hier bemühen sich, solidarisch zu bleiben. Wie schon im letzten Jahr unterstützen sich auch jetzt die Nachbarn gegenseitig, öffnen ihre Türen und stellen alles, was sie besitzen, der Allgemeinheit zur Verfügung.
DOMRADIO.DE: Wie reagiert Ihre Kirchengemeinde auf die Situation?
Azar: Meine Gemeinde versucht, die Situation mit ihren vorhandenen Ressourcen zu managen. Sie hat eine Notunterkunft eingerichtet, die Geflüchtete aufnimmt. Jedes Gemeindemitglied trägt auf seine Art und Weise bei: Die einen spenden Nahrung, die anderen Kleidung, Decken oder einfach nur ein bisschen Zeit, um die Familien zu empfangen und zu unterstützen. Wir arbeiten auch mit einigen NGOs zusammen, wie beispielsweise der Caritas.
DOMRADIO.DE: Caritas international hat angekündigt, die Menschen im Libanon mit 250.000 Euro Akuthilfe zu unterstützen. Was ist Ihr Eindruck, kommt das Geld wirklich dort an, wo es gebraucht wird?
Azar: Ja, diese Hilfe kommt wirklich da an, wo die Menschen sie benötigen. Die Caritas arbeitet mit mehreren Notunterkünften und Kirchengemeinden im Libanon zusammen. Sie leistet einen erheblichen Beitrag, wie beispielsweise durch Gesundheitsversorgung oder soziale Hilfe für Geflüchtete.
Die Caritas leistet auch eine unentbehrliche materielle Hilfe: Sie liefert Matratzen, Lebensmittelpakete, Hygieneartikel, etc. Das Ziel ist, den geflüchteten Familien im gesamten Land zumindest ein Minimum an Sicherheit und Würde in dieser extrem harten Zeit zu garantieren.
DOMRADIO.DE: Welche Gefühle ruft die aktuelle Lage in Ihnen hervor?
Azar: Ich habe große Angst davor, dass Israel den Süden Libanons einnimmt. Ich bin ungemein wütend über all die Demütigungen, die wir seit dem Jahr 2020 über uns ergehen lassen müssen: Die wirtschaftlichen Krisen, die Probleme der Banken, die Inflation, die Wertminderung der libanesischen Währung und die Konflikte. Es hört nie auf.
Ich habe das Gefühl, dass ich all diesen Druck nicht mehr länger aushalte. Ich kann nicht mehr. Ich fühle mich erschöpft und hilflos angesichts all dieser Ereignisse.
DOMRADIO.DE: Erst vor drei Monaten hat Papst Leo XIV. den Libanon besucht. Haben Sie die Hoffnung, dass der Papst in der aktuellen Situation helfen oder vermitteln kann?
Azar: Der Besuch seiner Heiligkeit hatte in der Tat eine wichtige symbolische und menschliche Bedeutung für alle Libanesen, insbesondere in unserer aktuellen Situation, die von Schmerz und wiederholten Auseinandersetzungen geprägt ist.
Der Papst unterstreicht immer wieder die Bedeutung der Geduld, der Empathie und der gemeinschaftlichen Beziehungen angesichts der Schwierigkeiten. In der aktuellen Situation ruft er die Verantwortlichen immer wieder auf, für den Frieden zu arbeiten.
Seine Demut, seine Überzeugung und seine Rede vom Frieden sind ein Beispiel für Resilienz und gegenseitige Hilfe. Der Papst zeigt, dass Spiritualität eine Quelle der Hoffnung sein kann, selbst in den schlimmsten Umständen.
Das Interview führte Teresa Kammerlander.