DOMRADIO.DE: Cem Özdemir wird wohl der erste Ministerpräsident mit muslimischem Bekenntnis. Hätten Sie sich als Pfarrer mehr den Katholiken Manuel Hagel von der CDU gewünscht?
Lukas Glocker (Leitender Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Sebastian in Mannheim): Es geht nicht darum, wen ich mir da wünsche oder nicht. Es geht darum, wer für welche Werte steht. Da hätte ich mir beide sehr gut vorstellen können. Cem Özdemir steht auch ganz klar für unsere Werte in der Gesellschaft. Daher passt das Wahlergebnis für mich sehr gut.
DOMRADIO.DE: CDU-Kandidat Hagel hat sich am Sonntag über eine Schmutzkampagne beschwert. Im Vorfeld der Wahl war ein älteres Video aufgetaucht, in dem er als 29-Jähriger von den "rehbraunen Augen" einer minderjährigen Schülerin schwärmt. Es wurde von einer Grünen-Politikerin veröffentlicht. Gehört so etwas zum Wahlkampf dazu oder ärgert Sie es?
Glocker: Es ärgert mich schon, denn man gräbt in der Vergangenheit und sucht irgendwo was raus. Ich kenne den genauen Hintergrund nicht. Ich vermute schon, dass eine gewisse Kampagne dahintersteckt. Aber der Respekt vor jedem Leben, vor jedem Menschen ist schon notwendig und wichtig.
DOMRADIO.DE: Das Wahlkampfziel der AfD lautete 20 Prozent plus x. Daraus ist zwar nichts geworden, aber in Ihrer sehr vielfältigen Stadt Mannheim gewinnt Bernhard Pepperl von der AfD ein Direktmandat. Überrascht Sie das?
Glocker: Es überrascht mich gar nicht, weil die AfD da natürlich die Ängste von Leuten aufgreift. Ich glaube, dass es unsere Aufgabe als Gesellschaft und als Kirche ist, diese Ängste genau anzuschauen und uns zu fragen und zu überlegen, woher sie kommen.
DOMRADIO.DE: Wie gehen Sie als Seelsorger denn damit um, wenn Menschen aus Ihrer Gemeinde etwa die AfD wählen, sofern Sie es mitbekommen, oder zumindest mit deren Positionen auch sympathisieren?
Glocker: Es geht darum, dass wir genau hinhören, was diese Ängste sind. Wir müssen diese ernst nehmen und dann auch Leute in die Verantwortung hineinnehmen. Wir können nicht alle unsere Sorgen nur auf "die da oben" lenken und sagen, dass die es regeln sollen. Vielmehr sind wir als Wählerschaft selbst aufgerufen, genau nachzudenken, hinzuschauen und zu differenzieren.
DOMRADIO.DE: Viele Menschen erwarten von Politik schnelle Lösungen bei Migration, bei Sicherheit und bei sozialer Gerechtigkeit. Was würden Sie den Parteien nach dieser Wahl aus christlicher Perspektive mit auf den Weg geben?
Glocker: Ein bekannter Spruch besagt: "Es gibt für jedes komplexe Problem eine einfache Lösung – und die ist falsch." Das heißt, ich erwarte, dass wir ganz genau differenzieren und konsequent soziale Lösungen angehen, die auf den Werten unserer christlichen Grundlagen basieren. Das setzt aber voraus, dass wir uns die Mühe machen, nachzudenken und konsequent weiterzugehen – aber auch hinzuhören, was denn diese Sorgen der Menschen sind.
Das Interview führte Tobias Fricke.