"Hast Du acht Minuten Zeit für mich?" - So beginnt Rainer Maria Kardinal Woelki seinen Fastenhirtenbrief 2026. Dieser Satz wurde für einen Bekannten und dessen gute Freundin zum Codewort. Nach einer schweren Zeit fragte der Bekannte sie, warum sie sich nicht gemeldet hätte. Sie antwortete, sie habe es versucht, aber ihre Nachrichten klangen für ihn wie immer und er erkannte ihren Hilferuf nicht.
Die Freundin hatte von einer Studie aus den USA gelesen: Acht Minuten mit einem Freund können in akuten Stresssituationen helfen, sich wieder besser zu fühlen. Seitdem schreiben sie sich bei Bedarf einfach: "Hast du kurz acht Minuten Zeit für mich?" Kein Tag sei so voll, dass es nicht möglich wäre, sich diese kurze Zeit für jemanden zu nehmen, meint Woelki.
Acht Minuten für Mitmenschen und für Gott
"Wie großartig wäre es, in dieser Fastenzeit genau darauf zu achten: Wer braucht acht Minuten Zeit von mir - einfach, indem ich zuhöre, einfach, indem ich da bin, in kleinen Zeichen und Gesten der Aufmerksamkeit und der Nähe? Vielleicht ist es ein kurzer Anruf, ein gemeinsamer Spaziergang, ein stilles Gebet füreinander. Es sind oft die kleinen Dinge, die Großes bewirken", so Woelki weiter.
Der Kölner Erzbischof wünscht sich, dass auch die Kirchengemeinden Orte der Freundschaft sind, in denen die Menschen spüren: "Hier ist jemand da, wenn ich ihn brauche."
Auch für Gott könne man sich Zeit nehmen, damit die Freundschaft mit ihm wachse. "Vielleicht zunächst mit acht Minuten am Tag – acht Minuten, die wir ganz bewusst für Gott reservieren. Für den, der immer da ist, der uns und unsere Herzen kennt", schlägt Woelki vor.
Zum Ende des Fastenbriefes spricht er eine Einladung aus: "Schenken Sie in dieser Fastenzeit jeden Tag zumindest acht Minuten – Gott, einem Freund, einem Menschen, der Ihre Nähe braucht. Lassen Sie sich von Gottes Gnade beschenken und geben Sie diese Gnade weiter."
Bischof Gerber: Dankbarkeit nach Krebserkrankung
Der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber dankt in seinem Hirtenwort für die Unterstützung und die vielen Gebetszusagen während seiner Krebs-Erkrankung. "Es mag etwas seltsam klingen: Ich möchte die vergangenen Monate nicht missen." Gott habe sich ihm gezeigt als derjenige, "der in herausfordernden Situationen Beziehung schafft".
Ende Juni 2025 hatte Gerber erfahren, dass er Krebs hat. Nach einer Tumor-Operation folgte eine Chemotherapie. Seit Weihnachten ist er schrittweise in die Öffentlichkeit zurückgekehrt.
Im Fastenbrief verbindet der Fuldaer Bischof Erfahrungen aus seiner eigenen Erkrankung mit biblischen Weggeschichten wie der Begegnung von Maria und Elisabeth. Daraus entwickelt er eine Kultur des Zuhörens und Mittragens als zentrale Haltung, die für Gesellschaft und Kirche gleichermaßen Bedeutung hat.
Von Mensch zu Mensch
Zugleich richtet er den Blick auf Menschen, die in Krankheit und anderen Belastungen Einsamkeit, lange Wartezeiten oder wirtschaftlichen Druck erleben. Gerber fragt, was Menschen trägt, wenn Herausforderungen existenziell werden und wie Kirche in solchen Zeiten konkret gegenwärtig sein kann.
Bischof Gerber verdichtet seine persönlichen Erfahrungen zu einem klaren Kirchenbild: "Hier habe ich eine Form von Kirche erlebt, die in die Zukunft weist", sagt er. Kirche zeige sich dort, wo Menschen einander beistehen und Krisen gemeinsam aushalten. Sie lebe "in der Beziehung von Mensch zu Mensch und von Herz zu Herz".
Digitale Fastengespräche
Inspiriert vom Hirtenwort 2026 widmet sich eine begleitende Reihe von digitalen Fastengespräche in Fulda dem Dienst der Kirche, Menschen in existenziellen Krisensituationen zu begleiten.
Jeder Abend besteht aus einem Impuls, einer Zeit der Stille und einem geistlichen Austausch in Kleingruppen. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, im Plenum mit den Impulsgebenden ins Gespräch zu kommen. Die Gespräche laden dazu ein, die Fastenzeit als persönlichen inneren Weg auf Ostern hin zu gestalten – im Austausch mit anderen und im Hören auf Gottes Wort.
Kardinal Marx: Einsatz gegen Rassismus
Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat Christinnen und Christen zur Wahrung der Menschenwürde aufgerufen. Die Bibel zeige die Menschen als Bild Gottes, für die unveräußerliche Würde und Wert gälten. "Mit dieser Grundbotschaft kann man keinen völkischen Nationalismus oder Rassismus begründen", erklärte der Erzbischof in seinem Hirtenwort zur Fastenzeit. "Katholisch sein und völkisch-nationalistisch sein, rassistisch oder gar antisemitisch sein, kann deshalb nicht zusammengehen."
Gleichsam müssten Würde und Wert eines jeden Menschen auch bei politischen Überlegungen immer im Vordergrund stehen, betonte der Kardinal. "Darum geht es auch, wenn wir über den Schutz des menschlichen Lebens sprechen, vom ersten Augenblick des Daseins bis zum Augenblick des Todes." Marx rief Christinnen und Christen dazu auf, für diese Werte gemeinsam einzustehen. "Wir lassen uns nicht auseinandertreiben, und wir werden immer Wege zueinander suchen."
Hier spricht Kardinal Marx in einem ergänzenden Video zu seinem Fastenhirtenwort.
Bischof Ackermann: Umkehr aus der Kraft der Erlösung
Auch der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann wendet sich mit einem Hirtenbrief an die Gläubigen. "Der Ruf zur Umkehr und Erneuerung, der uns in der 40-tägigen Fastenzeit der Kirche immer wieder begegnet, ist nicht bloß ein Appell an unsere eigenen Kräfte, sondern verbunden mit Gottes Zusage: Du kannst dein Leben ändern aus der Kraft der Erlösung, das heißt: aus dem Glauben an die unverbrüchliche Liebe, die Gott uns in Jesus gezeigt hat."
Bischof Ackermann erinnert daran, dass in den Gottesdiensten des Fastensonntags die Bitte an Gott geäußert werde, "dass wir durch die Fastenzeit 'in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen'". Hätten vor diesem Anspruch, so fragt der Bischof, nicht schon Generationen von Christinnen und Christen kapitulieren müssen?
Doch der Auftrag sei nicht die Erlösung der Welt: "Unsere Aufgabe ist es, Lösungen zu finden für die Fragen und Probleme, die uns tagtäglich umtreiben. Das ist oft schwer genug." Ein Gegenmittel zu Zynismus und Resignation sei "das, was wir mit dem altertümlich klingenden Wort 'Erlösung' bezeichnen. Sehnsucht nach 'Erlösung' keimt da auf, wo alle menschlichen Lösungen zu kurz greifen oder unsere Möglichkeiten übersteigen".
Diese Erlösung habe "Jesus uns durch seinen Tod am Kreuz erwirkt". Wer aus dieser christlichen Überzeugung lebe, dem dürfe man das auch ansehen: "Wer aus der Haltung des Erlöst-Seins lebt, der findet vielleicht den Mut zum ersten Schritt, ohne dazu verpflichtet zu sein. Wer aus der Haltung des Erlöst-Seins lebt, der findet - womöglich zur eigenen Überraschung - die Kraft zu wirklicher Veränderung."
Das Hirtenwort von Bischof Ackermann ist hier im Wortlaut und als Video abrufbar.
Bischof Meier: Hass und Machtgier widersprechen Nachfolge Jesu
Die Nachfolge Jesu gehe nicht mit Menschenhass, Neid, Karrieresucht und Machtgier zusammen, so der Augsburger Bischof Bertram Meier in seinem diesjährigen Hirtenwort zur Fastenzeit. "Wer wahrhaft in der Nachfolge Jesu steht, orientiert sich an den Zehn Geboten und weiß um das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe."
Meier erinnert daran, dass manche Menschen ihren Glauben offensiv zur Schau stellten. Einige träten sogar kämpferisch-selbstbewusst auf. "Nicht selten kompromisslos, solidarisieren sie sich mit Menschen, die öffentlich eine Rückkehr zur scheinbar 'guten alten Zeit' fordern, in der die Vielfalt von Konfessionen, Religionen und Kulturen hierzulande nicht so groß war wie heute", kritisiert der Bischof. Das bringe aber die Gefahr eines Schwarz-Weiß-Denkens mit sich: "Sie sehen nicht mehr das einzelne Schicksal, sondern klassifizieren ganze Gruppen ab."
Anbetung, Lobpreis oder Verzicht blieben wirkungslos, wenn man sich nicht von der Not seines Mitmenschen berühren lasse, mahnt Meier: "Dabei ist es zweitrangig, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion, welchen Bildungsstand oder gesellschaftlichen Status er hat." Christen erkenne man daran, dass sie zwischen arm und reich, gesund und krank oder Freund und Feind keinen Unterschied machten: "Sie wissen sich von der Botschaft Jesu aufgefordert, allen Respekt zu erweisen, weil sie alle als Kinder des gleichen Vaters sehen."
Bischof Jung: Fastenzeit gegen Ohnmachtsgefühl
Zu Beginn der vorösterlichen Fastenzeit ruft Würzburgs Bischof Franz Jung zu mehr Mut und Optimismus auf. "Vielfach hat man den Eindruck, dass sich ein Gefühl der Ohnmacht und Lähmung breitmacht", so der Bischof in seinem Hirtenwort. Die Großmächte teilten die Welt unter sich auf, während es wirtschaftlich nur bergab zu gehen scheine. "Innerkirchlich entmutigen die Krisenerfahrungen der vergangenen Jahre und der Blick darauf, dass wir weniger werden."
Dagegen rufe die christliche Botschaft dazu auf, Mut zu fassen und mit Vertrauen nach vorne zu schauen. "Wer mit Christus aufersteht, der nimmt sein Leben wieder neu in die Hand. Der bettelt nicht um Almosen und gibt sich nicht mit dem zufrieden, was gerade noch übrig bleibt. Sondern er lebt aus dem Schatz im Himmel, der Christus selbst ist."
Jung bezieht sich dabei auf die Begegnung des blinden Bettlers Bartimäus mit Jesus, wie sie im Markus-Evangelium beschrieben ist. Der Ausruf, den die Menge an den Bettler richtet "Hab Mut, steh auf!" ist auch das Leitwort des diesjährigen Katholikentags, der im Mai in Würzburg stattfindet. In der Bibel folge der Bettler dieser Aufforderung, so der Bischof. "Der Glauben öffnet ihm die Augen, so dass er sein Leben wieder in die Hand nehmen kann. Als Sehender folgt er Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem."
Bischof Bätzing: Kehrt um und denkt neu
Der Limburger Bischof Georg Bätzing ruft in seinem Hirtenbrief zu einem mutigen Perspektivwechsel auf. Dazu wählte er das Leitwort "Kehrt um - denkt neu: Das Himmelreich ist nahe!". Angesichts tiefgreifender Umbrüche in Gesellschaft, Politik und Kirche spricht er von "anstrengenden Zeiten", in denen Vertrautes zerbreche und Zukunftsängste wüchsen. Doch Angst sei ein schlechter Ratgeber. Drohgebärden und Untergangsszenarien würden eher lähmen. Stattdessen verweist er auf Jesus und seine hoffnungsvolle Vision: "Das Himmelreich ist nahe. Es kommt." Diese Zusage sei keine Vertröstung, sondern eine Kraftquelle für neues Denken und Handeln.
Bätzing deutet den biblischen Ruf zur Umkehr neu. "Kehrt um und tut Buße" sagt er. Gerade wenn Gewohnheiten und Denkmodelle an Grenzen stießen, brauche es diesen inneren Wandel. Er ermutigt, bewusst Hoffnung zu verbreiten. Mut schöpft er aus konkreten Erfahrungen: Glaube sei heute keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern etwas Kostbares. Zugleich wachse bei vielen Menschen - auch bei jungen Menschen - das Interesse an Spiritualität, Wiedereintritt und Taufe.