DOMRADIO.DE: Papst Pius XI. wollte 1928 mitten auf dem Nordpol ein Kreuz aufstellen lassen. Wie wollte er das anstellen?
Ulrich Nersinger (Vatikanexperte und Autor): Er hat den Jesuiten Giuseppe Gianfranceschi, einen herausragenden Wissenschaftler, der Rektor der Universität Gregoriana in Rom und Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften war, damit beauftragt, den italienischen General und Forscher Umberto Nobile zu begleiten. Dieser plante eine Nordpol-Expedition. Der Auftrag, den Pius XI. Gianfranceschi gab, lautete, am Nordpol ein Kreuz aufzurichten.
DOMRADIO.DE: Der Nordpol ist menschenleer – was sollte das Kreuz dort?
Nersinger: Pius XI. war ein sehr missionarischer Papst. Außerdem war er technischen Errungenschaften gegenüber aufgeschlossen. Und er erkannte die Möglichkeit, in der damaligen Zeit ein Zeichen zu setzen. In dieser Zeit gab es die großen Diktaturen; ideologische, christenfeindliche, menschenfeindliche Bewegungen wie den Faschismus, den Nationalsozialismus und den Kommunismus. Er wollte ein Zeichen setzen, dass Christus derjenige ist, der allein Erlösung und Heil verspricht. Und das sollte auch am Nordpol deutlich gezeigt werden.
DOMRADIO.DE: Der Jesuitenpater hat seine innersten Gefühle vor der Reise aufgeschrieben. Wie hat er sich angesichts dieser Aufgabe gefühlt?
Nersinger: Für einen nüchternen Wissenschaftler war er doch sehr bewegt. Er hat gespürt, dass dies etwas sehr Besonderes sein könnte, und es in all seine Gedanken einfließen lassen. Er hat sogar eine eigene, kleine Liturgie für diesen Akt geschaffen. Es war für ihn ein sehr emotionaler Auftrag.
DOMRADIO.DE: Wie lief die Expedition dann ab?
Nersinger: Als die Expedition in Spitzbergen angekommen war, wurde auf einmal entschieden, dass der Jesuitenpater nicht mitfliegen sollte. Das wird verschiedene Gründe gehabt haben. Die "Italia", das Luftschiff, das zum Nordpol reisen sollte, darf man sich nicht als Luxusschiff vorstellen. Außerdem waren die klimatischen Bedingungen sehr schlecht. Es gab also eine ganze Reihe an Gründen, warum Gianfranceschi nicht mitfliegen konnte. Aber Nobile hatte versprochen, das Kreuz des Papstes auf jeden Fall zum Nordpol mitzunehmen.
DOMRADIO.DE: Wurde das Kreuz dort aufgestellt?
Nersinger: Die klimatische Situation war so schlecht, dass man nicht landen konnte. Daher entschied man sich, das Kreuz auf den Nordpol hinunterzulassen. Es hatte eine Vorrichtung, sodass es in das Eis gerammt werden konnte, und war zudem mit Kork verkleidet. Es könnte also nicht untergehen, falls es auf Wasser treffen sollte. Am 24. Mai ist das Kreuz dann auf den Nordpol heruntergelassen worden.
DOMRADIO.DE: Das klingt nach einer erfolgreichen Expedition. Die Geschichte zeigt jedoch: Es gab noch eine dramatische Wendung.
Nersinger: Ja, das Luftschiff stürzte ab. Es kam zu einer verheerenden Katastrophe, bei der nicht klar war, wer von den Insassen überlebt hatte. Eine dramatische Situation, in der auch eine Rettungsexpedition mit Roald Amundsen (Polarforscher und einer der ersten Menschen am geografischen Nordpol, sowie der erste Mensch am Südpol, Anm. der Red.) zu Hilfe kam. Amundsen musste bei dieser Rettungsaktion sein Leben lassen. Also wirklich – eine dramatische Geschichte.
DOMRADIO.DE: Ist das Kreuz denn heute noch auf dem Nordpol?
Nersinger: Das ist die große Frage. Es war ja nun, wie schon gesagt, so eingerichtet, dass es sich in den Boden rammen konnte und durch den Kork und ähnliche Vorrichtungen nicht versenkbar war. Man hat dann versucht, Expeditionen dorthin zu unternehmen, hat es aber nie gefunden. Es bleibt ein Rätsel und die Frage, was mit dem Kreuz geschehen ist, wäre Stoff für eine künftige Expedition. Auch nach fast 100 Jahren bleibt es eine spannende Geschichte.
Das Interview führte Carsten Döpp.