DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch nennen Sie die Erinnerungskultur in Deutschland an die Verbrechen der Nationalsozialisten ein "Gedächtnistheater". Warum?
Susanne Siegert (Journalistin, Autorin und Content Creatorin): Den Begriff habe ich mir nicht selbst ausgedacht, er stammt vom Soziologen Michal Bodemann und ist schon ein paar Jahrzehnte alt. Ich halte das für ein sehr interessantes und zutreffendes Bild. Denn unsere Gedenkkultur ist wirklich wie ein Theater: Es gibt eine Bühne, das ist zum Beispiel der Bundestag. Es gibt Spielzeiten, wie den 27. Januar als Holocaust-Gedenktag. Und es gibt Akteurinnen und Akteure: Meist sind das Politikerinnen und Politiker oder Menschen, die in Gedenkstätten arbeiten. Dazu kommen die Statistinnen und Statisten – das sind die Überlebenden oder deren Angehörige.
DOMRADIO.DE: Was ist die Rolle der Betroffenen bei diesem "Theater"?
Siegert: Man möchte ihnen vorschreiben, wie sie sich zu verhalten haben. Sie sollen sich an ein Skript halten, das so gestaltet ist, dass sie uns als Tätergesellschaft möglichst wenig Vorwürfe machen. Vielmehr sollen sie uns das Gefühl vermitteln, dass wir ein geläutertes Deutschland sind. Das erinnert an ein Ritual, was zu einem gewissen Grad auch in Ordnung ist, weil es so etwas braucht. Es wird aber dann zu einem Problem, wenn es bei diesem einen einstudierten Theaterstück bleibt.
DOMRADIO.DE: Das Gedenken an den Holocaust ist also in erster Linie für die deutsche Tätergesellschaft da und nicht für die Opfer?
Siegert: Die ersten Gedenkveranstaltungen wurden von Betroffenen ins Leben gerufen, aber dann haben Politikerinnen und Politiker diese Termine übernommen. Sie haben sie als eine Bühne für sich erkannt, auf der sie ihre eigenen Botschaften platzieren können. Durch diese Selbstinszenierung haben sie das Gedenken in gewisser Weise für sich vereinnahmt. Natürlich braucht es diese formelle Erinnerungskultur und auch eine Politik, die sich dafür ausspricht.
Aber es darf nicht bei dieser einen Bühne bleiben. Auch das politische Alltagsgeschäft sollte im Zeichen von Gedenken stehen, wenn es etwa um entsprechende Finanzierungsfragen und die Einrichtung von Gremien oder so etwas geht. Dann wird dieses Thema leider meist links liegen gelassen.
DOMRADIO.DE: Neben der großen Bühne für das Gedenken gibt es auch an vielen Orten kleine Veranstaltungen, etwa zur Erinnerung an die Shoa – auch in Kirchengemeinden oder von christlichen Friedensbewegungen. Haben Sie Tipps für Gedenkveranstaltungen von solchen Gruppen?
Siegert: Man sollte sich fragen, wie man zu den gut eingespielten Formaten des Gedenkens etwas Sinnvolles hinzufügen kann. Kerzen anzünden, Kranzniederlegungen oder Reden von den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern – das ist alles in Ordnung und hat seine Berechtigung. Aber man kann inhaltlich überlegen, ob man sich anders ausdrücken sollte: Greift man etwa immer auf die gleichen Phrasen zurück, wie "Nie wieder ist jetzt" oder "Erinnert Euch" oder so etwas? Zitiert man Holocaust-Überlebende, um sich nicht selbst Gedanken machen zu müssen, welche Worte man eigentlich wählen sollte?
Gibt es vielleicht neue Perspektiven auf Täterschaft oder auf Widerstand, die man thematisieren könnte? Gibt es eventuell andere Sprecherinnen und Sprecher, die man einladen könnte, anstelle derjenigen, die qua Amt etwas zu sagen haben? Dabei geht es mir nicht um Kritik an den Ehrenamtlichen, die hier meist eine hervorragende Arbeit leisten. Wer mein Buch gelesen hat, weiß, dass es mir sehr stark um die Auseinandersetzung des Individuums mit dem Gedenken geht.
DOMRADIO.DE: Sie haben das gemacht: Sie haben selbst nachgeforscht, wie sich Ihre Verwandten während der Zeit des Nationalsozialismus verhalten haben. Wie geht man da vor?
Siegert: Wenn man zu Tatorten oder zu Opfern recherchieren will, geht das relativ einfach in Online-Archiven. Dort kann man dann die entsprechenden Namen eingeben und erhält im Internet Zugriff auf sehr viele Originaldokumente. Wenn es um Fragen von Täterschaft geht – also Mitgliedschaft in Wehrmacht, NSDAP oder SS –, empfiehlt es sich, zuerst eine Anfrage ans Bundesarchiv zu stellen. Das dauert zwar etwas, aber dann erhält man in der Regel Informationen, die dabei helfen, weiter zu recherchieren. Dann kann man etwa schauen, wo die Person stationiert war und ob dort in diesem Zeitraum etwa Kriegsverbrechen begangen wurden.
DOMRADIO.DE: Das kann dann natürlich auch unangenehm werden, wenn man erfährt, dass die eigenen Verwandten eventuell Kriegsverbrechen begangen haben oder die Erzählungen der Großeltern gar nicht stimmen, dass sie damals keine Nazis gewesen seien. Was haben Sie bei Ihren Recherchen erlebt?
Siegert: In meiner Familie wurde immer sehr offen darüber gesprochen, dass meine Großväter in der Wehrmacht waren. Aber ich weiß von vielen Familien, dass diese Offenheit nicht unbedingt normal ist. Ein großer Vorteil ist heute sicherlich, dass inzwischen mehrere Generationen zwischen den Täterinnen bzw. Tätern und der Gegenwart liegen. Da gibt es bei heutigen jungen Menschen sicher weniger Berührungsängste mit einer solchen Recherche als noch bei den Kindern der Täter.
Man scheut sich als Urenkel nicht mehr davor, die Verbrechen der eigenen Familienangehörigen in den Blick zu nehmen. Ich bemerke sogar das Gegenteil: In den Kommentaren meiner Community bei Instagram und Tiktok erkenne ich ein großes Bedürfnis, dass man über dieses Thema spricht und nicht die vielfach bekannten Widerstandsmythen weitergibt.
DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch nennen Sie den früheren Bischof von Münster, Clemens August von Galen, als ein Beispiel für Widerstand gegen die Nationalsozialisten, der viel bewirkt hat. Sie schreiben, es wäre auch noch viel mehr Widerstand aus der Gesellschaft möglich gewesen.
Siegert: Mir war es wichtig, dieses Beispiel und weitere zu nennen. Mit seinem Protest konnte der Bischof von Münster dazu beitragen, dass die Euthanasiemorde zunächst gestoppt wurden. Widerstandsaktionen – dieses Wort ist sehr groß und man denkt an die Weiße Rose oder andere, die hingerichtet wurden. Es war aber in der Nazi-Zeit durchaus möglich, sich durch ganz kleine Akte der Solidarität mit Verfolgten zu positionieren.
Nicht jede Hilfsaktion, etwa für Jüdinnen und Juden, hätte einen prinzipiell sofort ins KZ gebracht – auch wenn das gerne so erzählt wird. Es gab durchaus Möglichkeiten, sich zumindest moralisch auf die Seite der Verfolgten zu stellen, ohne dass das zunächst Gefahr für Leib und Leben bedeutet hätte. Ich möchte den Erzählungen, dass man nichts hätte tun können, einen Spiegel vorhalten.
DOMRADIO.DE: Sie leben in Ostdeutschland, wo die AfD sehr stark ist. Schlägt sich das auch in der Erinnerungskultur an die Verbrechen der Nazis nieder?
Siegert: Mein Eindruck ist, dass die Stimmen, die sich geschichtsrevisionistisch äußern und die deutsche Gedenkkultur generell kritisieren, sehr viel lauter und mutiger geworden sind. Das sehe ich auch in meinem Kommentarbereich in Social Media. Aber auch der 7. Oktober 2023 war ein sehr deutlicher Einschnitt, also der Angriff der Hamas auf Israel und die Auseinandersetzungen, die bis heute andauern. Seitdem nehme ich sehr viel weniger Empathie mit jüdischen Opfern des Holocaust wahr. Viele Kommentatorinnen und Kommentatoren in Social Media vergleichen das Vorgehen Israels in Palästina mit dem Holocaust. Es ist viel weniger das Gespür da, wie notwendig die Beschäftigung mit den Verbrechen der Nazis heute ist.
Das Interview führte Roland Müller.
Information der Redaktion: Susanne Siegert hat das Buch "Gedenken neu denken" verfasst. Es ist im Piper Verlag erschienen und kostet 18 Euro.