"Es darf eine pazifistische Tradition als Stachel im Fleisch der Diskussionen um Kriegstüchtigkeit geben", sagt Bischof Peter Kohlgraf. Der Mainzer Bischof ist Präsident der deutschen Sektion der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. "Neue Kriegstüchtigkeit? Beobachtungen zu einem Mentalitätswandel", lautete die Überschrift, unter der sich jetzt ein prominent besetztes Podium in der Kölner Karl-Rahner-Akademie traf.
Einig waren sich alle: Nach dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine haben sich die friedensethischen Debatten verändert. Wer jetzt noch die Ideen des gewaltlosen Widerstandes unter dem Leitwort: "Frieden schaffen ohne Waffen" vertritt, wird oft als dummer und naiver Depp bezeichnet. Diesem abwertenden Urteil widersprach Bischof Kohlgraf. "Pazifismus muss ein ernstzunehmender Beitrag in der Diskussion bleiben", sagte er.
"Das Wort der Kirchen in der Frage Krieg und Frieden und insbesondere was jetzt verantwortbar in der Politik ist, hat eine große Relevanz", sagte der SPD Politiker Rolf Mützenich. Der Experte für Außenpolitik wundert sich allerdings, dass das Wort der Kirchen in der praktischen Politik keine große Rolle gespielt hat. "Deswegen kann ich nur animieren, dass die Kirchen das stärker in die Öffentlichkeit tragen", forderte er.
Leise Kritik an Friedensdenkschrift Evangelischer Kirche
Kritisch sieht Mützenich die im November 2025 veröffentlichte Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche. Es mache ihn hilflos, wenn er sehe, wie sich die Evangelische Kirche einem Mainstream anschließe und nukleare Abschreckung für legitim erkläre. In Bezug auf Atomwaffen erfährt der Politiker Unterstützung von Bischof Kohlgraf, der den katholischen Moraltheologen Eberhard Schockenhoff zitiert. Für Schockenhoff funktioniert Abschreckungslogik nur, wenn man auch bereit ist, diese Waffe einzusetzen. "Wenn ich sage, ich habe zwar Atomwaffen, aber aus humanitären Gründen werde ich sie nie einsetzen, dann findet keine Abschreckung statt", erklärt Kohlgraf. Da sei auch Papst Leo XIV. sehr klar in seinem Urteil, Aufrüstung mit Atomwaffen strikt abzulehnen. "Wenn noch mehr Länder über Atomwaffen verfügen, so steigert das die Möglichkeit eines Einsatzes dieser Waffen", ist Kohlgraf überzeugt.
Für die Evangelische Kirche saß Eva-Marie Becker auf dem Podium. Die Professorin für Neues Testament an der Universität Münster forderte eine Nuancierung der Denkprozesse in Bezug auf die Frage, wie Schutz vor Gewalt erreicht werden kann und wie die Bergpredigt und das Gebot der Feindesliebe in der Kriegsrealität praktizierbar sind. Sie empfahl, die zahlreichen historischen Auslegetraditionen der jesuanischen Botschaft genau anzuschauen – auch auf dem Hintergrund von jeweiligen Kriegserfahrungen. "Es gibt verschiedene Perspektiven auf die Thematik", sagte sie. Viele Texte wiesen zum Beispiel darauf hin, dass das Gebot der Feindesliebe nicht den gleichen Rang habe wie die Gottes- und Nächstenliebe.
Pervertierung von Religiosität
Und was heißt das nun in der Realität, in der wir leben? Erschüttert berichtet Katajun Amirpur von den Aufständen im Iran. Die deutsch-iranische Professorin für Islamwissenschaften spricht von 20.000 Toten, die auf Befehl der islamischen Revolutionsgarden in den letzten Wochen ermordet worden seien. Der Pazifismus habe im Iran ausgedient, sagte sie. "Die Demonstranten werden angeklagt, Krieg gegen Gott zu führen". Das sei eine Pervertierung von Religiosität. Amirpur weist darauf hin, dass es auch eine friedensbetonende Auslegung des Islam gebe. Sie bedauert, dass von den 50 islamischen Staaten weltweit kein einziger Staat das Vorgehen im Iran verurteilt hat. "Die Iranerinnen und Iraner sind so verzweifelt, dass sie sogar nach Trump rufen, obwohl sie wissen, dass die USA in der Vergangenheit für viel Unheil im Land verantwortlich war. "Wenn sie dann auch noch die Rückkehr der monarchistischen Diktatur von Schah Reza Pahlavi unter seinem Sohn fordern, dann zeigt das nur ihre unbeschreibliche Verzweiflung unter der Herrschaft der Revolutionsgarden".
Und doch, und das hat der Abend in der Karl-Rahner-Akademie gezeigt, sind ethische Debatten auch nach dem Ukrainekrieg und dem Morden im Iran nicht aus der Welt. "Das sind keine Luxusdiskussionen", sagt Bischof Kohlgraf. Denn "pazifistisches Denken ist möglich und damit bleibt die Frage aktuell, ob Pazifismus realpolitisch eine Antwort auf Gewalt sein kann", resümiert Professorin Eva-Marie Becker.