Die Videos werden millionenfach geklickt: Orgelinfluencer wie die Britin Anna Lapwood begeistern mit ihren Orgel-Clips auch kirchenferne Menschen. Bemühungen, die Orgel außerhalb der Liturgie zu etablieren, gibt es schon lange.
Anna Lapwood gilt heute als berühmteste Orgelinfluencerin. Doch das Bemühen, die Kirchenorgel auch kirchenfernen Menschen näherzubringen, beziehungsweise die besonderen Klangmöglichkeiten der Orgel auch auf andere Bereiche als Gottesdienst und geistliches Konzert auszuweiten, das gibt es schon mindestens seit dem 19. Jahrhundert.
Der französische Organist und Komponist Charles-Marie Widor verfolgte mit seinen insgesamt zehn Orgelsinfonien das Ziel, die Orgel als vollwertiges symphonisches Orchester zu etablieren. Das ging aber in etwa erst ab dieser Zeit, weil damals die Orgel durch neue Techniken im Orgelbau deutlich größer wurden und erheblich mehr Register bekamen, also mehr Klangfarben hatten und so auch große Kircheräume füllen konnte.
Auch große Konzertsäle erhielten nach und nach eigene Orgeln, die sich besonders gut eigneten, die Orgel als selbstständiges Konzertinstrument zu etablieren. Ob Charles-Marie Widor wirklich so etwas wie ein früher Orgelinfluencer war, sei dahingestellt, Sein wohl berühmtestes Werk ist die Toccata aus der 5. Symphonie F-Dur op. 42. Ironischerweise ist es mittlerweile so, dass die Toccata heute oft am Ende von prächtigen Messen oder Pontifikalämtern in Kathedralen gespielt wird. Die Konzertmusik hat also aufgrund ihrer Popularität den Weg zurück in den Gottesdienst gefunden.
Eine Art späterer Orgelinfluencer könnte auch Francis Poulenc gewesen sein. Er komponierte 1938 ein sehr originelles Orgelkonzert. Eingesetzte Instrumente sind die Orgel, Pauke und Streicherr. Das ergibt eine kompositorisch interessante Mischung: einerseits greift Poulenc die barocke Form des Orgelkonzertes auf, die eigentlich außer Mode war – andererseits schuf er ein sehr originelles Werk mit tollen Klangeffekten und nutzt die ungewohnte Besetzung Orgel, Pauke und Streicher voll aus. Kein Wunder, dass das Werk ein großer Erfolg wurde und bis heute oft aufgeführt wird.
Im Radioprogramm von DOMRADIO.DE erklingen die angesprochenen Werke ab 18 Uhr in der Sendung "Musica".