Brexit: Austritt Schottlands aus der EU

"Zutiefst traurig"

Nach jahrelangen schwierigen Verhandlungen verlässt das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland die Europäische Union. Was bedeutet der Brexit für die schottische und nordost-englische Bevölkerung?

Brexit in Großbritannien? / © N.N. (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Viele Schotten und auch die dort lebenden Deutschen sind nicht begeistert, dass es jetzt soweit ist. Was spüren denn die Menschen vom nahenden Brexit?

Pfarrerin Verena Jantzen (deutschsprachige evangelische Gemeinden in Edinburgh und Nordost-England): Wir spüren im Moment viel Erschöpfung und Traurigkeit. Das ist bis jetzt eine lange Zeit mit vielen Emotionen gewesen. Eigentlich ist diese Woche eine sehr stille Woche.

Auch im Alltag ist es immer noch ein Thema: Die Leute, denen man begegnet, sind einfach traurig und besorgt – und auch resigniert. Denjenigen, die für den Brexit sind, begegnen wir nicht so häufig, oder es wird im Gespräch nicht so offensichtlich. Für diejenigen ist das schon ein Tag von Freude. Aber da ist das Land, wie auch viele Familien, völlig gespalten.

DOMRADIO.DE: Schottland, das sind Highlands, wilde Romantik, rauhe Küste, Whisky. Schottland hat aber auch eine andere Seite: Es gibt Armut, Kriminalität, Rückstand in sozialschwachen Vierteln der großen Städte. Wird das jetzt noch schlimmer?

Jantzen: Die Sorge ist natürlich vorhanden, dass das schlimmer wird. Wobei Schottland auch immer eine eigene Sozialpolitik gemacht und die Beschlüsse aus London nicht immer ratifiziert hat.

Beim Thema Sozialhilfe sind in den letzten Jahren viele Einschnitte erfolgt, die in Schottland nicht eins zu eins umgesetzt worden sind.

Wenn man aber aufs ganze Land guckt, ist eine ganz große Sorge, dass gerade diejenigen, die sich begeistert für den Brexit entschieden haben, diejenigen sind, die als allererste die Folgen davon spüren müssen, weil zum Beispiel die Arbeitsplätze verschwinden und sich die wirtschaftliche Lage drastisch verschlechtert.

DOMRADIO.DE: Dutzende Wissenschaftler verlassen die britische Insel wegen der Brexit-Entscheidung aus Sorge vor einer unsicheren Zukunft. Auch viele Deutsche gehen zurück in ihre Heimat. Wie sieht das in Ihren Gemeinden aus?

Jantzen: Wir haben das auch schon erlebt. Einzelne, vor allem Familien, sind gegangen. Es gehen durchaus Rechtsanwälte, Kardiologen, Professoren. Man spricht, glaube ich, zu Recht vom "brain drain", also dem Ausbluten der Wissenschaft, aber auch der Firmen, was hochkarätige Anstellungen angeht.

DOMRADIO.DE: Sie sind zuständig für die deutschsprachigen Gemeinden in Schottland und in Nordengland. Wie geht es Ihren Gemeindemitgliedern mit dem Brexit?

Jantzen: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt diejenigen, die jetzt schon seit 50, 60 Jahren hier im Land leben, die schon lange die britische Staatsbürgerschaft haben. Für diejenigen, also Senioren, ist das nicht mehr so ein ganz heißes Thema.

Aber für diejenigen, die zum Beispiel in unserer Edinburgher Gemeinde für eine der Universitäten arbeiten, ist das ständig ein Thema. Wenn es zum Beispiel um Forschungsmittel geht oder den Forschungsstandort einer Uni, die Arbeitsbedingungen oder die Ausbildung von Kindern. Im Kirch-Café kommt das "B-Wort" regelmäßig vor, es vergeht eigentlich keine Woche ohne. Es ist auf jeden Fall ein Thema.

DOMRADIO.DE: Spüren Sie denn eine unterschiedliche Akzeptanz zwischen Ihren Einsatzorten Schottland und England?

Jantzen: Nein, eigentlich nicht. Das ist eher demographisch begründet. In der Edinburgher Gemeinde haben wir viele junge Familien.

Im Gespräch mit Leuten in Nordengland trifft man schon mal eher jemanden, der den Brexit für eine wirklich tolle Sache hält. Aber die Spaltung geht durchs ganze Land. In Schottland ist die Stimmung durchaus mehr für den Verbleib. Aber auch da gab es die Menschen, die tatsächlich für den Brexit waren.

DOMRADIO.DE: Wie geht es Ihnen persönlich mit dem Austritt der Briten aus der EU?

Jantzen: Mich macht das zutiefst traurig. Mich hat das Leben und Arbeiten im Ausland einfach noch mehr in meiner europäischen Identität bestärkt. Man lernt ja viel über sich und auch über die eigene Kultur, wenn man im Ausland ist. Und mich macht der Brexit einfach sehr traurig.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Vor dem Referendum (dpa)
Vor dem Referendum / ( dpa )
Quelle:
DR
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