Wie verändert der Brexit die europäische Gesellschaft?

Kultur, Konfession, Kommunikation: Konsequenzen des EU-Austritts

Wenn Großbritannien nun die EU verlässt, hat das Auswirkungen auf das kulturelle, politische und religiöse Gleichgewicht der Staatengemeinschaft. Eine Prognose zum Profil einer EU der 27.

Autor/in:
von Franziska Broich
Union Jack zwischen EU-Fahnen / © Julia Steinbrecht (KNA)
Union Jack zwischen EU-Fahnen / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Wenn Großbritannien nun der EU den Rücken kehrt, hat das nicht nur Konsequenzen für den Handel und Grenzverkehr. Es verändert auch das sprachliche, religiöse und kulturelle Gleichgewicht in der europäischen Gemeinschaft. Artikel 22 der EU-Grundrechtecharta schützt ausdrücklich die "Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen".

Vor allem Protestanten werden weniger

Mit einem Ausscheiden der Briten aus der EU werden auch viele Millionen vor allem Protestanten die Union verlassen. Die EU-Länder, in denen überwiegend protestantische Christen leben, werden damit weniger: Dänemark, Schweden, Finnland, Estland und Lettland. Im Umkehrschluss könnte man sagen, dass die EU katholischer wird. Bereits jetzt stellen Katholiken mehr als die Hälfte der EU-Bevölkerung.

In der katholischen EU-Bischofskommission COMECE sollen die Briten einen Gaststatus erhalten. "Ich wünsche mir, dass der Brexit so vollzogen wird, dass man keine neuen Feindschaften aufbaut, sondern das Gemeinsame, Europäische hervorhebt", sagt COMECE-Präsident Kardinal Jean-Claude Hollerich. Was die EU gemeinsam mit Großbritannien machen könne, solle auch weiter gemeinsam gemacht werden.

Weniger religiöse Vielfalt

Mit einem Brexit wird auch ein Teil der religiösen Vielfalt schwinden, denn Großbritannien vereint viele Weltanschauungen. Neben etwa 300.000 Juden und 2,7 Millionen Muslimen leben dort laut einer Erhebung der Statistikbehörde Eurostat von 2012 auch mehr als 800.000 Hindus, 420.000 Sikhs und 1 bis 4 Millionen Buddhisten.

Im EU-Parlament bleiben mit einem Austritt des Vereinigten Königreichs 73 Sitze leer; 27 davon werden mit Abgeordneten leicht unterrepräsentierter Länder besetzt. Die Briten sind nach den Deutschen und Franzosen die drittgrößte Gruppe im EU-Parlament. Nach der neuen Verteilung werden die Italiener diesen Platz einnehmen.

Weniger Abgeordnete

Der Brexit wird sich auch auf die Fraktionen im EU-Parlament auswirken. Die Fraktion der Liberalen "Renew" verliert 17 Abgeordnete, die Sozialdemokraten 10. Der Grünen/EFA-Fraktion fehlen 11 Mitglieder; sie gibt ihren Status als viertgrößte Fraktion im EU-Parlament ab. Das wird nun die rechtspopulistische Fraktion "Identität und Demokratie". Insgesamt 30 britische EU-Abgeordnete gehören der "Brexit Party" an. Sie schlossen sich im neugewählten EU-Parlament keiner Fraktion an. Ihr Fehlen wirkt sich also nicht auf die Fraktionsgrößen aus.

An der Sprachenvielfalt wird der Brexit wenig ändern. Laut der EU-Kommission bleibt Englisch auch nach dem Austritt Großbritanniens offizielle Amtssprache der EU. Eine Änderung müsste der Rat einstimmig beschließen. Das gilt aber als unwahrscheinlich, da Englisch auch offizielle Landessprache in Irland und Malta ist. Auch ein Großteil der Kommunikation in den EU-Institutionen läuft auf Englisch.

Den Status einer der drei meistgesprochenen Muttersprachen in der EU wird Englisch aber wohl verlieren. Belegte es laut einer Eurobarometer-Umfrage von 2012 gemeinsam mit Italienisch noch Platz zwei hinter Deutsch, wird es nun wahrscheinlich vom Französischen überholt.

Auch kulturell geht der EU mit einem "Brexit" einiges verloren. 32 Gebäude, Orte und Landschaften in Großbritannien stehen auf der Weltkulturerbeliste der Unesco, darunter etwa der Steinkreis von Stonehenge, die Kathedrale von Canterbury mit der Abtei Sankt Augustin sowie die Grenze des einstigen Römischen Reiches, der Hadrianswall zwischen Newcastle und Solway Firth. Mit Großbritannien verliert die EU darüber hinaus auch eine breite Palette von Kultur-Ikonen. William Shakespeare oder die Beatles sind da nur die prominentesten Beispiele. Aber streng genommen waren die nie tatsächlich Bürger der EU.


Quelle:
KNA
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