Zum Kinderschutz in der katholischen Kirche

"Dinge, die nie zu Ende gehen werden"

Seit einigen Jahren werden in der katholischen Kirche Maßnahmen zum Kinderschutz und zur Prävention von Missbrauch ergriffen. Doch damit ist der Prozess nicht abgeschlossen, sagt der Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana.

Kinderschutz / © Britta Pedersen (dpa)
Kinderschutz / © Britta Pedersen ( dpa )

DOMRADIO.DE: Offenbar kommt gerade viel ans Licht – ist das die Folge davon, dass gerade ordentlich aufgeräumt wird?

Hans Zollner (Jesuit, Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission): Sicherlich ist es das Ergebnis eines langwierigen Prozesses, der jetzt mit Papst Franziskus schon seit fünf Jahren auf dem Weg ist. Der war allerdings auch schon bei Papst Benedikt zu sehen. Ich glaube, dass wir jetzt paradoxerweise etwas sehen, was die Frucht von einer entschiedenen Vorgangsweise ist und dem Willen Dinge aufzudecken und sie anzugehen.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt denn Papst Franziskus dabei ganz konkret?

Zollner: Er hat in einer seiner ersten Äußerungen öffentlich das Thema sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt gegen Kinder in der Kirche angesprochen und er hat es seitdem immer wieder getan. Im März 2014 hat er die Päpstliche Kinderschutzkommission eingerichtet, die vor allem auch geschafft hat, dass das Thema Kinderschutz in der Kirche und die Aufarbeitung von geschehenem Unrecht auf der Agenda der Kirche weltweit angekommen ist.

DOMRADIO.DE: Sie haben die Päpstliche Kinderschutzkommission erwähnt. Sie sind dort Mitglied und außerdem Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Was ist Ihr Eindruck: Hat die Kirche aus diesen vielen Missbrauchsfällen gelernt?

Zollner: Ich glaube, wir lernen immer noch. Dieser Lernprozess ist in einigen Ländern schon seit Jahren auf dem Weg – in Deutschland sind das jetzt achteinhalb Jahre. Aber der Weg wird nicht morgen zu Ende sein. Ich habe immer gesagt, dass es sich um einen Generationenauftrag handelt. Wir können uns nicht ausruhen, zum Beispiel auf den Dingen, die in Deutschland im Bereich Prävention geschehen sind.

Es muss immer wieder vertieft werden und es müssen mit neuem Personal immer wieder Schulungen durchgeführt werden. Das sind Dinge, die nie zu Ende gehen werden. Und das ist eine der Hauptanforderungen an die Kirche, zu lernen, dass wir mit diesem Thema nicht abschließen wollen und auch nicht abschließen können.

DOMRADIO.DE: Wenn man sich in die Perspektive von Opfern begibt, dann wollen die natürlich ganz konkrete Schritte sehen. Was haben Sie da vorzuweisen?

Zollner: Ich glaube, die Rechtsnormenänderungen in den letzten Jahren zeigen, dass von der Rechtsseite her die notwendigen Schritte getan sind. Das bringt das Kirchenrecht auf den Stand dessen, was in den meisten europäischen Staaten die Rechtslage ist. Ich glaube auch, dass wir mehr Verantwortungsübernahme in den nächsten Jahren sehen werden. Das heißt, dass Maßnahmen gegen Vertuschung ergriffen werden, wie der Papst angekündigt hat.

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus hat jetzt im Fall Chile auch eigene Fehler eingeräumt. Welche Rolle spielt das?

Zollner: Der Papst hat aus einem, wie er sagt, schweren Fehler viel gelernt. Ich glaube, es ist exemplarisch für ihn, dass er sich dafür entschuldigt hat – das kommt bei Menschen in seiner Position in der Kirche und in Politik oder in anderen Institutionen kaum vor. Es ist auch exemplarisch, dass er diejenigen, denen er Unrecht getan hat, einlädt – er hat ja die drei bekanntesten Opfer zu sich nach Hause eingeladen. Und wie wir jetzt erfahren haben, wird er sich mit fünf weiteren Opfern treffen, die Priester sind. Ich glaube, das ist eine ganz große Geste, dass den Betroffenen von Missbrauch jetzt ernsthaft zugehört wird.

DOMRADIO.DE: Stichwort Prävention: Sie plädieren seit langem schon dafür, dass sich in der Priesterausbildung etwas ändern muss – was genau?

Zollner: Die Kleruskongregation ist dafür zuständig, wie die Priesterausbildung in den Seminaren und nach der Priesterweihe aussehen soll. In dem jüngsten Dokument, das im Dezember 2016 publiziert wurde und das für die ganze Kirche gilt, hat sie festgelegt, dass es von größter Bedeutung ist, dass das Thema Kinderschutz in der Ausbildung vorkommt. Und ich kann sagen, dass es ein sehr großes Interesse gibt, an diesen Themen dranzubleiben.

Ich begegne in allen Ländern Menschen, die nicht nur sehr ernsthaft darüber reden, sondern auch etwas tun. Zum Beispiel war ich jüngst in Malta und habe dort mit der theologischen Fakultät gesprochen. Dort will man unsere Programme des Kinderschutzzentrums in das Curriculum einbetten. Und wir wollen damit bewirken, dass alle Arten von kirchlichen Angestellten – seien es Kindergärtnerinnen, seien es Lehrer, seien es Menschen, die irgendwie in Pfarreien tätig sind – einen bestimmten Ausbildungsgang durchlaufen. Das heißt, der Kinderschutz kommt im Curriculum automatisch vor – wie man auf Betroffene zugeht, was man tun muss, um Betroffenen zu helfen, und wie man Täter konfrontiert. Das ist unser großes Anliegen und wir haben mehr Arbeit, als wir derzeit bewältigen können.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Pater Hans Zollner SJ / © Renardo Schlegemilch (DR)
Pater Hans Zollner SJ / © Renardo Schlegemilch ( DR )
Quelle:
DR
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