Das Trödelcafé ist seit 20 Jahren Treffpunkt für echtes Gemeindeleben

Uschi und die "Hochhausladies"

Im Trödelcafé von Uschi Diderich trifft sich Köln wie in Omas Wohnzimmer. Zwischen altem Porzellan, Kuchen und Kaffee entstehen seit 20 Jahren tiefe Gespräche, Gemeinschaft und gelebtes Ehrenamt. Und für viele ein zweites Zuhause.

Autor/in:
Moritz Mayer
Uschi Diderich unterhält sich mit den "Hochhausladies". / © Moritz Mayer (DR)
Uschi Diderich unterhält sich mit den "Hochhausladies". / © Moritz Mayer ( DR )

Wer das Trödelcafé von Uschi Diderich und ihren Helferinnen betritt, reist in Omas Wohnzimmer. Persische Teppiche liegen auf dem Boden, darauf eine lange, gedeckte Tafel. Im Eck steht eine Holzvitrine mit gläsernen Türen voller gold- und blumenverzierter Teller, Tassen und Zuckerdosen. Große Lampenschirme aus Stoff sorgen für die notwendige Beleuchtung. 

"Heute wird es lustig", sagt Uschi Diderich und schaut in den Raum, der bis auf wenige Plätze bereits komplett gefüllt ist. So voll sei es hier lange nicht gewesen. Sie haben eine längere Pause gemacht, mal eine Pause gebraucht, aber jetzt sei wieder geöffnet. "Man merkt, dass die Leute das hier brauchen", sagt Uschi, während sie Milchschaum in eine Tasse mit Filterkaffee löffelt.

Die "Hochhausladies" 

An der längsten Tafel im Raum sitzen zehn Frauen. Eine von ihnen war bis Januar mit 91 Jahren noch selbst eine der ehrenamtlichen Helferinnen. Nun genießt sie es, auch mal von Uschi einen Kaffee an den Platz gebracht zu bekommen. Auf der anderen Seite des gedeckten Tisches sitzt Gerti Fleuchaus. In einem rosa Strickpullover erzählt sie von früher. 1967 haben sie sich zum ersten Mal getroffen. "Nächstes Jahr feiern wir 60-jähriges Jubiläum", sagt die über 90-Jährige. 

Uschi Diderich und ihre Kollegin Monika Arentz arbeiten seit 20 Jahren ehrenamtlich im Trödelcafé / © Moritz Mayer (DR)
Uschi Diderich und ihre Kollegin Monika Arentz arbeiten seit 20 Jahren ehrenamtlich im Trödelcafé / © Moritz Mayer ( DR )

An eine Blumenvase angelehnt steht auf einem rosa A5-Papier in blauer Schrift: "Reserviert für die Hochhausladies". Über die Kinder haben sie sich alle kennengelernt, als sie alle ins selbe Hochhaus gezogen sind, erzählt sie. Anschließend haben sie einen Familienkreis in der Pfarrei gegründet und im Kirchenchor gemeinsam gesungen. Einige aus ihrer Runde fehlen inzwischen – vor allem die Ehemänner. 

Also kommen die "Ladies" hierher ins Trödelcafé, so oft sie können. Sie erzählen von der Zeit, als ihre Kinder kleiner waren, Wanderungen leichter fielen, aber auch von Erlebnissen, die sie in der vergangenen Woche hatten. Das fällt hier leichter, sagen sie. Denn hier im Café ist die Zeit stehengeblieben. Uschi nennt es den McDonald’s-Effekt, denn egal, wie lange man nicht da war, man weiß, was einen hier erwartet.

"Das ist für mich gelebtes Christentum"

Seit April 2005 gibt es das Trödelcafé im Haus Barbara. Mittwochs und donnerstags ist geöffnet. Neben Kaffee, selbstgebackenem Kuchen und frischen Waffeln am Donnerstag kann man auch Trödel und selbstgemachte Spezialitäten kaufen. Vieles stammt aus Haushalten, die kleiner werden, oder von Menschen, die ins Heim müssen. Immer wieder wenden sich ältere Gäste an Uschi und sagen: "Ich habe alle gefragt, keiner will mein Zeug, und ich möchte nicht, dass es nach meinem Tod im Container landet."

Kaum zu erkennen, aber wichtig für die Gäste: Auf einem rosa A5-Papier in blauer Schrift steht: "Reserviert für die Hochhausladies" / © Moritz Mayer (DR)
Kaum zu erkennen, aber wichtig für die Gäste: Auf einem rosa A5-Papier in blauer Schrift steht: "Reserviert für die Hochhausladies" / © Moritz Mayer ( DR )

Und so wandern die Zuckerdosen, Teller mit Goldrand und Tassen mit feinen Henkeln in Uschis Trödelcafé. "Ich sage immer scherzhaft, das ist eins meiner Kinder, das Café", sagt die dreifache Mutter. Es liege ihr sehr am Herzen, weil hier soziale Kontakte entstünden, die es sonst nicht gäbe. "Für mich ist das das eigentliche Gemeindeleben", sagt sie. Wenn besseres Wetter ist, kommen auch die ganzen Eltern mit ihren Kindern her. Dann würden sich hier alle treffen  – egal, wie alt sie sind, welche Herkunft und welche sexuelle Orientierung sie haben. "Das ist für mich gelebtes Christentum", sagt Uschi.

Kein Platz für Smalltalk

Seit 20 Jahren lebt sie das mit 21 weiteren Frauen im Trödelcafé vor – ehrenamtlich.  Ehrenamt ist für sie keine Nebensache. "Ohne Ehrenamt würde unsere gesamte Gesellschaft nicht funktionieren", sagt die Kölnerin. Sie selbst müsse nicht berufstätig sein und sehe darin auch eine Verpflichtung, etwas zurückzugeben. So arbeite sie sehr viel, sagt die 60-Jährige, aber eben nicht für Geld. 

Im Trödelcafé kann man auch Teller, Tassen und co. erwerben. / © Moritz Mayer (DR)
Im Trödelcafé kann man auch Teller, Tassen und co. erwerben. / © Moritz Mayer ( DR )

"Wenn vor allem die Frauen ihr Ehrenamt vier Wochen lang ruhen ließen, würde Köln, würde Deutschland stillstehen", sagt Uschi. Das zeigt sich auch im Café: Die Helferinnen zwischen 60 und 90 Jahren backen zu Hause Kuchen. Das bisschen Geld, das sie damit einnehmen, spenden sie an soziale und karitative Projekte. Manche backen einmal im Quartal, andere fast jede Woche. Uschi gehört zu denen, die fast immer in der Küche stehen. "Ich esse gar nicht so gerne Kuchen", sagt sie, "aber ich backe total gerne."

Ein Schnaps zum Schluss

Wer diesen Kuchen isst und Kaffee trinkt, merkt schnell: Smalltalk gibt es hier nicht. Wer hier sitzt, kennt sich. Oder lernt sich kennen. Gespräche gehen schnell in die Tiefe. Es wird über Krankheiten gesprochen, über Sorgen, über das, was wirklich beschäftigt. "Ich glaube, das liegt an der Atmosphäre", sagt Uschi später. Die Leute fühlten sich hier zu Hause, viele kämen seit 20 Jahren. "Die Wohnung ist zu klein geworden oder man traut sich das ganze Gedöns mit Backen und Kaffeekochen nicht mehr zu. Also trifft man sich hier."

Zum Schluss gibt es für die "Hochhausladies" einen Schnaps. / © Moritz Mayer (DR)
Zum Schluss gibt es für die "Hochhausladies" einen Schnaps. / © Moritz Mayer ( DR )

Zum Schluss stellt Uschi ein kleines Tablett mit Gläsern und drei Flaschen Schnaps auf dem Tisch der "Hochhausladies" ab. "So, welcher Schnaps darf es heute sein?", fragt sie in die Runde. Nach und nach schenkt sie das Hochprozentige in fingerhutgroße Gläschen. Ein homöopathischer Schluck, wie sie es nennt. Gemeinsam stoßen sie an auf den nächsten Besuch im Trödelcafé.

Karnevalsmotto 2026: "ALAAF – Mer dun et för Kölle"

Mit dem Sessionsmotto 2026 rückt das Festkomitee Kölner Karneval das Ehrenamt in den Mittelpunkt. "ALAAF – Mer dun et för Kölle" ist ein Dankeschön an die Zehntausenden Menschen, die sich in Köln freiwillig und unentgeltlich engagieren – im Karneval genauso wie im Sportverein, in der Kirche, in sozialen Einrichtungen, in der Jugendarbeit, der Flüchtlingshilfe oder der Lokalpolitik.

"ALAAF – Mer dun et för Kölle": Das Motto der Session 2026 des Festkomitees Kölner Karneval. / © Festkomitee Kölner Karneval (Festkomitee Kölner Karneval)
"ALAAF – Mer dun et för Kölle": Das Motto der Session 2026 des Festkomitees Kölner Karneval. / © Festkomitee Kölner Karneval ( Festkomitee Kölner Karneval )
Quelle:
DR

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