Ehrenamtler hilft am Kölner Hauptbahnhof Wohnungslosen und Reisenden

Von Rio auf den Kölner Bahnhofsvorplatz

Der 19-jährige Jasper Stiens engagiert sich in der Bahnhofsmission Köln. Am Hauptbahnhof unterstützt er Wohnungslose, Geflüchtete und Reisende. Er hört zu und hilft weiter – und ist immer einen Schritt langsamer, als die anderen.

Autor/in:
Moritz Mayer
Jasper Stiens ist mit seinem FSJ-Nachfolger im Kölner Bahnhof unterwegs. / © Moritz Mayer (DR)
Jasper Stiens ist mit seinem FSJ-Nachfolger im Kölner Bahnhof unterwegs. / © Moritz Mayer ( DR )

Es ist früher Mittag am Kölner Hauptbahnhof. Kurz nachdem Jasper Stiens seine ärmellose hellblaue Jacke angezogen hat, tauscht er sie gegen einen wärmeren Fleece-Pulli. Denn es geht nach draußen. Mit warmer Jacke und hellblauer Mütze geht es aus der Tür, raus auf Gleis 1, dann einmal den Bahnsteig entlang und runter Richtung Unterführung. Jasper und sein Kollege wollen einmal den kompletten Bahnhof ablaufen. "Damit wir keinen übersehen, der Hilfe brauchen könnte", sagt der 19-Jährige aus Bonn. 

Zwischen Pendlerinnen und Pendlern schlängeln sie sich den Weg zur E-Passage. Bei einer Gruppe von Männern, bleiben sie stehen. Jasper fragt, ob es ihnen gut geht oder sie etwas brauchen. "Alles gut", antwortet einer für die Gruppe. 

Jasper Stiens ist ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission tätig. / © Moritz Mayer (DR)
Jasper Stiens ist ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission tätig. / © Moritz Mayer ( DR )

Parallel kommt ein anderer Mann auf seinen Kollegen zu und fragt nach einem Brötchen. Jaspers Kollege öffnet seine Umhängetasche. "Essen haben wir leider keins, aber ein Wasser habe ich." Der Mann nimmt dankend an und läuft weiter. Die meisten wüssten, dass sie von anderen Bahnhofsmissionen auch Essen bekommen. Deshalb sprechen Menschen sie immer wieder darauf an, wird Jasper später erklären. 

Christliche Einrichtung für alle

Denn die Bahnhofsmission Köln ist nur eine von über 100 deutschlandweit. Auf Initiative sozial engagierter Christinnen und Christen entstanden Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Bahnhofsmissionen. Bis heute sind sie Einrichtungen der Katholischen und Evangelischen Kirche. In Köln tragen rund 70 Ehrenamtliche, FSJler, Studierende und fünf Hauptamtliche die Arbeit. Über 35.000 Menschen kommen jedes Jahr hierher. Die meisten blieben nicht länger als eine Stunde. Für Reisende sei dies ein Ort zum Durchatmen. "Kein Wohnzimmer", sagt die hauptamtliche Leiterin Ann Christin Frauenkron, "aber ein Angebot für alle, die es brauchen."

Für Jasper und seinen Kollegen geht es weiter. Am Breslauer Platz vor dem Hauptbahnhof stehen eine Gruppe von fünf Männern und eine Frau beisammen. Jasper und sein Kollege gehen langsamer und schauen sie an. Ein Mann winkt und ruft ihnen "Hallo" zu. "Hallo, alles klar bei euch?" antwortet Jasper und läuft auf sie zu. 

Berührungsängste und Kontakträume

Am Anfang hatte er Berührungsängste, erzählt Jasper. Fremde Menschen ansprechen, an denen die meisten Menschen vorbeilaufen, war auch für den inzwischen 19-Jährigen nicht einfach. Angefangen bei der Bahnhofsmission hat er vor eineinhalb Jahren mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Ursprünglich interessierte ihn das Thema Wohnungslosigkeit. Schnell merkte er, dass die Bahnhofsmission viel mehr ist. "Es gibt Menschen mit ganz anderen Lebensrealitäten", sagt Jasper. Das sei am Anfang auch erschreckend gewesen, aber er findet es wichtig, Kontakt mit Menschen zu haben, die nicht in derselben Blase leben. 

Jasper Stiens im Gespräch mit seinen Kolleginnen und Kollegen in der Bahnhofsmission. / © Moritz Mayer (DR)
Jasper Stiens im Gespräch mit seinen Kolleginnen und Kollegen in der Bahnhofsmission. / © Moritz Mayer ( DR )

Eine Begegnung ist an ihm haften geblieben: Jasper hat eine geflüchtete Familie zum Zug begleitet. Die kleinen Kinder haben die ganze Zeit herumgescherzt, erzählt er. "Ein schöner Moment", sagt der 19-Jährige "weil die Familie in so einer schweren Situation war, aber die Kinder trotzdem Spaß hatten und sich hinter Büchern verstecken konnten".

Wegen solcher Kontakträume blieb Jasper – ehrenamtlich. "Es ist ein selbstverständlicher Teil meines Lebens geworden", sagt er. Im Ehrenamt gehe es darum, Menschen zu unterstützen, und darum, nicht auszublenden, dass sie Schicksalsschläge erleiden können. Gleichzeitig nehme er selbst viel mit. Seine FSJ-Stelle hat inzwischen sein Kollege übernommen, mit dem er heute im Bahnhof unterwegs ist.

Perspektiven bieten

Vor dem Bahnhof unterhält sich Jasper mit einem der Männer. Er sei aus Rumänien und brauche Unterstützung beim Ausfüllen seiner Arbeitsbescheinigung, erzählt er auf Deutsch. Jasper bittet seinen Kollegen, die Umhängetasche zu öffnen, und zieht einen Ordner heraus. Er blättert, bis er eine Infobroschüre auf Rumänisch findet. "Hier können Sie hingehen, die helfen auf jeden Fall weiter", sagt der Bonner. 

Sind sichtbar und jederzeit ansprechbar: Jakob und sein Kollege beim Gang durch den Kölner Bahnhof. (DR)
Sind sichtbar und jederzeit ansprechbar: Jakob und sein Kollege beim Gang durch den Kölner Bahnhof. / ( DR )

Das Ziel für den Mann ist das Johanneshaus Köln, das dem Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln angeschlossen ist. Es hilft bei der Betreuung und Versorgung von Menschen mit sozialen Problemlagen. "Da kann auch sicher jemand Rumänisch, da können sie heute noch hin", sagt Jasper. "Ja, heute? Dann gehe ich da gleich noch hin", antwortet der Mann aus Rumänien. 

Von Rio auf den Kölner Bahnhofsvorplatz

Einem anderen aus der Gruppe ist währenddessen das Namensschild von Jaspers Kollegen aufgefallen. "Ist das Spanisch?", fragt der Mann. "Portugiesisch", bekommt er als Antwort. Der Mann, der vermutlich um die 50 Jahre alt ist, erzählt, dass er schon mal in Brasilien gewesen ist: "Am Cristo Redentor", fügt er hinzu, wobei er seine beiden Arme von seinem Körper seitlich weghebt, wie es die Christusstatue in Rio macht. 

Er habe früher ein anderes Leben geführt und sei viel gereist. "Als meine Frau plötzlich weggeklappt ist", sagt der Mann, "hab ich mich im Leben nicht mehr zurechtgefunden." Drogen habe er keine genommen, aber er habe auch nicht mehr weitermachen können wie bisher, und sei so hier gelandet – am Kölner Bahnhofsvorplatz. 

Geschichten wie diese, erzählt Jasper später, höre man immer wieder. Entscheidend sei, dass man den Menschen zeigt, dass man ansprechbar und offen ist. Er sagt: "Wenn man einen Schritt langsamer geht als die anderen, reicht das oft schon aus."

Karnevalsmotto 2026: "ALAAF – Mer dun et för Kölle"

Mit dem Sessionsmotto 2026 rückt das Festkomitee Kölner Karneval das Ehrenamt in den Mittelpunkt. "ALAAF – Mer dun et för Kölle" ist ein Dankeschön an die Zehntausenden Menschen, die sich in Köln freiwillig und unentgeltlich engagieren – im Karneval genauso wie im Sportverein, in der Kirche, in sozialen Einrichtungen, in der Jugendarbeit, der Flüchtlingshilfe oder der Lokalpolitik.

"ALAAF – Mer dun et för Kölle": Das Motto der Session 2026 des Festkomitees Kölner Karneval. / © Festkomitee Kölner Karneval (Festkomitee Kölner Karneval)
"ALAAF – Mer dun et för Kölle": Das Motto der Session 2026 des Festkomitees Kölner Karneval. / © Festkomitee Kölner Karneval ( Festkomitee Kölner Karneval )
Quelle:
DR

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