Wie ein Kirchenvorstand aus Afghanistan gegen die Abschiebung kämpfte

"Wir schreiben keine Gefälligkeitsgutachten"

Naser R. ist ein Einzelfall mit Symbolcharakter. Obwohl der Afghane sich vor fünf Jahren taufen lies, sollte er nun nach Afghanistan abgeschoben werden. Der Fall stellt aber größere Fragen nach Konversion und Asylgründen.

Symbolbild Abschiebung / © Pixelschön (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Der afghanische Mann, der in ihrer Gemeinde im Vorstand engagiert ist, ist also vor einigen Jahren nach Deutschland gekommen. In diesem Jahr drohte ihm die Abschiebung. Wie genau ist es dazu gekommen?

Dekan Günter Saalfrank (Evangelisches Dekanat Hof): Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat ihn nicht anerkannt. Als Asylgrund konnte nicht entsprechend geltend gemacht werden, dass er Christ geworden ist. Bei der Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Bayreuth war ich selbst dabei, wo er gegen diesen Bescheid geklagt hat.

Er hat sehr überzeugend - von meiner Seite aus - den christlichen Glauben dargelegt und seine Konversionsgründe. Im Urteil meinte dann die Richterin: Ja, das war zwar zu erkennen, aber es hätte noch mehr deutlich gemacht werden müssen, wie identitätsstiftend der Glaube für ihn ist. Das hat dann schon für Fragen gesorgt und führte dann dazu, dass er keinen Flüchtlingsstatus bekam und deshalb nun nach Afghanistan abgeschoben werden sollte.

DOMRADIO.DE: Aber mittlerweile konnten Sie mit Hilfe von Medienberichten die unmittelbare Abschiebung abwehren. Welche Lösung gab es dann am Ende?

Saalfrank: Die Medienberichte haben uns sehr geholfen und auch andere, die sich für ihn engagiert haben, wie unsere Regionalbischöfin aus Bayreuth. Der bayrische Innenminister hat relativ schnell dann erklärt, die Abschiebung ist vom Tisch. Allerdings ist der Weg, der jetzt zu gehen ist, kein ganz einfacher. Dadurch, dass Naser R. nicht Asyl gewährt wurde, gilt er als illegal Eingereister und deshalb muss er wieder ausreisen.

Bei der deutschen Botschaft in Afghanistan ist es leider nicht möglich, sondern er muss nach Neu-Delhi, sich ein Visum zur Wiedereinreise besorgen und bekommt dann die Duldung und gleichzeitig eine Ausbildungserlaubnis. Also das ist ein etwas komplizierter Weg, der schon in normalen Zeiten nicht ganz einfach ist. Aber wenn damit Naser eine Bleibeperspektive in Deutschland eröffnet wird, dann ist leider dieser Weg zu gehen.

DOMRADIO.DE: Die Geschichte, über die wir jetzt sprechen, die könnte man auch als Einzelfall abtun. Sie bedeutet aber auch, dass Kirchengemeinden und Flüchtlinge sich in einer schwierigen Situation befinden, wenn es um das Thema Konversion als Asylgrund geht. Warum?

Saalfrank: Weil von staatlichen Behörden in der Vergangenheit immer der Vorbehalt da war: Menschen werden Christen aus asyltaktischen Gründen. Das ist aber oft nicht der Fall. Natürlich kann keiner von uns in das Herz von Menschen schauen. Das kann nur Gott. Aber als Menschen, die wir die Konvertiten begleiten, und ich selbst habe vor vier Jahren Naser getauft und bin seit dieser Zeit mit ihm in näherem Kontakt, können wir das sagen, ob aus unserer Perspektive das nur vorgeschoben ist oder ob er das lebt. Und wenn jemand wie Naser R. sich engagiert in der Kirchengemeinde bis hin zum Kirchenvorstand, ist es doch ein Beleg. Da wünschte ich mir, dass die Stellungnahmen der Kirchen deutlicheres Gewicht beim Verfahren haben. Denn wir schreiben keine Gefälligkeitsgutachten, sondern setzen uns für Menschen ein, wo wir sagen: Da lohnt es sich.

Insofern ist der Fall von Naser R. nur die Spitze eines Eisberges und viele sind davon betroffen. Da würden wir uns wünschen, dass Religion sensibler verhandelt wird, gefragt wird. Das ist in Teilen auch schon der Fall, wie ich bei Verhandlungen jetzt erlebt habe. Aber insgesamt braucht es eine stärkere Berücksichtigung der kirchlichen Stellungnahmen. Das Thema Konversion ist ein sehr sensibles Thema und da müssen alle Beteiligten entsprechend damit umgehen.

Das Gespräch führte Tobias Fricke.

Protest-Transparent gegen Abschiebungen / © Christian Charisius (dpa)
Protest-Transparent gegen Abschiebungen / © Christian Charisius ( dpa )
Quelle:
DR