Katholische Elternschaft fordert zumindest Wechselunterricht

"Wir brauchen qualifizierte Betreuung"

Wie geht es mit dem Unterricht weiter? Zumindest eine Rückkehr zum Wechselunterricht fordert die Katholische Elternschaft Deutschlands vor der Ministerpräsidentenkonferenz. Gerade für Grundschüler sei der direkte Kontakt zu Lehrern wichtig.

Katholische Elternschaft fordert zumindest Wechselunterricht / © Armin Weigel (dpa)
Katholische Elternschaft fordert zumindest Wechselunterricht / © Armin Weigel ( dpa )

DOMRADIO.DE: Was sollte Ihrer Meinung nach bei der Ministerpräsidentenkonferenz an diesem Mittwoch beschlossen werden?

Marie-Theres Kastner (Bundesvorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands / KED): Ich würde mir schon wünschen, dass vor allen Dingen die Kinder bis ungefähr 12 Jahre in den Präsenzunterricht zurückkehren. Auch sollte es eine Möglichkeit für die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen geben, in den letzten Wochen noch einmal in den Präsenzunterricht zurückzukehren. Dafür bräuchten wir natürlich gewisse Voraussetzungen. Ob das jetzt Hybridunterricht ist oder die Teilung der Klassen und so weiter und so fort.

Aber ich glaube, es ist vor allen Dingen für die Kinder, die keinen Vater oder Mutter haben, die ständig gucken, ob der Stoff auch verstanden ist, wichtig, ob man vielleicht bei den Hausarbeiten helfen muss. Gerade bei der Erarbeitung neuen Stoffs ist es für die kleinen Kinder unendlich schwierig, das so zu begreifen.

Ich habe zur Entlastung meiner Tochter mit drei kleinen Kindern die letzten zwei Wochen mit der ältesten dieser drei Kinder Homeschooling bei mir zu Hause gemacht. Sie hat einen Schreibtisch gekriegt, hat ihren Laptop genutzt.

Was die Kinder hervorragend können, ist mit dem Laptop umzugehen. Da versinke ich in Erstaunen. Aber ich habe auch gemerkt, wie schwierig es ist. Dividieren mit großen Zahlen, Interpretieren von Erdkundekarten und so weiter, das ist alles etwas, wo Eltern eigentlich wenigstens ein bisschen unterstützend tätig sein müssen. Bei den Eltern, die das aus beruflichen Gründen oder der eigenen Herkunft heraus nicht können, ist das ganz schwierig. Deshalb brauchen die Kinder das, damit sie nicht auf lange Zeit abgehängt bleiben.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, es müsste eine Strategie her. Hybridunterricht wäre dann auch weiter die Möglichkeit. Das hieße aber ja, dass immer noch die Hälfte der Zeit digitaler Fernunterricht herrschen würde, der vielerorts ja immer noch suboptimal läuft. Das wäre dann nach dem Motto: schlechte Konzepte halbieren, das richtet weniger Schaden an?

Kastner: Das weiß ich nicht. Wir müssen einfach feststellen, dass es im Moment so ist, dass das Engagement jedes einzelnen Lehrers zählt. Bei den Lehrern, die sich in den digitalen Unterricht hineinfuchsen, die sich unendlich engagieren, haben die Kinder natürlich Glück. Aber es gibt auch Lehrer, die können das nicht. Denen müsste man eigentlich intensiv zur Seite stehen. Das ist das eine.

Aber das ersetzt immer noch nicht den Präsenzunterricht. Gerade bei Grundschulkindern zählt das Gesicht der Lehrerin. Da zählt auch für die Lehrerin das Gesicht der Kinder. Haben sie es verstanden? Haben sie es nicht verstanden? Es gibt ja Leute, die melden sich nicht gleich und sagen, ich habe es nicht kapiert, sondern da muss man einfach an dem Verhalten der Kinder merken, dass es nicht so passt. Das kann man nur im Präsenzunterricht, das kann man nicht digital.

DOMRADIO.DE: Aber nach den Ferien angesichts der hohen Infektionsgefahr nur auf digitales Fernlernen zu setzen, das fanden Sie dann schon richtig?

Kastner: Ja, wir mussten runter von den Zahlen. Und vor allen Dingen hat man auch gemerkt, wie schwer sich die Schulen tun, diese Konzepte umzusetzen. Die einen möchten ganz klare Vorgaben, die anderen möchten eigene Freiheiten haben. Das ist natürlich von Schule zu Schule sehr verschieden. Deshalb ist es auch so schwierig, hier zu sagen: Ihr müsst es alle nach einem einheitlichen Maßnahmenkatalog machen.

Es ist einfach ein unheimlicher Verwaltungskram noch dabei.

DOMRADIO.DE: Jetzt wird schon über eine Verkürzung der Sommerferien oder eine Ehrenrunde für alle diskutiert, damit die Kinder den Stoff wieder aufholen können. Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit diesem Problem umgehen?

Kastner: Eine generelle Verdoppelung eines Schuljahres halte ich für nicht besonders klug. Erstens müssen wir davon ausgehen, dass die Anzahl der Lehrer nicht beliebig vermehrbar ist. Wir haben nur so viel Lehrkräfte, wie wir haben. Und wenn wir sasen, die Schüler sollen einen Jahrgang doppelt machen, dann kriegt man entweder ganz große Klassen oder sonst etwas, das funktioniert nicht.

Wir plädieren eindeutig dafür, dass wir die Kenntnis der Lehrer nutzen, um denen, die auf dem Weg ein bisschen zögerlich gefolgt sind und Nachteile haben, besondere Förderprogramme anzubieten. Das ist keine Abstempelung, sondern es ist ein Hilfsangebot für diese Kinder.

Wir müssen uns ja einfach mal vorstellen, dass es Familien gibt, die auf engem Wohnraum sitzen, wo dann mehrere Kinder da sind und wo vielleicht auch Kinder da sind, die noch gar nicht in die Schule gehen, die aber beaufsichtigt werden müssen. Da haben die größeren Kinder, die dann schon in die Schule gehen und Schularbeiten machen, keine Ruhe.

Dieses Modell "Study Holds", was von der Kultusministerin in Nordrhein-Westfalen da auf den Weg gebracht worden ist, wäre eine ideale Geschichte. Aber da gibt es dann schon gleich wieder welche, die sagen, dann werden die Kinder aber gebrandmarkt. Nein, es ist ein Angebot für Kinder zu sagen, ihr könnt euch eine Zeit lang rausziehen und könnt dann wirklich in aller Ruhe lernen.

Aber dafür brauchen sie natürlich qualifizierte Betreuung. Da kann nicht irgendjemand sagen, gucken wir mal, was die Kinder machen, sondern da muss es wirklich qualifizierte Lehrer geben, die dann auch die Möglichkeit haben, das nachzuholen.

Das Interview führte Julia Reck.

Marie-Theres Kastner im November 2017 / © Julia Steinbrecht (KNA)
Marie-Theres Kastner im November 2017 / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Quelle:
DR
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