DOMRADIO.DE: Wo liegen die Ursprünge des Segens Urbi et Orbi?
Nersinger: Dafür müssen wir in die vorchristliche Antike zurückgehen. Wenn wir auf den Dichter Ovid schauen: Er sagte, andere Völker hätten ein Gebiet mit festen Grenzen; nur im Römischen Reich falle die Stadt mit dem Erdkreis zusammen. Hier zeigt sich erstmals dieser Gedanke. Das ist ein Verständnis vom Imperium, das deutlich hervortritt. Später greifen die Päpste dies auf. Im 13. Jahrhundert finden wir den Segen, aber auch eine Proklamation bei Amtsantritt: „… dass du der Stadt und dem Erdkreis vorstehst.“ Urbi et Orbi ist also ein uralter Begriff, den die Kirche übernommen hat.
DOMRADIO.DE: Und wie lief das anfangs ab, das ganze Prozedere?
Nersinger: Der Apostolische Segen war im Kern ähnlich wie heute, wurde aber immer wieder angepasst – mit Einschränkungen oder Privilegien. Da müsste man eigentlich jedes einzelne Jahrhundert oder manchmal sogar Jahrzehnt betrachten. Aber die Ursprünge und die Form des Segens gehen ins 13. Jahrhundert zurück.
DOMRADIO.DE: Seit wann wird der Segen so gespendet, wie wir ihn heute kennen und gleich wieder sehen werden?
Nersinger: Da muss man fast so antworten, wie ich es gerade getan habe. Aber im Großen und Ganzen ist die Struktur gleich geblieben. Es gab jedoch immer wieder Änderungen. Zum Beispiel betrachteten sich die Päpste zwischen 1870 und dem Amtsantritt von Pius XI. als "Gefangene des Vatikans", weil es Konflikte zwischen dem Heiligen Stuhl und Italien gab. In dieser Zeit spendeten sie den Segen aus Protest nicht von der äußeren, sondern von der inneren Loggia. Solche Variationen gab es immer wieder.
DOMRADIO.DE: Sind diese Massenaufläufe ein neuzeitliches Phänomen oder war es schon immer so voll?
Nersinger: Große Menschenmengen gab es schon früher. Im Kirchenstaat wurde "Urbi et Orbi" an Gründonnerstag gespendet. Und wir wissen, dass sich gewaltige Menschenmassen auf dem Petersplatz versammelten. Diplomaten und der römische Adel kamen in Kutschen, für deren Ablauf es eine eigene Ordnung gab. Es war genau geregelt, wie sie sich aufstellen durften, wie sie vorfuhren und den Platz wieder verließen. Das zeigt, welches große gesellschaftliche Ereignis die Spendung des Segens war.
DOMRADIO.DE: Ein Höhepunkt für viele ist der Segen in bis zu 60 verschiedenen Sprachen. Wer hat mit dieser Vielsprachigkeit begonnen?
Nersinger: Diese Neuerung geht auf Papst Paul VI. zurück. Er wählte den Namen des Völkerapostels für sein Pontifikat und nutzte somit entsprechend viele Sprachen, um seine Oster- oder auch Weihnachtsgrüße zu übermitteln.
DOMRADIO.DE: Wie haben das seine Nachfolger gehandhabt?
Nersinger: Ähnlich. Papst Franziskus hat sich aber etwas distanziert. Er hat die Grüße sehr gekürzt und meist nur auf Italienisch oder Latein gesprochen.
DOMRADIO.DE: Wir schauen gespannt auf den Segen, den Papst Leo XIV. um 12 Uhr spenden wird. Was meinen Sie: Wie wird Papst Leo das mit den Sprachen handhaben?
Nersinger: Das bleibt spannend. Bisher hat er sich mit anderen Sprachen eher zurückgehalten. Vielleicht nutzt er heute – auch angesichts der weltweiten Konflikte - bewusst mehr Sprachen. Aber wir müssen uns überraschen lassen.
DOMRADIO.DE: Ob er wohl auch Niederländisch geübt hat?
Nersinger: Ja, da gibt es einen bekannten Ausspruch: Seit dem Besuch von Johannes Paul II. in den Niederlanden schenken die niederländischen Floristen dem Papst jedes Jahr ein Blumenmeer für den Petersplatz. Traditionell bedanken sich die Päpste dafür auf Niederländisch mit: "Bedankt voor de bloemen." Darauf warten die Floristen jedes Jahr.
DOMRADIO.DE: Das kann Leo auch, da bin ich mir relativ sicher.
Das Interview führte Carsten Döpp.