DOMRADIO.DE: Wo einem Jahr gab es eine öffentliche Äußerung von evangelischer und katholischer Kirche in Deutschland zu den Vorhaben der Union, die Migrationspolitik deutlich zu verschärfen. Von "Befremden" über den Tonfall war da die Rede und dass das die Probleme in Deutschland nicht lösen und vielmehr Vorurteile schüren werde. Wie blicken Sie heute auf die politischen Vorhaben der Parteien mit dem "C" im Namen?
Prälatin Dr. Anne Gidion (Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union): Es liegt ein Jahr mit vielen Begegnungen und guten und freundlichen Gesprächen hinter uns. Es gab hochrangige Kontakte zwischen der evangelischen Ratsvorsitzenden und dem Bundeskanzler sowie auf Einladung des Chefs des Bundeskanzleramts mit Mitgliedern des Rates der EKD. Und es gab viele Gespräche von mir, auch am Rande von großen Gottesdiensten.
Ich denke da vor allem an den Staatsakt von Bundespräsident a.D. Horst Köhler, aber auch an Gottesdienste zur Eröffnung der neuen Parlamentsphase, an Begegnungen rund um Weihnachten und nicht zuletzt auch an Gespräche zu unserer Friedensdenkschrift, die vom Außenminister und vom Unionsvorsitzenden des Verteidigungsausschusses mit großem Interesse aufgenommen wurden. Insofern blicke ich auf ein dichtes Jahr mit viel Kommunikation zwischen evangelischer Kirche und Union zurück.
DOMRADIO.DE: Das heißt, aus Ihrer Sicht ist das Verhältnis zwischen Kirchen und Union gut?
Gidion: Wir sind im Gespräch und im guten Austausch in herausfordernden Zeiten, für die niemand eine einfache Lösung hat und in denen der christliche Glaube und die Kirche als Institution herausgefordert sind, ebenso wie die demokratischen Parteien. Und da sind wir in einem, wie ich finde, vertrauensvollen und konstruktiven Austausch.
DOMRADIO.DE: Es wird immer wieder über den christlichen Bezug von CDU und CSU diskutiert, es gab sogar schon Vorschläge, das "C" im Namen zu streichen. Wo sehen Sie denn aktuell die christlichen Werte in den politischen Vorhaben der Union noch umgesetzt?
Gidion: In der Grundpräambel des Grundgesetzes ist die Rede von der "Verantwortung vor Gott und den Menschen". Das ist etwas, um das die Politik ringt und ganz besonders die Partei, die das "C" als Verbindendes hat. Die christlichen Werte sind immer dann gefragt, wenn es um Menschenwürde geht, um das Zusammenleben von Menschen im Sozialstaat, aber auch im Kontext von Europa oder der Welt.
Was ich als große Herausforderung sehe, ist die Instrumentalisierung des Christlichen derzeit auf der anderen Seite des Ozeans und die Frage, wie überhaupt religiöse Ansprüche in der Politik gut geltend gemacht werden können, ohne zu vereinnahmend zu sein oder die Neutralität des Staates gegenüber den Religionen infrage zu stellen.
Das ist ein Teil, von dem ich sagen würde: Da ist ganz viel Potenzial drin und darum drehen sich auch viele Gespräche: Was ist überhaupt christliche Politik und woran kann man das erkennen? Und dann findet man sie auch in den ganz konkreten Feldern: im Sozialen, in der Entwicklungszusammenarbeit und auch in dem Ringen um eine menschenwürdige Migrationspolitik.
Da bringen wir unsere Stimme ein, auch im ökumenischen Konzert, und im vollen Bewusstsein, dass wir die Politik nicht machen, sondern dass wir vor Ort in den Gemeinden mit den Partnern in den diakonischen Einrichtungen Basisarbeit machen und dass wir in dem bundespolitischen Bereich immer wieder unsere Positionen einbringen und darum ringen, gehört zu werden.
Aber ich finde ganz wichtig, deutlich zu machen: Es ist ein großes Feld, das überhaupt nicht auf Deutschland beschränkt ist, sondern das man im Moment wirklich vergrößern muss, um die Dimension zu verstehen.
DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie würden so die Kritik aus dem vergangenen Jahr in ihrer Schärfe heute so nicht mehr wiederholen?
Gidion: Wir blicken jetzt vor allen Dingen auf die Umsetzung des gemeinsamen europäischen Asylsystems und was das für den Status von in diesem Land lebenden Menschen bedeutet und für diejenigen, die Asylanträge stellen, weil sie in ihren Heimatländern aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr leben können. Auch das erlebe ich als ein ganz großes Ringen.
Wir halten dieses Thema wach, weil wir vor Ort die Menschen sehen und wissen, was Menschen zum Teil durchmachen, bis sie hier ankommen. Zugleich sehen wir auch Problematiken in den Kommunen. Das ist ein Thema, wo man sehr gut schauen muss, dass das Zusammenleben in diesem Land gelingt. Das hängt aber auch mit den Diskursen und dem Stil zusammen, und da bemühen wir uns sehr um eine Gesprächsform, die im Anderen den Nächsten sieht.
DOMRADIO.DE: Die inhaltlichen Positionierungen der Evangelischen Kirche haben in der Vergangenheit bei so manchem den Eindruck erweckt, dass sie eher eine inhaltliche Nähe zu den Grünen oder zur SPD haben. Es gibt Beobachter, die eine Entfremdung zwischen Kirchen und Unionsparteien beobachten. Können Sie das nachvollziehen?
Gidion: Das Wichtigste ist, ins Gespräch zu kommen, und dabei ist es wichtig, nicht zwingend davon auszugehen, man wisse, was der andere denkt.
Ich habe es vielfach erlebt, auch in Antrittsbesuchen oder in Gesprächen mit Parlamentariern, dass es viel Raum für Zwischentöne und differenzierte Einschätzungen gibt. Für die kämpfe ich und auch dafür, dass diese Korridore offen bleiben und dass man sich in diesen gemeinsam bewegen kann. Dafür setze ich mich gerade auch in meiner diplomatischen Rolle ein.
Mir ist es am wichtigsten, zu sagen: Es gilt, Korridore der Verständigung offen zu halten. Und wenn es das Gefühl von Entfremdung gibt, sollte man miteinander sprechen. Dafür stehe ich ein und dafür suchen und finden wir gute Formate, zum Beispiel Frühstücke, Andachten oder Anhörungen sowie den Austausch am Rande großer Gottesdienste. Da findet Kommunikation statt und um diese Kommunikation geht es.
DOMRADIO.DE: Beim Parteitag der CDU ab Freitag wird eine Vielzahl von Themen besprochen und es wird viele Entscheidungen geben. Auf welche schauen Sie mit besonderem Interesse?
Gidion: Wir finden besonders schön, dass wir zu Beginn des Parteitags einen ökumenischen Gottesdienst feiern können, auf den ich mit deutlich weniger Anspannung schaue als vor einem Jahr. Es ist wunderbar, dass das möglich und gewünscht ist und wir das dort gemeinsam tun können, für das wir da sind: Kirche in der Welt zu sein und in dieser Welt Formen zu finden, selbst auf einem Stuttgarter Messegelände, die gottesdienstlich sind. Es ist schön, dass wir das auch wirklich gemeinsam tun können, besonders für die Menschen, denen es wichtig ist, so einen Auftakt zu setzen.
Es gibt einen kleinen Fraktionschor der CDU, der singen wird, es gibt evangelische Paramente, die aus einer Stuttgarter Gemeinde eigens dafür ausgeliehen wurden, und es gibt einen katholischen Organisten, der kommt, um dort zu spielen: Das ist auch ein ganz wichtiger Teil des "C" im Parteinamen, zu sagen: Es gibt einen gemeinsamen Gottesdienst und eine gemeinsame Feier.
DOMRADIO.DE: Welche Botschaft möchten Sie denn den Delegierten mitgeben?
Gidion: Gerade in Woche eins nach der Münchner Sicherheitskonferenz, wo uns einmal mehr bewusst gemacht wurde, was auf dem Spiel steht, ist mir wichtig, zu sehen, wie viel Herausforderung das ist, die Sicherheit in diesem Land und in Europa zu gewährleisten.
Die andere Seite davon ist eine Form von Vertrauen, dass es die Möglichkeit geben muss, in dem anderen nicht nur den Gegner und den potentiellen Feind zu sehen, sondern auch die ausgestreckte Hand zu nehmen. Und dass man ohne Vertrauen nicht leben kann, trotz aller notwendigen Sorge um die Sicherheit.