Wie das Recyclingkreuz nach Ghana zurückkehrt

Aus Deutschland in die "City of God"

Mitten im Elektroschrott-Slum von Agbogbloshie wächst Hoffnung. Ein Priester schafft mit der "City of God" einen Ort für Kinder und ein Recyclingkreuz wird zum Zeichen für Glaube, Würde und globale Verantwortung.

Autor/in:
Alexander Foxius
Das Recyclingkreuz in Agbogbloshie / © Alexander Foxius (DR)
Das Recyclingkreuz in Agbogbloshie / © Alexander Foxius ( DR )

"Durch Gottes Gnade bin ich hier – ich weiß selbst nicht genau, warum Gott mich hierher geführt hat. Aus einem Jahr sind inzwischen vierzehn geworden. Seitdem diene ich den Menschen in der City of God."

Der indische Priester Subash Chittilapilly lebt seit 14 Jahren in Ghana
Der indische Priester Subash Chittilapilly lebt seit 14 Jahren in Ghana

Der indische Priester Subash Chittilapilly, den hier alle nur "Father Subash" nennen, kam als Mitglied der Missionare der Nächstenliebe, der Ordensgemeinschaft von Mutter Teresa, über Mexiko nach Ghana. Heute steht er mitten im "Guardian Angel Day Care Center", der Schutzengel-Kindertagesstätte.

Der 2024 eröffnete Kindergarten trägt seinen Namen in Anlehnung an die "Aktion Schutzengel" von missio Aachen. Unterstützt wurde der Bau auch von "Ein Herz für Kinder". Das Day Care Center liegt direkt am Rand von Agbogbloshie, dem Gebiet der Elektroschrottverarbeitung mitten im Herzen der ghanaischen Hauptstadt Accra. "Es ist der größte Slum in Ghana. Die Situation dort ist sehr, sehr schlecht", sagt Father Subash über den Ort, aus dem die Kinder kommen. Im Kindergarten zeigt sich dagegen ein ganz anderes Bild.

In der "City of God" ist das Leben farbenfroh

Wo in Agbogbloshie Kühe auf Müllbergen weiden und der Boden von Abfällen bedeckt oder verbrannt ist, umgibt hier ein grüner Rasen die Gebäude des Kindergartens. Vom nahen Atlantik weht ein milder Wind. Eine satt magentafarbene Drillingsblume bewegt sich leicht. Kinder balancieren über einen Balken, andere springen auf dem Trampolin. Die Gebäude ringsum sind niedrig, eingeschossig, mit roten Dächern und klaren Linien.

Im Inneren herrscht eine lebendige, fast heitere Unruhe. Der Raum ist hell, die Wände sind weiß gestrichen. Mehrere Kinder sitzen auf niedrigen Plastikstühlen in kräftigen Farben: Blau, Gelb, Rot und Grün. Die Möbel sind kindgerecht, leicht und funktional. Die Kleidung der Kinder ist einheitlich: gelbe, rote und blaue Shirts mit der Aufschrift "City of God".

Auf einem kleinen Bildschirm läuft ein Zeichentrickfilm. Die bunten Bilder flimmern und ziehen die Aufmerksamkeit einiger Kinder auf sich, während andere miteinander spielen, still beobachten oder einfach ausruhen. Ein Kind hat den Kopf auf den Tisch gelegt und schläft. Es ist kein Unterricht im eigentlichen Sinn, sondern eher ein Moment der Ruhe, des Sammelns und des Durchatmens. Nach der Betreuung bringt ein Kleinbus die Kinder zurück in die raue Realität des Slums – in Lärm, Dreck und Armut.

Kinder lernen und ruhen im Guardian Angel Day Care Center / © Alexander Foxius (DR)
Kinder lernen und ruhen im Guardian Angel Day Care Center / © Alexander Foxius ( DR )

Einen Ort wie diesen gab es vor wenigen Jahren noch nicht, erzählt Father Subash. Die alte "City of God" und das frühere Day Care Center lagen mitten in Agbogbloshie, das die Bewohner einst "Sodom und Gomorra" nannten. Die "City of God", die Stadt Gottes, soll diesem Elend etwas entgegensetzen und neue Perspektiven eröffnen.

Das Recyclingkreuz kehrt zurück

Deshalb freut sich Father Subash auch über den Besuch aus Deutschland. Zu Gast sind in diesen Tagen missio-Präsident Pfarrer Dirk Bingener, eine Delegation von missio Aachen und Vertreter des Erzbistums Accra. Gemeinsam tragen sie das Recyclingkreuz durch die engen Gassen des Slums. Lokale Medien berichten im Fernsehen, in Zeitungen und im Internet.

Es ist die Rückkehr eines Symbols, das nach seiner Entstehung in Ghana nach Deutschland gebracht und dort weiterbearbeitet wurde. Einen Höhepunkt erlebte das Kreuz im Vorjahr, als Papst Leo XIV. es bei einer Generalaudienz in Rom segnete. Das geschah am 27. August 2025. Für viele Gläubige im Erzbistum Accra ist dieser Segen von großer Bedeutung.

Schon am Flughafen wird das mitgebrachte Kreuz freudig empfangen. Ein traditioneller Chor singt, Menschen tanzen und trommeln. Weihbischof Anthony Narh Asare hält das Kreuz hoch und zeigt es den Wartenden. Rund um Palmsonntag steht das Recyclingkreuz im Erzbistum Accra sichtbar im Mittelpunkt.

"Dank ihm versammeln wir uns heute und feiern das Kreuz"

Mit Stolz blickt auch der Erzbischof von Accra, John Bonaventure Kwofie, in der Heilig-Geist-Kathedrale auf Iddriss, den jungen muslimischen Kunsthandwerker aus Agbogbloshie. Er gestaltete die Messingseite des Kreuzes und war damit maßgeblich an seiner Entstehung beteiligt. In Deutschland arbeitete anschließend auch der Künstler Till-Martin Köster daran weiter. Der Erzbischof sagt über Iddriss: "Er ist ein Sohn unserer Gesellschaft und mit dem Kreuz ein internationaler Botschafter geworden. Dank ihm versammeln wir uns heute und feiern das Kreuz." Dass das Recyclingkreuz in diesen Tagen nach Accra zurückkehrt, begrüßt er ausdrücklich: "Es vergewissert uns, dass wir hier Teil dieses Kreuzes sind. Auch wir müssen uns innerlich recyceln, damit das Gute in uns hervortritt."

missio-Präsident Dirk Bingener und der Erzbischof von Accra, John Bonaventure Kwofiedas, mit dem Recyclingkreuz
missio-Präsident Dirk Bingener und der Erzbischof von Accra, John Bonaventure Kwofiedas, mit dem Recyclingkreuz

Die Botschaft nimmt das Erzbistum Accra ernst. Gemeinsam mit missio Aachen ziehen Dutzende Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinde durch Agbogbloshie, vorbei an Müllbergen mitten im Slum. Der Weg erinnert an einen Kreuzweg inmitten der Ärmsten und derer, die am Rand der Gesellschaft leben. Feierlich tragen sie das Kreuz vorneweg. Immer wieder hält die Gruppe an Orten, an denen Menschen in mühsamer Handarbeit Elektroschrott verarbeiten – dort, wo sie alte Smartphones mit bloßen Händen zerlegen, um dem Schrott noch die letzten verwertbaren Materialien abzuringen.

An der Burning Side, wo junge Männer ungeschützt Kunststoff von Kabeln abbrennen, um die Kupferadern freizulegen, macht die Gruppe ebenfalls Halt. Dort entrollen die Teilnehmenden ein Banner mit der Aufschrift: "Appell an Umweltminister Carsten Schneider: Handypfand jetzt!"

Der Weg eines deutschen Handys endet in Accra

Sichtlich bewegt schaut der 53-jährige missio-Präsident Dirk Bingener am Ufer der Lagune hinüber zu dem Ort, an dem die Menschen im Slum leben. Die gesundheitlichen Belastungen durch Rauch, Schadstoffe und Verschmutzung sind enorm. "Das ist ein ganz unwirklicher Ort für mich. Ich habe so etwas auch noch nicht gesehen", sagt er nachdenklich.

Auch ihn beschäftigt die Frage, wie so viel Elektroschrott nach Accra gelangt. Woher kommt dieser Schrott? "Ich habe die ganze Zeit im Kopf, dass der Weg eines Handys in einem Hochglanzladen in Deutschland beginnt und hier endet. Das müssen wir unbedingt stoppen." Ein Handypfand könnte dabei helfen: Wer in Deutschland sein gebrauchtes Mobiltelefon zur Wiederverwertung zurückgibt, bekäme Geld zurück.

Wege nur schwer nachvollziehbar

Die Wege des Elektroschrotts nach Agbogbloshie lassen sich oft nur schwer nachvollziehen. Vieles stammt aus dem Second-Hand-Markt für Elektronik in Afrika. Ausgemusterte Produkte aus Europa und Nordamerika werden in Ländern wie Ghana weitergenutzt. Vieles von dem, was in Überseecontainern ankommt, ist jedoch schon bei der Ankunft nicht mehr brauchbar. Dieser Schrott landet dann an Orten wie Agbogbloshie, wo Menschen ihn unter menschenunwürdigen Bedingungen verwerten und aus dem wenigen, was übrig bleibt, noch Geld machen müssen.

Es sind nicht nur Handys, sondern auch Klimaanlagen und Waschmaschinen. Inzwischen landen dort auch neuere Konsumgeräte wie die aktuell sehr beliebten Airfryer. Die illegale Verschiffung unbrauchbarer Altgeräte und ihre Entsorgung auf dem Rücken der Ärmsten ist ein Skandal.

Solidarität unter den Einwohnern Accras

Die Solidarität mit gesellschaftlich Benachteiligten und das Bewusstsein für die ökologischen Folgen dieses Müllstroms werden nun auch im katholischen Erzbistum Accra sichtbar. Nach dem Weg durch Agbogbloshie fährt ein Pickup das Kreuz durch die Straßen der ghanaischen Hauptstadt. Wenige hundert Meter vor der Kathedrale stoppt der Wagen. Mehrere hundert Mitglieder der Kathedralgemeinde haben sich zu einer Demonstration versammelt.

Angeführt wird der Zug von einer Gruppe, die ein großes Banner über die gesamte Breite der Fahrbahn spannt. Darauf steht in großen Lettern: "Vom Abfall zum Zeugnis – Ghanas recyceltes Kreuz für die Mission Christi". Mitten unter den Demonstrierenden tragen die Menschen das Kreuz zur Kathedrale. Weitere Botschaften stehen auf Schildern über ihren Köpfen: "Die Welt schaut hin", "Die Erde leidet", "Ghana verdient Besseres", "Bewahrer, nicht Zerstörer" und "Schützt die Zukunft unserer Kinder".

In der Kathedrale findet das Kreuz bis zum großen Pontifikalamt an Palmsonntag seinen Platz, direkt neben dem Altar. In seiner Predigt mahnt der Erzbischof zu einem neuen Bewusstsein für die Schöpfung und dankt dem Recycling-Künstler Iddriss für seine Rolle bei der Entstehung des Kreuzes. Aus einem einfachen Kreuz aus Agbogbloshie ist so etwas Größeres geworden: ein Zeichen, das Menschen zusammenführt. missio-Präsident Bingener, Iddriss, Erzbischof Kwofie und Father Subash treffen hier zusammen – in einer Geschichte, die zeigt, dass aus einem als "Sodom und Gomorra" beschriebenen Ort Schritt für Schritt mehr von dem werden kann, was Father Subash hier lebt: eine "City of God".

Das Hilfswerk missio

Das Internationale Katholische Missionswerk missio mit Sitz in Aachen und München ist eines von weltweit mehr als 100 Päpstlichen Missionswerken. Missio München ist das Missionswerk der bayerischen, missio Aachen das der anderen deutschen Bistümer. Das Wort missio kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Sendung.

 (KNA)
Quelle:
DR

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