Agbogbloshie ist ein unwirklicher Ort. Entlang der Korle-Lagune, die in den Golf von Guinea und damit in den Atlantik mündet, erstreckt sich ein Areal, das in den vergangenen Jahrzehnten durch die Verarbeitung von Elektroschrott traurige Bekanntheit erlangt hat. Das Gelände umfasst viele Hektar und zieht sich über mehrere Kilometer. Im Volksmund wurde der Ort auch "Sodom und Gomorra" genannt. International gilt Agbogbloshie als Symbol für extreme Umweltbelastung und die Schattenseiten des globalen Elektroschrotthandels.
Agbogbloshie lässt sich schwer als Ganzes erfassen. Der Ort liegt im Herzen von Ghanas Hauptstadt Accra – und wirkt doch wie ein Randgebiet, wie ein blinder Fleck der Stadt. Die Elektroschrotthalde liegt nordwestlich des Zentrums, nur wenige Kilometer von Regierungsgebäuden, Banken, der katholischen Heilig-Geist-Kathedrale und modernen Bürokomplexen entfernt. Gerade diese räumliche Nähe macht den Ort so widersprüchlich. Nur eine kurze Autofahrt trennt Bereiche, die dennoch wie verschiedene Welten wirken.
Direkt am Ufer des träge fließenden, von Abfällen durchsetzten Wassers der Korle-Lagune steht ein provisorischer Unterstand. Er besteht aus kaum mehr als vier Holzpfosten und einem notdürftig gespannten Dach aus Planen, Stoffresten und Sperrmüll. Die Konstruktion wirkt fragil und scheint nur von dem zusammengehalten zu werden, was gerade verfügbar war: Holzlatten, Matratzenreste und Kunststoff.
Eine kurze Pause vom Rhythmus der Arbeit
Darunter sitzen mehrere junge Männer dicht beieinander auf einer einfachen Holzbank. Einige lehnen sich zurück, einer schaut auf sein Handy, ein anderer blickt hinaus aufs Wasser. Aus einer Lautsprecherbox ertönt Reggae, danach Afrobeats. Ihre Körperhaltung wirkt entspannt, fast erschöpft – wie eine kurze Pause vom Rhythmus der Arbeit, vom Lärm und vom Rauch.
Der Blick über das Wasser zeigt das ganze Ausmaß der Szenerie: Auf der Oberfläche treibt Müll, zwischen dunklen Flecken schwimmen Plastikteile, die auf Öl und andere Rückstände hindeuten. Am gegenüberliegenden Ufer ziehen sich Hütten und Schrotthaufen entlang, darüber steigt an mehreren Stellen Rauch auf.
Aus krächzenden Lautsprechern ruft ein Muezzin zum Gebet in einer der vielen kleinen Moscheen von Agbogbloshie. Viele der Menschen hier sind Muslime aus dem ärmeren Norden Ghanas. Im westafrikanischen Staat bilden sie eine religiöse Minderheit; mehr als 70 Prozent der Bevölkerung gehören christlichen Kirchen an. In der Hauptstadt und hier in Agbogbloshie suchen viele von ihnen Arbeit und die Hoffnung auf ein besseres Leben.
Ein ständiger Kampf um Arbeit und Geld
Die Arbeit und das Leben hier sind hart. Schätzungsweise 150.000 Erwachsene und viele Kinder leben inmitten von Müll und Schrott. Was hier stattfindet, ist Recycling – aber ohne Arbeitssicherheit, ohne Gesundheitsvorsorge und ohne wirksamen Umweltschutz. Viele leiden unter den harten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Gesundheitliche Belastungen gehören zum Alltag.
Das Leben ist ein ständiger Kampf um Arbeit und Geld. Aus dem, was verfügbar ist, versuchen die Menschen etwas zu machen, das sich verkaufen lässt – in der Hoffnung auf ein besseres Leben außerhalb von Agbogbloshie, in anderen Teilen Accras oder zurück in ihrer Heimat im Norden. Ein Teil von Agbogbloshie ist Slum, ein anderer Markt, ein dritter Deponie, Lager- und Arbeitsfläche. Die Übergänge sind fließend.
Alltag im Müll
Durch die engen Gassen treibt ein Hirte eine Ziegenherde vorbei an lärmenden Motorrädern und spielenden Kleinkindern. Eine Frau frittiert Fleischstücke in heißem Öl. Dazu gibt es Reis und scharfe Chilisauce. Blökend überqueren die Ziegen eine kleine Brücke über ein Flüsschen, das in dieser Jahreszeit ausgetrocknet ist.
Schon bald wird es wieder Wasser führen, wenn im tropischen Süden die Regenzeit beginnt. An den Rändern hat sich ein zähflüssiger, grauschwarzer Strom aus Abfällen, Schlamm und Rückständen gesammelt. Plastiktüten, Flaschen, Stoffreste und organischer Müll lagern dort in dicken Schichten.
Die Ziegen laufen über festgetretene Kokosnussschalen auf eine offenere Fläche am Rand des Slums. Vor ihnen türmt sich ein Müllberg auf. Darauf weiden Kühe. Eine von ihnen steckt den Kopf tief in eine aufgebrochene Styroporbox und sucht nach Essbarem. Ihre Rippen zeichnen sich deutlich unter der Haut ab. Jeder Schritt wirbelt Staub auf, vermischt mit den Resten dessen, was Menschen weggeworfen haben.
Dazwischen bewegt sich eine einzelne Frau mit einer großen, bunt gemusterten Tasche über der Schulter. Ihr Schritt wirkt vorsichtig und suchend, als fahnde sie in diesem endlosen Feld aus Weggeworfenem nach etwas Verwertbarem. Hinter ihr ziehen sich improvisierte Hütten entlang eines aufgeschütteten Damms an der Lagune – gebaut aus Wellblech und Holzresten.
Die "Burning Side"
Vom anderen Ufer zieht schwarzer, beißender Rauch herüber. Er stammt von dem Ort, der Agbogbloshie weltweit bekannt gemacht hat: von der "Burning Side". Hier zeigt sich die Arbeit in ihrer härtesten Form. Flammen fressen sich durch Bündel schwarzer Kabel, die auf Hügeln aus Asche und Schrott liegen. Dicke Rauchwolken steigen auf und verwehen träge im heißen Wind. Junge Männer, manche noch Teenager, stehen dicht am Feuer. Ihre Gesichter wirken angespannt, ihre Bewegungen routiniert. Mit langen Metallstangen wenden sie das brennende Material und treiben die Glut an, um das Plastik von den wertvollen Kupferadern zu trennen.
Am Boden liegt ein Knäuel aus Kabeln. Die isolierenden Kunststoffschichten sind bereits geschmolzen, aufgerissen, freigelegt. Die Flammen greifen nach dem Material und schlagen unruhig in die Höhe. Zurück bleibt das wertvolle Kupfer, das an anderer Stelle eingeschmolzen, gehandelt und weiterverarbeitet wird. Jeder hat hier seine Rolle.
Am Ende der Recyclingkette
Am Ende dieser Recyclingkette steht jemand wie Iddriss. Auch er lebt mit seiner Familie in Agbogbloshie. Im Marktviertel betreibt er, umgeben von kleinen Geschäften, eine kleine Werkstatt. Den Schrottplatz hat er hinter sich gelassen. Wegen der finanziellen Probleme seiner Familie musste er dort arbeiten und die Schule abbrechen.
In einem schmalen, niedrigen Raum mit verblasst gelben Wänden sitzt Iddriss an einem einfachen Holztisch. Eine einzelne Glühbirne hängt von der Decke und taucht die Werkstatt in hartes Licht. Seine Finger sind schwarz von Ruß; die Spuren der Arbeit haben sich tief in seine Haut eingegraben. Auf dem Tisch liegen Plastiktüten, Verpackungsreste, Kabelstücke und ein Tuch zum Reinigen. Dazwischen liegt fein gearbeiteter Schmuck aus Kupfer.
An der Wand hinter ihm hängt ein gerahmtes Foto. Das Bild wirkt wie ein Fenster in eine andere Realität. Es zeigt Papst Leo XIV. in der Audienzhalle im Vatikan im August 2025. Bei einer Generalaudienz am 27. August empfing er eine Delegation von missio Aachen und segnete das Recyclingkreuz. Iddriss ist als Künstler aus Agbogbloshie Teil dieser Geschichte.
Das Recyclingkreuz als Mahnmal
Das Hilfswerk versteht das Kreuz als Mahnmal, das globale Zusammenhänge sichtbar macht. Es lenkt den Blick nicht nur auf Ausbeutung und Zerstörung in Agbogbloshie, sondern steht auch für Hoffnung auf eine gerechtere Welt, für einen bewussteren Umgang mit Ressourcen und für die Bewahrung der Schöpfung. Iddriss war an der Entstehung des Kreuzes beteiligt; in Deutschland arbeitete auch der Künstler Till-Martin Köster daran mit.
Stolz blickt Iddriss auf das Werk auf dem Foto mit dem Papst. Gleichzeitig freut er sich darauf, das Kreuz nun wieder in Accra und in seinem Stadtteil zu sehen. Ende März kehrt es erstmals nach Ghana zurück. Für die Menschen in Agbogbloshie hat er vor allem einen Wunsch: "Wir brauchen eure Unterstützung."