39 Grad in Tamale, Ghanas nördlicher Metropole. Die Reise beginnt nachmittags um drei auf einem staubigen Platz mit dem klangvollen Namen "Go Transport Terminal". Kleine schiefe Stände umrahmen das Gelände an der südwestlichen Hauptstraße N10. Vielleicht noch ein Wasser? Eine Handyhülle? Einen Rasierapparat, Taschentücher, Sonnenbrille? Rund eine Stunde vor der Abfahrt rollt dann ein frisch gewaschener und vollgetankter Reisebus neben das Go-Terminalgebäude.
Yaro verabschiedet sich von seinen Kindern und lädt bei einer Frau am Straßenrand noch etwas Geld auf sein Handy. Junge Händlerinnen bieten aus Aluschüsseln auf ihrem Kopf gegarte Rindfleischstücke mit rohen Zwiebeln oder kühle Getränke an. Taxifahrer dösen auf ihren Motorrädern, ein hagerer Jugendlicher im Rollstuhl holpert über den roten Sand, hält die Hand auf.
Tamale ist eine der am schnellsten wachsenden Großstädte auf dem afrikanischen Kontinent. Laut einer Zählung lebten hier 2021 rund 380.000 Menschen. Aktuelle Schätzungen gehen nun bereits von mehr als 800.000 aus.
Zu "Europas größter Elektroschrotthalde"
Yaro Seidu ist einer von ihnen. Viele Jahre hat der junge Familienvater in Ghanas Hauptstadt Accra gelebt; auf der Müllkippe Agbogbloshie, die auch als "Europas größte Elektroschrotthalde" berüchtigt ist. Jetzt haben ihn Mitarbeiter des katholischen Hilfswerks Missio gebeten, ein Team von Journalisten über diese Schrotthalde zu begleiten. Termin: am nächsten Tag um acht, in 17 Stunden.
Alle im Bus haben den gleichen Preis bezahlt: rund 25 Euro für die knapp 700 Kilometer Überlandfahrt. Vor der Abfahrt ist das Catering an Bord richtig bunt, denn kaum ist ein Teil der Fahrgäste eingestiegen, zwängen sich Händler mit warmen und kalten Speisen, mit Keksen und Getränken zwischen Mitreisenden durch den Gang.
Yaro gönnt sich eine Plastikschale mit gebratenen Hähnchenschenkeln, Reis und Salat. Dem Europäer mit Angst und empfindlichem Magen bleiben nur dreifach eingeschweißte Kekse; denn Sanitäranlagen sind im Bus Fehlanzeige.
Flammendes Plädoyer für Naturmedizin
Wir sitzen über den Hinterrädern - was wir im Laufe der Fahrt noch bedauern werden. Doch die 44 Sitze sind zugeteilt, auch wenn vermutlich gut 60 Menschen den Bus bei der Abfahrt bevölkern: Väter spielen mit ihren Kindern auf dem Schoß. Auf einen Doppelsitz passen auch mal drei Kinder neben die Mutter.
Im Mittelgang begrüßt uns bei der Einfahrt auf die Nationalstraße ein freundlicher Mann im Tonfall eines Predigers. Bis zum Stadtrand wird dieser Wunderheiler alternative Naturmedizin in kleinen, teuren Flaschen anpreisen. Eine Gruppe Frauen greift zu.
Kaum ist die freie Steppe erreicht, fällt der erste Regen des Jahres. Die Sonne bricht durch Gewitterwolken - und der Bus hat einen Platten. Binnen Sekunden ist er von fliegenden Händlerinnen umringt. Wieder gibt es Wasser, Kekse - und diesmal auch Äpfel. Zehn Stunden noch bis Accra - und der Reifenwechsel findet nach rekordverdächtigen 30 Minuten ein gutes Ende.
Amazon ist hier nur ein Fluss
Bald beginnt lautes Geschnatter von vier Frauen im Rückraum: Sie sind unterwegs zu einer Familienfeier in Accra. Viele andere seien Händler, sagt Yaro; sie kaufen in Accra ein und bringen die Waren dann selbst im Bus nach Tamale. Amazon ist hier immer noch nur ein Fluss in Brasilien.
Schlagartig wird es Nacht. Und schlagartig kommen auch die Bodenwellen in jedem neuen kleinen Ort. "Niemand hält sich hier an Tempolimits", erklärt Yaro. In vielen Fahrzeugen funktioniere der Tacho gar nicht. Um die Menschen in den stockdunklen Dörfern zu schützen, braucht es viele Bodenwellen. Und so bremst der Bus immer wieder auf Schrittgeschwindigkeit runter, gibt nach der schwankenden Überquerung wieder Gas - nur um einige Meter später wieder komplett abzubremsen. Gemein sind dabei die drei quer zur Straße aufgeleimten dicken Seile. Ra-Bamm-Bamm-Bamm.
Gegen 21.00 Uhr: eine Rast in Kintampo. Beine vertreten, Wasser und Bananen kaufen. Es herrscht buntes Treiben; Marktstände haben geöffnet, Händlerinnen belagern den Bus. Lautes Hupen kündigt die Abfahrt an - doch die vier schnatternden Reisebegleiterinnen fehlen noch. Langsam rollt der Go-Liner Richtung Hauptstraße, als sie lautstark angerannt kommen. Für den Fahrer business as usual.
Ein Land in dünnen Plastiktüten
Nicht nur die Bodenwellen, auch Polizei- und Zollkontrollen bremsen uns immer wieder aus. Kofferraum auf, kurzer Blick, Kofferraum zu. Ein Stopp der Einwanderungsbehörde ist schnell erledigt: Nur Europäer werden kontrolliert. Weiter geht's. An Schlaf ist nicht zu denken - und so bleibt Zeit zum Nachdenken, wieso in Ghana alles, wirklich alles in dünne Plastiktüten eingepackt wird, die nach wenigen Minuten genauso achtlos wie leere Plastikflaschen in die Landschaft geworfen werden.
Und: Wie viele Bodenwellen mögen wohl zwischen Tamale und Accra liegen? Bei rund 650 Kilometern Landstraße und durchschnittlich vier Hubbeln pro Dorf mögen es an die 1.000 Prüfungen für den Rücken und die abgenutzten Stoßdämpfer sein. Ra-Bamm-Bamm-Bamm. Noch acht Stunden.
Durch Kumasi, die Hauptstadt der Ashanti-Region, nimmt der Busfahrer enge Nebenstraßen. Fast könnte man nach den Wellblechdächern der Häuser greifen, wäre da nicht die Scheibe dazwischen. Das Stadtzentrum scheint eine einzige Baustelle. Ja eigentlich die komplette Strecke. Der Rücken schmerzt inzwischen deutlich. Die Kinder schlafen im Mittelgang auf dem Boden. Routine für alle - fast alle.
Die Böschung hinunter in der Finsternis
Ein plötzlicher Halt mitten in der Nacht schreckt aber auch die anderen Fahrgäste auf. Es wird laut im Bus: Hektik bricht aus - wurde jemand angefahren? Ein Mitarbeiter springt aus dem Bus und kommt Minuten später mit Entwarnung zurück. In der Baustelle ist jemand die Böschung hinuntergerutscht in der totalen Finsternis. Straßenlaternen haben es noch nicht bis in alle Regionen Ghanas geschafft. Noch fünf Stunden. Offiziell. Das Navi spricht von acht.
Rund 40 Kilometer vor Accra dann totales Verkehrschaos. Die Einfallstraße ist seit Jahren im Bau, und der Verkehr wird über die Sandpiste einer eingeebneten Häuserzeile umgeleitet. Rechts und links kommen überladene Lastwagen entgegen: ein Knoten, der sich erst nach einer Stunde langsam auflöst. Es ist sechs Uhr. Die fest eingeplante Dusche vor dem Treffen fällt wohl aus.
Immer länger, zäher, quälender
Immer länger wird die Zeit; zäher, quälender. Doch niemand im Bus beschwert sich. Längst ist klar: Es wird weder Dusche noch frische Kleidung geben an einem Tag mit 33 Grad im Schatten. Selbst der Pressetermin in der Hölle von Agbogbloshie gerät in Gefahr; denn aus den 12 Stunden sind 16 geworden.
An der Endhaltestelle am Accra Terminal von "Go" geht es mit zwei Motorradtaxis weiter; für die letzten Kilometer durch den dichten Verkehr zum Kinderschutzzentrum "City Of God". Zum Glück sind gerade erst die Willkommensreden für die Journalistengruppe gehalten worden. Auf der Habenseite steht dafür eine unglaubliche Reise in einem orangenen Bus, längs durch ein Land im Westen Afrikas.