Weltanschauungsexperte Martin Fritz beleuchtet moderne Apologetik

Licht ins Dunkel bringen

Wenn es um Sekten oder neue religiöse Strömungen geht, ist die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin eine wichtige Stimme im deutschen Protestantismus. Ein Gespräch über die Apologetik heute.

Autor/in:
Benjamin Lassiwe
Licht fällt durch die Fenster einer Kapelle / © Logan Bush (shutterstock)
Licht fällt durch die Fenster einer Kapelle / © Logan Bush ( shutterstock )

KNA: Herr Fritz, was ist die Situation der Apologetik in Deutschland?

PD Dr. theol. Martin Fritz, Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen / © Martin Bahr (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen)
PD Dr. theol. Martin Fritz, Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen / © Martin Bahr ( )

Martin Fritz (Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungen): "Apologetik", die theologische Disziplin der "Verteidigung" des Christentums, ist ja ein etwas altmodischer Begriff. Und man muss unterscheiden zwischen einer akademischen Apologetik und einer praktischen Apologetik. 

Das eine ist, so würde ich mit Schleiermacher sagen, die Generalaufgabe der Theologie: Das Wesen des Christentums so darzustellen, dass es in der Gegenwart plausibel ist, im Anschluss an die Tradition, aber vermittelt mit dem Wahrheitsbewusstsein der Gegenwart. 

Dieses Vermittlungsanliegen der Theologie generell kann man mit Schleiermacher als "Apologetik" bezeichnen. Was wir hier in der EZW machen, ist "praktische Apologetik": an bestimmten Fällen, im Gespräch oder in Auseinandersetzungen mit bestimmten Strömungen und Gruppen die kirchliche Form von Christentum "verteidigen" oder plausibilisieren. Das ist der apologetische Auftrag, den diese Einrichtung hat.

Martin Fritz

"Um gut beraten zu können, braucht man einen Blick für die schwierigen Seiten bestimmter Gruppierungen."

KNA: Haben Sie denn noch weitere Aufträge?

Fritz: Wir haben auch einen schlichten religionskundlichen Auftrag. Wir beschreiben religiös-weltanschauliche Strömungen und Gruppierungen und geben bei Anfragen Auskunft dazu. Und wir beraten Menschen, die in persönliche Konflikte mit einer Gruppierung geraten sind, zum Beispiel wenn jemand eine Gemeinde verlassen will, aber sich vor dem sozialen Druck fürchtet. 

Das ist eine häufig übersehene Form der Sonderseelsorge. Um hier gut beraten zu können, braucht man einen Blick für die schwierigen Seiten bestimmter Gruppierungen. Es kommt also der Aspekt der Beurteilung problematischer Entwicklungen dazu. Und das hat auch eine Bedeutung für die Gesamtgesellschaft. 

Wenn ich mich zum Beispiel mit neuem, rechtem Christentum beschäftige, geht es nicht nur darum, das kirchliche Christentum dagegen in Stellung zu bringen. Sondern dann geht es auch um die Stabilisierung unserer Demokratie. All diese Aufgaben fassen wir mit dem Begriff "Weltanschauungsarbeit" zusammen.

KNA: Und wie geht es der evangelischen Weltanschauungsarbeit in Deutschland?

Fritz: Die vier Stellen der EZW es waren früher mal sieben hat die EKD bislang gehalten. Aber die kirchliche Finanzkrise hinterlässt Spuren. In der Nordkirche wird die halbe Pfarrstelle für Weltanschauungsfragen demnächst wahrscheinlich wegfallen. Die Kirche in Berlin-Brandenburg hat den Ministellenanteil auch gestrichen - da wird es schon dünn im Norden. Immerhin gibt es noch die Kollegen in Hannover und Oldenburg.

Martin Fritz

"Und oft müssten wir sagen: "Leider keine Ahnung, ob diese Freikirche im tiefen Südwesten schon mal aufgefallen ist ...""

KNA: Können Sie denn diese landeskirchlichen Weltanschauungsbeauftragten ersetzen?

Fritz: Nein, das ist unmöglich. Diese Pfarrämter sind wichtig für die Beratung vor Ort, auch weil sie lokale Kenntnisse haben. Wir beobachten und veröffentlichen hier in Berlin eher aus einer bundesweiten Perspektive. 

Auch wir beraten ein bisschen, sozusagen nebenbei. Aber wenn wir ganz Deutschland mit unseren vier Stellen hier abdecken sollten, würden wir untergehen. Die Masse an Beratungsanfragen wäre einfach nicht zu bewältigen. Und oft müssten wir sagen: "Leider keine Ahnung, ob diese Freikirche im tiefen Südwesten schon mal aufgefallen ist ..."

KNA: Was sind denn die Anfragen, die Sie am meisten kriegen? Was ist im Moment am auffälligsten im Markt der Weltanschauung?

Fritz: Das dominante Thema ist der Evangelikalismus und seine fundamentalistischen Spielarten. Und ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem neocharismatischen Evangelikalismus. Es melden sich Angehörige bei uns, deren Familienmitglieder den Kontakt abgebrochen haben, seit sie eine bestimmte Gemeinde besuchen. 

Oder es geht darum, ob nach einer gescheiterten Beziehung ein Expartner die gemeinsamen Kinder in die neue Gemeinde mitnehmen darf - obwohl die Expartnerin das schrecklich findet. Manchmal ist das sogar ein Trennungsgrund, wenn jemand sich zu sehr in den Einfluss einer bestimmten religiösen Gruppe begibt.

KNA: Was sind das für auffällige Gemeinden, die Ihnen begegnen?

Fritz: Es sind meist weniger die klassischen Freikirchen: Ich habe so gut wie nie mit Methodisten oder Baptisten zu tun. Überwiegend sind es unabhängige neocharismatische Freikirchen, die nicht dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden angehören.

Martin Fritz

"Früher hätte man das "sektenartig" genannt, aber diesen Begriff vermeiden wir heute."

KNA: Und was macht solche Gruppen problematisch?

Fritz: Das Grundproblem, das oft auftritt, ist eine Tendenz zum Ausschließlichkeitsanspruch. Das heißt, oft liegt es in der Logik so eines enthusiastischen "Intensivchristentums", dass die Gemeinde ihre Mitglieder völlig in Anspruch nimmt. 

Es werden Kontakte zu Außenstehenden, zur "Welt" abgebrochen oder jedenfalls reduziert. Denn diese "Welt" stellt natürlich immer auch eine Gefährdung dar, weil sie die "absonderlichen" Glaubensansichten der Gemeinde in Frage stellt. 

Zum "entschiedenen Christentum" gehört eben auch, dass man Abstand hält zu den Anderen. Diese Logik eines geschlossenen, religiösen Zirkels findet man immer wieder in den verschiedensten Bereichen. Früher hätte man das "sektenartig" genannt, aber diesen Begriff vermeiden wir heute.

KNA: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Fritz: Mir hat einmal eine Großmutter berichtet, sie darf ihre Enkelin nicht mehr sehen, weil deren Eltern jetzt in einer charismatischen Gemeinde sind. Bei ihr stand zu Hause irgendwo eine Buddhafigur im Regal. Da haben die Eltern gesagt: Das Haus ist dämonisch belastet, davon müssen wir die Tochter fernhalten. 

Und überhaupt sei sie, die Oma, ja auch keine wirkliche Christin ... Die Ängste vor angeblichen Dämonen sind typisch für den neocharismatischen Bereich: Überall wittert man Mächte, die versuchen, einen vom rechten Weg abzubringen. Diese Überdramatisierung der Religion führt zu vielen Seelennöten und Konflikten.

KNA: Was können Sie denn als EZW in so einem Fall tun?

Fritz: Oft ist es ganz basal: Menschen sagen, dass es ihnen schon geholfen hat, zu verstehen, was die "Logik" hinter dem geänderten Verhalten ihrer Angehörigen ist. Wie "funktioniert" diese Frömmigkeit, welche Mechanismen laufen ab? Es hilft auch, das Gefühl zu bekommen, dass ich kein Einzelfall bin und dass es jemanden gibt, der sich da auskennt. 

Wir können die Konflikte von außen nicht auflösen. Aber wenn Personen zum Beispiel darüber nachdenken, ob sie die Kontakte zu Kindern oder Ex-Partnern ganz abbrechen sollen oder nicht, können wir sagen: Halten Sie den Kontakt, wenn es ihnen möglich ist, und meiden Sie das Thema. Denn Sie werden einen Menschen niemals mit Argumenten aus solch einer Gruppe herauslösen. Aber wenn der Betreffende dort in eine Krise kommt, können Außenkontakte wieder wichtig werden.

Martin Fritz

"Das ist ein festes Feindbild unter konservativen christlichen Influencern."

KNA: Kürzlich haben Sie sich kritisch zum katholischen Theologen Johannes Hartl geäußert...

Fritz: Hartl hat ein Video gemacht, wo er gegen die "liberale Theologie" polemisiert, und gegen die von der liberalen Theologie quasi unterwanderten und geschwächten Kirchen. Das ist ein festes Feindbild unter konservativen christlichen Influencern. 

Wir versuchen da auf Social Media ein bisschen dagegenzuhalten. Aber natürlich sind im Internet die "radikalevangelikalen" bis fundamentalistischen Christinnen und Christen erfolgreicher, weil sie die klareren, auch provokativeren und deswegen interessanteren Positionen besetzen. 

Sie wissen, wie man sich inszeniert: Es wird ein schönes Leben mit schönen Menschen gezeigt - und mit sehr restriktiven Auffassungen von Glauben und Leben. Zusammen wirkt das irgendwie faszinierend und anziehend. Ästhetik und religiöser Anspruch bilden eine Einheit: Es wird Entschiedenheit erwartet, aber dafür einfaches, intensives und heiles Leben versprochen. 

Liberale Formen des Glaubens, die Reflexion und Differenzierung hochhalten, kommen dagegen eher überkomplex und akademisch rüber. Das langweilt auf Social Media schnell.

Martin Fritz

"Hier zählt allein "Personality"."

KNA: Können die etablierten Kirchen hier auch Dinge lernen?

Fritz: Wichtig ist, dass Autorität bei Social-Media-Sinnfluencern nicht von Ausbildung und Kompetenz abgeleitet wird, auch nicht von einem Amt oder einer institutionellen Funktion. Hier zählt allein "Personality". Eindruck machen Leute, die überzeugend über ihre eigene persönliche Erfahrung sprechen können. 

Autorität aus persönlicher Authentizität: Das ist die entscheidende Formel beim "Sinnfluencing". Aber Leute, die das mitbringen, können sich die Kirchen auch nicht backen. Wenn solche Leute auftauchen, muss man sie eben fördern.

KNA: Ein Thema, mit dem sich ihre Vorgänger immer beschäftigt haben, war das Thema Scientology. Ist das noch aktuell?

Fritz: Bei uns gibt es dazu kaum noch Anfragen. Scientology hat zwar immer noch große Gebäude. Aber bei Besuchen dort war nicht gerade viel los. Diese Organisation dürfte ihre besten Tage hinter sich haben.

KNA: Gibt es andere Gruppen, die im Moment Probleme machen?

Fritz: Eine große Rolle spielt "Shincheonji" aus Südkorea. Diese christliche Neureligion wirbt sehr aggressiv für ihre Angebote, etwa Bibelkurse. Und sie tut das oft verdeckt, also ohne Nennung des Veranstalters oder mit Tarnnamen. 

Die Werbung wird auch gezielt in Gemeinden von Landeskirchen oder Freikirchen gestreut. Dann gehen Menschen da hin, wissen erstmal gar nicht, in was für einer Gruppe sie gelandet sind. Dort werden sie schnell - so wird es uns in Beratungsgesprächen berichtet - mit dem Ausschließlichkeitsanspruch dieser Sondergemeinschaft konfrontiert und unter sozialen Druck gesetzt, was häufig zur Zerstörung von familiären Bindungen und Partnerschaften führt. Dazu kommen bei vielen religiöse Ängste, etwa die Angst, in der nahen Endzeit nicht zu den Geretteten zu gehören.

KNA: Woran ist diese Gruppe erkennbar?

Fritz: Wo ich immer hellhörig werden würde, wären Plakate mit Kursangeboten, auf denen Veranstalter mit unspezifische Namen wie "Bible Center", "Open Bible Academy" oder "International Peace Forum" stehen. Dann lieber mal googlen, ob die Namen schonmal im Zusammenhang von "Shincheonji" aufgetaucht sind. Die Abwerbeversuche dieser Gruppe sind massiv, und ich würde Gemeinden und Gemeindeleitern dringend davon abraten, sich mit ihr einzulassen.

Das Interview führte Benjamin Lassiwe.

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist die Gemeinschaft der 20 evangelischen Landeskirchen in der Bundesrepublik. Wichtigste Leitungsgremien sind die EKD-Synode mit ihren Mitgliedern, die Kirchenkonferenz mit Vertretern der Landeskirchen sowie der aus ehrenamtlichen Mitgliedern bestehende Rat. Sitz des EKD-Kirchenamtes ist Hannover.

Synode der EKD / © Norbert Neetz (epd)
Synode der EKD / © Norbert Neetz ( epd )
Quelle:
KNA