Welche Zeichen setzt der Besuch von Erzbischöfin Mullally beim Papst?

"Durch die gemeinsame Sprache getrennt"

Der Besuch der anglikanischen Erzbischöfin Sarah Mullally im Vatikan zeigt Fortschritte im ökumenischen Dialog. Die erste Frau in diesem Amt steht für eine liberale Position. Pfarrer Johannes Arens sieht in dem Treffen eine Chance.

Autor/in:
Mathias Peter
Sarah Mullally, Erzbischöfin von Canterbury, schenkt Papst Leo XIV. ein Glas Honig am 27. April 2026 im Vatikan / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Sarah Mullally, Erzbischöfin von Canterbury, schenkt Papst Leo XIV. ein Glas Honig am 27. April 2026 im Vatikan / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

DOMRADIO.DE: Für Katholiken ist es ein ungewöhnliches Bild, dass der Papst mit einer Bischöfin zu sehen ist. Wie haben denn die Bilder aus dem Vatikan auf sie gewirkt? 

Fr Johannes Arens SMMS / © privat
Fr Johannes Arens SMMS / © privat

Johannes Arens (Anglikanischer Domkapitular): Diese gegenseitigen Besuche sind nichts Ungewöhnliches. Der Erzbischof von Canterbury macht einen Antrittsbesuch in Rom. Das gibt es seit den 1950er Jahren. Ungewöhnlich ist, dass Sarah Mullally die erste Frau in dem Amt ist. 

Das ist selbst für Anglikaner ungewöhnlich, weil es erst seit 15 Jahren Frauen im Bischofsamt in England gibt. In vielen anderen Bereichen der anglikanischen Weltgemeinschaft gibt es das nicht oder noch nicht. Auch hier innerhalb Englands sind wir uns alles andere als einig darüber und haben spezielle Strukturen für diejenigen, die das nicht akzeptieren können. 

DOMRADIO.DE: Hat Mullally einen schweren Stand als erste Frau im Amt der Erzbischöfin innerhalb der Anglikanischen Kirche? 

Arens: Das kann ich nur schwer einordnen. Innerhalb Englands besteht das Problem meines Erachtens nicht. Sie ist die Erzbischöfin von Canterbury, und das ist einfach so. Dann gibt es diejenigen, die zwischen ihrem Amt und ihrer sakramentalen Autorität unterscheiden und ihre sakramentale Autorität nicht akzeptieren. Es sind etwa zehn Prozent der Kirche von England, die sich mit der Ordination von Frauen schwer tun. 

Sarah Mullally, designierte Erzbischöfin von Canterbury, verteilt die Kommunion an die Gäste des Gottesdienstes im Berliner Dom / © Carsten Koall (dpa)
Sarah Mullally, designierte Erzbischöfin von Canterbury, verteilt die Kommunion an die Gäste des Gottesdienstes im Berliner Dom / © Carsten Koall ( dpa )

Überhaupt keine Verständigungsprobleme gibt es, wenn es um ihr Amt geht. Sie ist in diesem Amt – egal, ob ich sie da sakramental akzeptiere oder nicht. Da gibt es ein gutes Miteinander. Außerhalb von England sieht die Sache anders aus. Da hängt es weniger daran, dass sie eine Frau ist, sondern eher an den Positionen, die sie vertritt. Sie hat sich für die Segnung homosexueller Partnerschaften starkgemacht. Da gibt es – wie in der römisch-katholischen Kirche auch – eine sehr große Bandbreite an Meinungen. 

DOMRADIO.DE: Die theologischen Unterschiede zwischen den Kirchen sind nicht von der Hand zu weisen. Wie äußert sich Papst Leo XIV. dazu? 

Arens: Bei dem Besuch der Erzbischöfin gestern hat er es erneut gesagt: Es gibt natürlich Unterschiede. Und dadurch, dass eine Frau neben ihm steht, werden diese Unterschiede sehr sichtbar – sehr viel sichtbarer, als wenn zwei männliche Bischöfe nebeneinander stehen. Dann unterscheidet sich nur die Kleidung ein wenig. Dadurch, dass sie eine Frau ist, werden diese Unterschiede sichtbarer. 

Papst Leo XIV. empfängt Sarah Mullally, Erzbischöfin von Canterbury, mit einer Delegation am 27. April 2026 im Vatikan / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Leo XIV. empfängt Sarah Mullally, Erzbischöfin von Canterbury, mit einer Delegation am 27. April 2026 im Vatikan / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Aber der Papst hat auch gesagt, es reicht nicht, dass wir einfach nur die Unterschiede feststellen. Das ist nicht gut genug. Die Fortschritte im ökumenischen Dialog sind groß. Ja, es sind auch ein paar neue Probleme in den letzten 30 Jahren dazugekommen, wie zum Beispiel, dass wir Frauen im Weiheamt haben. Ich denke, die Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz von Erzbischöfin Mullally in der Weltgemeinschaft liegt gar nicht so sehr daran, dass sie eine Frau ist, sondern dass sie eine eher liberale Position bezieht. 

DOMRADIO.DE: Glauben Sie, dass trotz der Unterschiede in Hinblick auf die Ökumene gemeinsame Wege gefunden werden können? 

Arens: Das denke ich auf jeden Fall. Die Redebeiträge, die ich mitverfolgt habe, waren ausgesprochen herzlich. Mittlerweile ist es auch zum Standard geworden, dass man sich nicht mehr gegenseitig exkommuniziert. Das ist ein ganz großer Fortschritt. Hilfreich ist sicherlich auch die gemeinsame Sprache Englisch. 

Es gibt die Redensart, dass England und Amerika durch die gemeinsame Sprache getrennt sind. Sicherlich haben sie auch in den jetzigen politischen Situationen einen guten Draht zueinander. Beide haben sich sehr eindeutig geäußert, dass Kriegstreiberei keine christliche Politik ist und dass das, was im Moment so passiert, nicht unter die Kategorie eines gerechten Krieges fällt. 

DOMRADIO.DE: In der Vergangenheit hat die Erzbischöfin Papst Leo gegen Kritik von Donald Trump verteidigt. Ist auch das ein Punkt, an dem die anglikanische und die katholische Kirche neu zueinanderfinden können? 

Arens: Ganz eindeutig. Gemeinsam sind sie eine politische Stimme und können betonen, dass die Rechtfertigung des Krieges im Iran für Anglikaner und römische Katholiken nicht in die Kategorie eines gerechten Krieges fällt. Das ist theologisch nicht zu rechtfertigen. Da sprechen wir ganz eindeutig in einer gemeinsamen Sprache. 

Es ist ein Skandal, dass so viel Geld für Waffen, Bomben und Tod ausgegeben wird und dass dann auf der anderen Seite für die Wiederherstellung und die Friedenspolitik kein Geld da ist. Das Gleiche gilt auch dafür, dass genauso wenig Geld für eine gerechtere Verteilung ausgegeben wird, dass die ganze Sprache im Bereich der Migration häufig sehr menschenverachtend ist und dass keine Energie und keine Finanzmittel da sind, um das Leben und die Würde der Menschen anders zu gestalten. Und da hilft es auch, dass der Papst und die Erzbischöfin einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben. Sarah Mullally war früher Krankenschwester und spricht eben die Muttersprache des Papstes. 

Sarah Mullally und Papst Leo XIV. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Sarah Mullally und Papst Leo XIV. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

DOMRADIO.DE: Welche Vorteile bringt es, die Muttersprache des Gegenübers zu sprechen? 

Arens: Es hat schon vor vielen Jahren geholfen, dass Benedikt XVI. und Erzbischof Rowan Williams beide der deutschen Sprache im höchsten Maße mächtig waren. Benedikt war Muttersprachler und Rowan Williams ist ein Sprachgenie. Das war mit den Vorgängern sehr viel anders, da mussten Übersetzer tätig werden. Dieser persönliche Kontakt hilft. 

Es gibt weiterhin Kritik aus der konservativen Ecke, dass es an theologischem Fundament mangele und wir im Amtsverständnis und der moralischen Bewertung der Homosexualität nicht näherkommen. Aber ich denke, dass diese persönlichen Gesten, auch wenn sie keinen direkten dogmatischen Einfluss haben, wichtig sind. Es ist wichtig, sich herzlich zu unterhalten, gemeinsam Kaffee zu trinken, sich zu begegnen und zusammen zu beten. 

DOMRADIO.DE: Eine Bischöfin trifft den Papst – was kann denn die katholische Kirche von diesen Treffen mitnehmen? 

Arens: Schon durch ihre Präsenz kommt die Frage nach weiblich besetzten Ämtern auf. Der Kardinalsrat hatte im Rahmen des synodalen Prozesses vor ein paar Jahren eine anglikanische Bischöfin eingeladen, um genau das zu sehen: Wie funktioniert das? Was ändert das, wenn eine Frau in der Christusrepräsentanz steht? Wie ändert sich das Gefühl des Gottesdienstes? Wie fühlen sich Leute am Altar repräsentiert? Also, ja, die Frage besteht einfach dadurch, dass sie da steht, auch wenn sie das selbst nicht anspricht. 

Das Interview führte Mathias Peter.

Anglikanische Kirche

Die anglikanische Kirche entstand zur Zeit der Reformation in England. König Heinrich VIII. brach 1533 mit dem Papst, weil dieser sich weigerte, die Ehe des Königs zu annullieren. Als Oberhaupt einer neuen Staatskirche setzte sich Heinrich VIII. 1534 selbst ein. In Glaubensfragen blieben die Anglikaner zunächst bei der katholischen Lehre; später setzten sich protestantische Einflüsse durch. 1549 erschien das erste anglikanische Glaubensbuch, das "Book of Common Prayer".

Die Kathedrale von Canterbury, Sitz des anglikanischen Erzbischofs / © Sambraus, Daniel (epd)
Die Kathedrale von Canterbury, Sitz des anglikanischen Erzbischofs / © Sambraus, Daniel ( epd )
Quelle:
DR

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