Wer sich im Kino "Avatar – Fire and Ash", die "Avengers"-Superhelden-Abenteuer oder auch "Der Astronaut" anschaut, der rechnet sicher nicht mit etwas Christlichem. Doch diese Blockbuster, diese extrem erfolgreichen Kassenschlager, haben alle eines gemeinsam: Ihre Drehbücher sind an die Bibel angelehnt. Und diese Liste scheint sich beliebig lang fortzusetzen. In fast jedem großen Kinohit, in dem es um Heldensagen geht, dient die Bibel als Vorlage. Doch warum ist das so? Warum sind Hollywoods Topautoren so bibelfest? Oder warum ist die Bibel anscheinend die beste Vorlage für ganz großes Kino?
Norbert Fink ist Pfarrvikar in Düsseldorf und außerdem ein großer Filmfan. Der 50-Jährige hat einen eigenen YouTube-Kanal namens "Kinobbi – Film und Spiritualität". Und er ist der einzige YouTuber in Deutschland, der in Kinofilmen nach religiösen Spuren und Symbolen sucht.
Doch warum ist die Bibel eine gern gewählte Vorlage? "Ich glaube, es gibt kein Buch auf der Welt, das bekannter ist oder meistverkaufter als die Bibel", sagt Fink. "Und die Bibel ist unglaublich vielfältig von ihren Geschichten her, von ihren Büchern. Es ist ja nicht nur ein Buch. Von daher ist die Bibel so tief, dass ganz viele Menschen daraus schöpfen können, egal ob es um Schuld und Vergebung geht. Themen wie Erlösung, Mord, Verrat, Glaube, Liebe und Hoffnung finden sich darin. In der Bibel ist für jeden etwas dabei, selbst für Hollywood-Produzenten."
Christlicher Aspekt als Garant für Kinoerfolg?
Die meisten Filme mit christlichen Anlehnungen sind extrem erfolgreich. Ist der christliche Aspekt möglicherweise auch die Formel für einen Kinoerfolg? "Ich glaube, es gibt keine Garantien für Kinoerfolge", sagt der Pfarrer und Filmfan. "Es gibt Rezepte, die sich bewährt haben. Zum Beispiel ein Franchise zu begründen, Fortsetzungen zu machen. Ob das "Avatar" ist, "Star Wars" oder die ganzen Marvel-/Avengers-Filme – die stehen alle in der Top Ten der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Wenn man sich die anschaut, haben die alle ein ähnliches Thema: Nämlich dass es zum Beispiel Superhelden oder generell Helden gibt. Also Menschen, die die Welt vor dem Bösen retten und dass das Gute am Ende immer gewinnt. Das ist eine ganz wichtige Formel."
Aber warum funktionieren diese Geschichten so gut? Denn die Filme mit christlicher Symbolik laufen oft auch in Ländern gut, die gar nicht christlich sind. "Ich glaube, das liegt daran, dass in der Bibel Geschichten erzählt werden, die Sehnsüchte der Menschen ins Spiel bringen", so der 50-Jährige. "Sehnsucht nach Liebe, Sehnsucht nach einem Sinn, Sehnsucht nach Vergebung. All das bedingt die Bibel mit Geschichten, die sie erzählt. Damit können ganz viele Menschen auf der Welt etwas anfangen – ob sie an Gott glauben oder nicht. Es gibt sogar Bücher in der Bibel, in denen das Wort "Gott" gar nicht vorkommt."
Bibel steckt in viel mehr Kinohits als gedacht
Und welche Beispiele gibt es für Filme, in denen die Anlehnung an die Bibel ganz offensichtlich und Teil der Kerngeschichte des Films ist? "In Filmen wie "Titanic" oder "Gladiator" gibt es Szenen, in denen ich nie besser dargestellt gesehen habe, was wir Christen uns unter Himmelreich vorstellen“, betont Fink. "Am Ende von "Titanic" zum Beispiel sieht man die Kamera ins Schiffswrack fahren. Und je tiefer die Kamera eindringt, desto heller wird es. Schließlich stehen Rose und Jack auf der Treppe und werden von all denen bejubelt, die eigentlich umgekommen sind. Alle stehen miteinander dort, egal ob sie vorher dritte oder erste Klasse gereist waren, und feiern die Liebe. Die Kamera schwenkt nach oben ins Weiße, in das Licht. Und bei "Gladiator" stirbt am Schluss der Held Maximus und wir sehen ihn nicht einfach verschwinden, sondern er wird emporgehoben und von der Arena weggetragen. Wir sehen, wie er seine Familie wie in einer Himmelsvision wiedersieht. Die Kamera bleibt auch da nicht am blutigen Boden hängen, sondern schwenkt in den Himmel. Für mich sind das unglaublich starke Zeichen dafür, wie man Religion darstellen kann. Allgemein verständlich für alle, ohne dass man mit der Religionskeule kommt."
Glaubensbekenntnis im Kino
Es gibt aber auch regelmäßig Dinge, die Norbert Fink beim Anschauen eines Films noch überraschen. "Sehr beeindruckt hat mich der tiefste Glaubenssatz, den ich jemals in einem Film gehört habe. Das war nicht etwa aus einem Bibelfilm, sondern aus dem Thriller "Sakrileg" von Dan Brown mit Ewan McGregor und Tom Hanks in der Hauptrolle. Es gibt eine Szene, in der sich die beiden im Vatikan begegnen. Ewan McGregor spielt einen Priester und Tom Hanks einen Wissenschaftler. Ewan McGregor fragt Tom Hanks: 'Glauben Sie an Gott?' Und Tom Hanks antwortet: 'Der Glaube ist ein Geschenk, das ich noch empfangen muss.' Das ist eine unglaublich charmante und schöne Formulierung für den Glauben."
Es gibt viele Geschichten, die Hollywood aus der Bibel aufgreift, ohne dass es das Publikum direkt sieht. Eher das geschulte religiöse Auge sieht es vielleicht. Wie zum Beispiel im neuesten Avatar-Abenteuer "Avatar – Fire and Ash". "Darin gibt es eine Szene, in der die Hauptfigur bereit ist, ihren Sohn zu opfern", sagt Norbert Fink. "Das erinnert den Bibelkundigen natürlich an die Geschichte von Abraham und Isaak, der bereit ist, seinen Sohn zu opfern, es aber schlussendlich nicht zur Opferung kommt. Das ist eine Szene, die die meisten Zuschauer nicht so sehen werden, dass es eine biblische Anspielung ist. Aber wer die Bibel kennt, wird es sofort erkennen."
Auch Star Wars ist bibelfest
Ein anderes Beispiel sind die beliebten Star-Wars-Filme und -Serien. Der Ausspruch "Möge die Macht mit dir sein" kommt in jedem der Star-Wars-Filme vor. Dieses "Möge" beruht auf einem irischen Spruch. Die irischen Segenssprüche fangen immer mit "Möge der und der mit dir sein". Und wenn ich hinter "Macht" Gott setze, habe ich schon einen Segen. Möge die Macht Gottes mit dir sein. Auch Darth Vader, der Verbrecher der Verbrecher schlechthin in "Star Wars", erfährt am Ende dadurch Erlösung, dass jemand an das Gute in ihm glaubt, dadurch, dass sich Darth Vader zum Schluss für seinen Sohn einsetzt. Solche und ähnliche Parallelen findet man gerade in Hollywood-Filmen zuhauf", sagt Norbert Fink.
Da die Bibel um die 1.500 Seiten hat, gehen den Hollywood-Autoren dadurch auch noch lange nicht die Geschichten aus. Die nächsten großen Filme mit Anlehnungen an die Bibel stehen bereits in den Startlöchern. Das sind allein in diesem Jahr die kommenden Kinohits: "Die Odyssee", "Spider-Man: Brand New Day", "Supergirl", "Avengers: Doomsday" und "Dune 3".