Welche Alternativen haben andere Länder zur Kirchensteuer?

Spenden, Zuwendungen, Hilfswerke

Ist die Kirchensteuer ein Grund für Austritte? Eine aktuelle Erhebung behauptet, dass Austretende die Kirche finanziell abstrafen wollen. Warum gibt es eine Kirchensteuer - und wie gehen andere Länder mit der Kirchenfinanzierung um?

Symbolbild Geld und Kirche / © Julia Steinbrecht (KNA)
Symbolbild Geld und Kirche / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Warum gibt es in Deutschland eine Kirchensteuer?

Jan Hendrik Stens (Redakteur für das Ressort Theologie bei DOMRADIO.DE): Das hängt mit unserer Geschichte zusammen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Kirchen im Rahmen des Reichsdeputationshauptschlusses enteignet. Klöster wurden aufgelöst und kirchliche Herrschaften fielen in weltliche Hände. Um hier einen Ausgleich zu schaffen, damit die Kirchen als Institutionen zum Wohl der Allgemeinheit handlungsfähig bleiben, hat sich ein System der Finanzierung herausgebildet.

Jan Hendrik Stens / © Nicolas Ottersbach (DR)
Jan Hendrik Stens / © Nicolas Ottersbach ( DR )

Das besteht im Wesentlichen aus drei Elementen: Einmal erhebt der Staat von allen Kirchenmitglieder Steuern, die an die Kirchen abgeführt werden. Dann gibt es die Staatsleistungen als direkte Zuwendung des Staates an die Kirchen. Und schließlich gibt es als drittes Element Subventionen, mit denen kirchliche Einrichtungen und Institutionen finanziell unterstützt werden. Das gilt für alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzen. Das sind neben den katholischen Bistümern und evangelischen Landeskirchen zur Zeit auch die altkatholische Kirche und andere christliche Kirchen sowie die Israelitischen Kultusgemeinden und die Zeugen Jehovas.

DOMRADIO.DE: Wird in Italien nicht auch automatisch Geld vom Gehaltszettel abgezogen, nur dass der Zahlende sich aussuchen kann, welche Organisation seine Spende bekommt? 

Stens: In Italien gilt ähnlich wie in Spanien und in Ungarn statt der Kirchen- eine Mandatssteuer. Das heißt, es gibt eine Steuer, die von jedem Steuerzahler zu entrichten ist und der man sich auch nicht durch Austritt oder ähnlichem entziehen kann. Aber man kann jedes Jahr selbst entscheiden, welcher Kirche, Religionsgemeinschaft oder anderen Institution, die dem Allgemeinwohl dient, dieser Steuerbetrag zugeführt wird. In Italien nennt man den Beitrag auch "otto per mille", weil es acht Promille, also 0,8 Prozent bezogen auf die Bruttoeinkommensteuer sind.

DOMRADIO.DE: Wir finanzieren sich denn die Kirchen dann im Rest der Welt? Durch Spenden?

Stens: Es ist da sehr unterschiedlich. In Europa gibt es sehr viele und unterschiedlich organisierte Systeme, die auch davon abhängen, wie mit Finanzen in den jeweiligen Ländern umgegangen wird und welchen Status dort jeweils Religionsgemeinschaften haben. Außerhalb Europas finanzieren sich die Kirchen im Wesentlichen durch Spenden, in den ärmeren Ländern aber auch durch Zuwendungen von Hilfswerken, zum Beispiel aus Deutschland. Für kirchliche Amtshandlungen wie Taufen, Trauungen etc. werden dort aber verstärkt Gebühren erhoben, weil dadurch viele Priester auch ihren Lebensunterhalt bestreiten.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es in den USA aus? 

Jan Hendrik Stens

In den USA gibt es großen Unmut über den Umgang mit dem Missbrauchsskandal in der Kirche.

 

Stens: In den USA finanziert sich die Kirche zur Hälfte aus Spenden. Mit großen Fundraising-Kampagnen werden Sponsoren angesprochen. Weil die Kirche dort insgesamt ein großes Vermögen hat, erwirtschaftet sie auch daraus viele Erträge. Man merkt aber gerade auch dort nicht anhand von Kirchenaustritten, sondern vor allem durch den Rückgang von Spendengeldern, dass es viel Unmut über das Verhalten der Kirche im Missbrauchsskandal gibt.

DOMRADIO.DE: Wenn "unsere Kirche" immer und automatisch Geld bekommt – dann müssen wir ja im Vergleich zum Rest der Welt sehr reich sein...?

Stens: Das ist die Kirche in Deutschland ja auch, gerade was den Bereich Struktur und Verwaltung angeht. Es gibt kein Land in dieser Welt, in dem Bistümer und andere kirchliche Einrichtungen so viele Mitarbeiter haben, die hauptamtlich angestellt sind. Auch das sehr stark ausgebaute Verbandswesen und die vielen Hilfswerke sind weltweit einmalig. Es gibt aber auch Kritik, dass die Kirche in Deutschland dadurch Gefahr läuft, zu einer Verwaltungs- und Beamtenkirche zu werden oder dies bereits geworden ist, wo die Evangelisierung vom Bürosessel aus stattfindet und kaum noch Dynamik und Lebendigkeit entwickelt. Kardinal Kasper sagte einmal im DOMRADIO.DE-Interview, Deutschland sei nicht "der allerlebendigste Teil der Weltkirche". – Lebendigkeit liegt aber doch auch im Ehrenamt, weil da jeder aus freien Stücken das tut, wofür er wirklich brennt.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Quelle:
DR