Weihbischof Pottackal schildert seinen Weg zwischen zwei Kirchenwelten

"Kultur lässt sich nicht einfach überstülpen"

Joshy Pottackal ist der erste Bischof in Deutschland mit nicht-europäischen Wurzeln. Der gebürtige Inder sieht in seiner Weihe ein wichtiges Signal und erklärt, was Deutsche von den Menschen in seiner Heimat lernen können.

Eindrücke der Feier der Bischofsweihe von Pater Joshy Pottackal O.Carm. am vierten Fastensonntag, dem 15. März 2026, im Mainzer Dom mit Bischof Peter Kohlgraf. / © Nicolas Ottersbach (DR)
Eindrücke der Feier der Bischofsweihe von Pater Joshy Pottackal O.Carm. am vierten Fastensonntag, dem 15. März 2026, im Mainzer Dom mit Bischof Peter Kohlgraf. / © Nicolas Ottersbach ( DR )

Himmelklar: Sie leben seit 22 Jahren in Deutschland. Worüber haben Sie sich am Anfang gewundert? Was fanden Sie vielleicht auch komisch?

Pater Joshy George Pottackal OCarm (Weihbischof im Bistum Mainz): Komisch kann ich nicht sagen, aber es war schon sehr anders. Das habe ich zum Beispiel gemerkt, als ich anfangs als Schulseelsorger eingesetzt war. In Indien sind wir Frontalunterricht gewohnt. Der Lehrer erzählt und die Schüler haben zu folgen. Ungefähr so funktioniert das Schulsystem. 

Hier läuft es ganz anders. Die Schüler sind selbstbewusster, vieles passiert im Dialog und die Lehrer dürfen ihre Macht auch nicht in dem Sinn ausüben, dass sie Gewalt anwenden. 

Eindrücke der Feier der Bischofsweihe von Pater Joshy Pottackal O.Carm. am vierten Fastensonntag, dem 15. März 2026, im Mainzer Dom mit Bischof Peter Kohlgraf. / © Nicolas Ottersbach (DR)
Eindrücke der Feier der Bischofsweihe von Pater Joshy Pottackal O.Carm. am vierten Fastensonntag, dem 15. März 2026, im Mainzer Dom mit Bischof Peter Kohlgraf. / © Nicolas Ottersbach ( DR )

Ein anderes Beispiel ist die Arbeit in der Pfarrei. Die ist hier synodal organisiert. Die Ehrenamtlichen, aber auch die Räte, können mitreden und auch viel gestalten. In Indien machen sie zwar auch viel, aber eher in dem Sinne, dass sie bei einem Pfarrfest helfen. Aber hier gibt es zum Beispiel auch Liturgiegruppen, die mitreden dürfen. Die Ehrenamtlichen, die Gläubigen, reden auch bei spirituellen Fragen und bei pastoralen Aufgaben mit. Das war für mich am Anfang eine völlig neue Welt, das musste ich erst einmal kennenlernen und selbst erleben.

Himmelklar: Was hat Ihnen dabei geholfen, diese neue Kultur und auch diese religiöse Kultur kennenzulernen?

Pottackal: Ich habe viel Unterstützung bekommen. Wir hatten eine ungefähr sechs Jahre lange Ausbildungszeit im Bistum Mainz. Außerdem war ich nicht allein, ich konnte mich mit den Mitbrüdern austauschen. Es war mein Glück, dass ich in Mainz im Kloster war und meine Erlebnisse mit den Anderen besprechen konnte. Diese Gespräche haben mich einigermaßen auf den Alltag in Deutschland vorbereitet. 

Dazu muss man eine gewisse Offenheit mitbringen und die Gegenseitigkeit respektieren. Wenn man die Sprache lernt, viel miteinander redet und offen ist, dann funktioniert es. Außerdem muss man das Verständnis haben, dass alle Christen getauft sind und eine Verantwortung haben, den Glauben gemeinsam zu leben.

Joshy Pottackal

"Deutschland ist zwar längst ein Einwanderungsland, trotzdem ist vieles noch immer nicht selbstverständlich."

Himmelklar: Mittlerweile kennen Sie Deutschland gut, können die Unterschiede besser einschätzen. Haben Sie trotzdem manchmal noch ein Gefühl von Fremdheit?

Pottackal: Deutschland ist zwar längst ein Einwanderungsland, trotzdem ist vieles noch immer nicht selbstverständlich. Das merkt man immer wieder und vieles kann noch besser werden. Andererseits habe ich mich nie fremd gefühlt, wenn ich im Bistum Mainz unterwegs war, bei meiner Arbeit nicht, in der Pfarrei nicht und auch in der Gesellschaft nicht.

Joshy Pottackal

"Wenn ich zivil unterwegs bin, ist es anders, als wenn ich klar als Priester oder Ordensmann erkennbar bin."

Himmelklar: Deutschland ist ein Land mit einer schweren Vergangenheit, was den Umgang mit Anderen oder vermeintlich Anderen angeht. Haben Sie Erfahrungen mit Diskriminierung oder Rassismus machen müssen?

Pottackal: Wenn ich zivil unterwegs bin, ist es anders, als wenn ich klar als Priester oder Ordensmann erkennbar bin. 2004 bin ich nicht allein nach Deutschland gekommen, sondern wir waren zu dritt, und die Leute haben uns oft für indische Studenten gehalten, für Informatiker oder so etwas in der Richtung. Wir sind damals zum Beispiel öfter gefragt worden, ob wir denn Rindfleisch essen dürfen. 

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Das hat sich nach 2015/2016 geändert. Wenn wir jetzt als Gruppe junger Männer unterwegs waren, haben uns die Leute eher als Flüchtlinge wahrgenommen und gefragt, ob wir Schweinefleisch essen dürfen. Es gab 2015/16 in dieser Hinsicht einen Kulturwandel, das habe auch ich erfahren. Viele haben anders auf uns geschaut. 

Ich will nicht sagen, dass es generell so war, aber wir haben mit der Zeit doch klar einen Unterschied gespürt. Das finde ich ein bisschen traurig, weil ich in meinem Leben zu 99,9 Prozent Gutes erlebt habe. Auf einmal ist da dieses kleine Bisschen anders. Ich möchte das nicht übertreiben, aber das gibt es, und es ist in den letzten zehn Jahren ein bisschen stärker geworden, das muss ich schon sagen.

Zum Beispiel gab es die Silvesternacht in Köln. Wenn wir danach unter viele Menschen gekommen sind, haben wir schon gemerkt, dass wir kritisch beäugt wurden, dass die Leute ganz genau geguckt haben, wer wir sind.

Himmelklar: Umso wichtiger ist es, dass es jetzt mit Ihnen in der katholischen Kirche Deutschlands einen Bischof mit nicht-europäischem Migrationshintergrund gibt. Die Nachricht von Ihrer Ernennung ist natürlich auch in Ihrem Herkunftsland Indien angekommen. Mit welchem Effekt?

Ein Kanu im Hinterwasser von Kerala, Indien / © Shutterbugtrails (shutterstock)
Ein Kanu im Hinterwasser von Kerala, Indien / © Shutterbugtrails ( shutterstock )

Pottackal: Das war eine große Freude! Ich kann zwar nicht von ganz Indien mit seinen 1,4 Milliarden Menschen sprechen. Aber in Kerala haben sehr viele Leute mein Bild in ihrem WhatsApp-Status gepostet. Das ist der Bundesstaat aus dem ich komme. Das war etwas ganz Besonderes, die Leute haben sich einfach gefreut und waren stolz. 

Auch viele Inderinnen und Inder, die in Deutschland leben, haben sich gefreut: all die Studenten, Krankenpfleger und Krankenschwestern. Meine Ernennung und Weihe haben deutlich gezeigt, dass man in Deutschland auch mit Migrationshintergrund etwas werden kann. Das war sehr positiv.

Himmelklar: Dass Sie jetzt Weihbischof sind, dass Sie künftig aktiv an der Bischofskonferenz teilnehmen, macht die katholische Kirche in Deutschland zumindest ein wenig diverser. Wie wichtig finden Sie das?

Pottackal: Ich habe noch keine Erfahrung mit der Deutschen Bischofskonferenz. Bei der Frühjahrskonferenz war ich noch nicht geweiht und konnte deshalb nicht teilnehmen. Wenn ich im kommenden September dabei sein werde, muss ich erst einmal kennenlernen, wie die Situation oder wie die Diskussionen dort sind.

Joshy Pottackal

"Vielleicht würde es uns in Deutschland guttun, ein bisschen flexibler zu sein und nicht immer nach Protokoll zu gehen." 

Himmelklar: Zum Prinzip Weltkirche gehört, dass man voneinander lernt. Was kann die katholische Kirche in Deutschland von der katholischen Kirche in Indien lernen?

Pottackal: Diese Frage habe ich öfter gehört und so habe ich überlegt, was die katholische Kirche in Deutschland denn lernen könnte. Tatsächlich sind beide Kulturen sehr unterschiedlich und wir können nicht einfach etwas von dort hier hereinpacken, weil jeweils eine andere Mentalität des Christentums entwickelt und gelebt wird. Kultur und Mentalität lassen sich nicht einfach so überstülpen.

Aber vielleicht könnten wir uns doch etwas abgucken von der Flexibilität, die in Indien so viel größer ist. Um zum Beispiel ein Pfarrfest auf die Beine zu stellen, brauchen wir in Deutschland mindestens fünf Sitzungen. In Indien schaffen sie das mit deutlich weniger Vorbereitung. Vorbereiten ist nicht schlecht und wir Deutschen brauchen das auch. Aber in Indien können sie einfach flexibler agieren. Vielleicht würde es uns in Deutschland guttun, ein bisschen flexibler zu sein und nicht immer nach Protokoll zu gehen. Ein bisschen mehr Leichtigkeit.

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Kirche? Was hat die mir im 21. Jahrhundert überhaupt noch zu sagen? Viel. Schönes wie Schlechtes, Relevantes wie Banales, Lustiges und Wichtiges. Wir stellen euch jede Woche Menschen vor, die heute Kirche bewegen. Bischöfe, Politiker, Promis und Laien – Wir reden mit den Menschen aus Kirche und Gesellschaft, über die die katholische Welt spricht und fragen sie: Was bringt euch Hoffnung?

Himmelklar (DR)
Himmelklar / ( DR )
Quelle:
DR

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