Was verändern Hören und Sprechen im Heiligen Geist?

"Es entsteht eine andere Form von Gemeinschaftlichkeit"

Bei der Weltsynode hat Papst Franziskus eine Gesprächsform auf Augenhöhe etabliert, um zu einmütigen Lösungen zu finden. Diese Methode macht nun auch im Erzbistum Köln Schule. Einer, der sich darin auskennt, ist Markus Roentgen.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Zuhören ist eine Haltung / © Beatrice Tomasetti (DR)
Zuhören ist eine Haltung / © Beatrice Tomasetti ( DR )

DOMRADIO.DE: Zuhören, aufmerksam aufeinander hören – das scheint das neue Zauberwort. Auch in der Pastoral. Dabei müsste das doch eigentlich eine Binsenweisheit sein, dass eine gelingende Kommunikation mit dem Zuhören beginnt. Wie kommt es, dass wir offensichtlich zunehmend verlernt haben, zunächst dem anderen zuzuhören und erst dann selbst zu reden? 

Markus Roentgen führt in Gemeinden geistliche Prozesse durch / © Beatrice Tomasetti (DR)
Markus Roentgen führt in Gemeinden geistliche Prozesse durch / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Markus Roentgen (Referent für Spiritualität und Exerzitien): Wir haben eine Diskurs-Kultur entwickelt, die darauf abzielt, dass sich der Einzelne um jeden Preis durchsetzen will und dabei wenig auf den anderen hört. Dafür müssen wir nur das Fernsehen anmachen oder in die sozialen Medien schauen. Während dieses neue "Hören im Heiligen Geist" genau das Gegenteil davon ist: nämlich dem anderen zunächst mit großem Respekt begegnen und zutiefst daran glauben, dass die heilige Geisteskraft Gottes in jeder und jedem wirkt und man von jeder und jedem etwas lernen kann. 

DOMRADIO.DE: Woher kommt das? 

Roentgen: Diese Methode des Hörens haben zum ersten Mal die Jesuiten bei der Gründung ihres Ordens 1539 praktiziert. Damals, Mitte des 16. Jahrhunderts, ging es für sie um die Frage: eher gehorchen oder befehlen? Ignatius von Loyola und seine Gefährten haben sich für eine Beantwortung viel Zeit genommen und dann die Praxis entwickelt, hörend im Beten, in der Gottesdienstfeier, in der Stille und persönlichen Betrachtung, danach in kleinen Gruppen und schließlich in der großen Runde mit allen zusammen so zu sprechen, dass der Einzelne nicht davon ausgehen durfte, das Eigene unbedingt durchsetzen zu können, sondern es lediglich dazuzugeben. Ganz nach der Weisung: Jeder hat etwas zu sagen, und alle werden gehört, um dann in einer großen Einmütigkeit zu einem wirklichen Miteinander zu kommen und so eine Entscheidungsfindung anzustreben. Wichtig bei diesem Hören und Sprechen im Heiligen Geist ist, dass es immer um ein wirklich relevantes Thema – wie jetzt beim Synodalen Weg – gehen sollte. 

Markus Roentgen

"Am Ende soll geschaut werden, wo gibt es die größere Einmütigkeit, wo geht es mehr in eine gemeinsame Richtung." 

DOMRADIO.DE: Mit der geistlichen Vision für die Kirche von Köln verbindet Kardinal Woelki die Einladung, sich dem eigenen Christsein in einem geistlichen Prozess anzunähern, bei dem diese Art zu sprechen, das "Gespräch im Heiligen Geist", zum Tragen kommt, um – wie er sagt – "das Gemeinsame zu entdecken und die Führung des Heiligen Geistes wahrzunehmen". Ganz praktisch gefragt: Wie "funktioniert" denn ein solches Gespräch? 

Roentgen: Es braucht etwas Zeit, aber die Methode an sich ist eigentlich relativ schlicht. Zunächst stellt man sich jeden Tag unter das Wort Gottes, wählt bei der Schriftbetrachtung zum Beispiel ein Wort wie das aus Jeremia 4, 3: "Nehmt Neuland unter den Pflug und sät nicht in die Dornen", das gut zum Vorhaben eines Entwicklungsprozesses passt. Dann besinnt sich jeder zunächst ganz persönlich, hört nach innen, was sich da regt in dem Zutrauen, dass die Geisteskraft Gottes wirkt. Das heißt, ich nehme ernst, was bei mir da an Vorstellungen und Ideen ist. Ein Zweites: nicht vorab mit den anderen tuscheln und interne Absprachen treffen, sondern - wenn man sich in kleinen Gruppen trifft - teilt jeder das eigene Wahrgenommene mit, und es beginnt nicht sofort ein Austausch darüber, sondern nach jedem Beitrag gibt es eine Minute lang eine hörende Stille: Was hat der oder die mir da gerade gesagt? 

Einer in der Gruppe notiert die wichtigsten Aussagen / © Beatrice Tomasetti (DR)
Einer in der Gruppe notiert die wichtigsten Aussagen / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Und nach dieser hörenden Stille ist der nächste an der Reihe. Auch hier soll wieder nicht sofort eine Entgegnung mit "Ja, aber…" kommen, sondern ganz wichtig: Ich lasse mir etwas sagen. Am Ende dieser Gruppenzeit gibt es jemanden, der die wesentlichen Aussagen notiert. Dieselbe Methode wird dann in einem dritten Schritt im Plenum angewandt, auch wenn 30 oder 40 in der Runde sitzen. Am Ende soll geschaut werden, wo gibt es die größere Einmütigkeit, wo geht es mehr in eine gemeinsame Richtung. Darüber hinaus ist wichtig, das jeden Tag in einem Gottesdienst zu feiern und dem Vorrang Gottes Raum zu geben. 

DOMRADIO.DE: Der Heilige Geist ist bekanntlich etwas, was sich nicht greifen lässt. Was unterscheidet denn ein "Gespräch im Heiligen Geist" von einem üblichen Austausch, einer normalen Diskussion? 

Roentgen: Im ersten Johannesbrief heißt es, "dass wir Anteil haben an Gottes Geist". Die Grundvoraussetzung ist also, dass ich wirklich daran glaube, dass auch der andere göttliche Geisteskraft hat – was wir im Alltag oft so nicht erleben, wenn wir den anderen nicht ernst nehmen oder man so spricht, als warte man nur auf seinen Widerspruch. Also diese Vorgabe, ihn lieben, gibt dieser Dimension, dass jeder dieselbe göttliche Geisteskraft besitzt, Ausdruck. Und niemand in einer solchen Gruppe hat einen Vorrang durch Amt oder Würden, sondern alle sind gleichberechtigt. Was es vorab zu klären gilt. Wenn sich jemand vorbehält – der Pfarrer oder auch der Kardinal – dazwischenzugehen, sobald ihm etwas nicht passt, dann würde ich sagen: Dann lassen wir es besser. Dann sollten wir schauen, wer dann je nach Amtsmacht und Leitung sagen kann, hier kürze ich den Prozess ab und entscheide.

Tabea Wiemer vom Fachbereich Evangelisierung erklärt die Methodik des geistlichen Hörens und Sprechens – hier in Euskirchen / © Beatrice Tomasetti (DR)
Tabea Wiemer vom Fachbereich Evangelisierung erklärt die Methodik des geistlichen Hörens und Sprechens – hier in Euskirchen / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Wenn aber jedem Menschen diese Dimension der göttlichen Gegenwart zugesprochen wird, kann im Hören und Sprechen so etwas wie eine größere Behutsamkeit auf den anderen hin entstehen. Also, ich lasse mir auch etwas sagen und höre mit Demut zu, wenn jemand etwas sagt, was ich zunächst einmal fremd finde, was ich ganz anders sehe oder mich provoziert. Diese Form der Kommunikation erzeugt auf jeden Fall eine andere Form von Gemeinschaftlichkeit. Und das Dritte ist – wie gesagt – nicht primär auf Dissens aus zu sein oder auf Mehrheiten, die man gewinnt, sondern dass diese Dimension des "Ut unum sint" – des "Eins Seins", wie es bei Johannes heißt – mit aller Kraft und Bereitschaft angestrebt wird, so dass wir in eine gemeinsame Richtung kommen, die eben nicht von autoritärem Befehlen geprägt ist, sondern von dieser Dimension, meinem Gegenüber genauso göttliche Geisteskraft zuzusprechen, wie ich sie für mich in Anspruch nehme. 

Markus Roentgen

"Ich betrachte mich in diesem Prozess nicht als privilegiert, sondern in dieser Liebesbewegung des Hörens und Sprechens im Geist bin ich grundsätzlich konstruktiv, nie destruktiv." 

DOMRADIO.DE: In seinem diesjährigen Fastenhirtenbrief sagt Kardinal Woelki über geistliche Sitzungsleitung: "Wir haben eigentlich nur wenig verändert, und doch hat sich dadurch alles verändert. Dafür brauchte es keinen Masterplan. Dafür brauchte es unseren Entschluss, es zu versuchen; unsere Offenheit, uns darauf einzulassen, und die Bereitschaft, diese neue Form miteinander einzuüben." Hört sich einfach an. Ist es das auch? 

Kardinal Woelki als Zuhörender in einer Kleingruppe / © Beatrice Tomasetti (DR)
Kardinal Woelki als Zuhörender in einer Kleingruppe / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Roentgen: Ja, ist es dann, wenn in der Tat alle bereit sind, sich in diese Struktur hineinzubegeben. Jeder nennt seine Argumente, aber im Hören auf den anderen geschieht etwas, was der große Hermeneutiker Hans Georg Gadamer ja für die Philosophie und für die Lehre vom Verstehen gesagt hat: nämlich, der andere könnte ja vielleicht recht haben. Klingt erstmal seltsam, aber wenn ich mit so einer Haltung da hineingehe, dann habe ich ja die Offenheit, mir etwas sagen zu lassen. Das hat der Kardinal damit gemeint. Also, ich betrachte mich in diesem Prozess nicht als privilegiert, sondern in dieser Liebesbewegung des Hörens und Sprechens im Geist bin ich grundsätzlich konstruktiv, nie destruktiv. Ich bin daran interessiert, dass die Kirche wächst, dass es eine gute Entwicklung gibt und dass ich mir von jeder und jedem etwas sagen lassen kann. Und das wird geübt. 

DOMRADIO.DE: Diese "Methode", wenn man das so nennen kann, wurde erstmals bei der von Papst Franziskus initiierten Weltsynode in Rom angewandt. Wichtige konkrete Schritte haben Sie schon genannt. Was aber ist dabei der Dreh- und Angelpunkt? 

Roentgen: Schweigen, Stille, Gebet, Zuhören – das sind die Kerndaten. Und das ist kein Luxus, sondern "verändert alles", wie es der Kardinal formuliert hat. Dieses Setzen darauf, dass man im betenden Hören still wird – in der Einzelbetrachtung, der kleinen Gruppe und im Plenum – hat immer einen Moment des Zögerlichen und Horchens, indem man geläufige Diskurse unterbricht. Auf diese grundlegenden Elemente muss ein geistlicher Begleiter unbedingt achten, denn sie haben eine zentrale Bedeutung; Zeitdruck ist dem abträglich. Dann geht es ganz schnell wieder in eine andere Richtung und driftet ins Diskursive ab. Nur unter Beachtung der einzelnen Schritte kann sichergestellt werden, dass alle Stimmen gehört werden und dieser Prozess anders verläuft als ein "normales" Gespräch. Dann kommt es auch nicht dazu, dass Minderheitenvoten ignoriert werden. Ganz wesentlich: Ich gebe der Gegenwart Gottes immer Vorrang. 

Markus Roentgen

"Taktisches Vorgehen allein reicht also nicht; da kann man jeden Prozess von vornherein knicken." 

DOMRADIO.DE: Nicht in allen Gemeinden laufen die Entwicklungsschritte hin zur großen pastoralen Einheit geräuschlos ab. Viele Menschen schmerzen diese tiefgreifenden strukturellen Veränderungen. Was verändert sich in einer Gruppe durch diese Form des Gesprächs? Kann es Konflikte besser lösen als klassische Debatten? 

Roentgen: Auf jeden Fall. Voraussetzung ist allerdings, dass alle Beteiligten bereit sind, dem jeweils anderen mit lauterem Herzen zu begegnen, ihn als menschliches Du zu achten, von dem ich etwas lernen kann und – wie gesagt – ihm zuzugestehen, selbst wenn ich mit ihm im Dissens bin, dass auch in ihm die Geisteskraft Gottes am Werk ist. Das spreche ich niemandem kategorisch ab. Taktisches Vorgehen allein reicht also nicht; da kann man jeden Prozess von vornherein knicken. Es braucht dieses wirklich tiefe Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes. Ist das aber da, geschieht oft Überraschendes und man kommt von diesen eingefahrenen Argumenten weg. Und wenn das alle Seiten beherzigen, entsteht oft so etwas wie ein neuer Grundrespekt und leises Vertrauen: Wir sind tatsächlich in einem gemeinsamen Boot, das nicht wir selber steuern. 

DOMRADIO.DE: Haben Sie schon erlebt, dass sich Einstellungen dadurch verändert haben? 

Roentgen: Ja, ich bin aktuell mit einem Pastoralteam in einem Prozess, bei dem ich nach dem dritten Treffen fast eine Art Lust feststelle, aufeinander zu hören und sich nicht nur geschäftsmäßig, sondern auch seelsorglich und pastoral gemeinsam auf den Weg zu machen. Das finde ich schon sehr beeindruckend. 

Papst Franziskus hat „Hören im Heiligen Geist“ zu Beginn der Weltsynode als Gesprächsformat etabliert / © Beatrice Tomasetti (DR)
Papst Franziskus hat „Hören im Heiligen Geist“ zu Beginn der Weltsynode als Gesprächsformat etabliert / © Beatrice Tomasetti ( DR )

DOMRADIO.DE: Was aber, wenn es unterschiedliche Interpretationen des "Geisteswirkens" gibt? Besteht nicht die Gefahr, dass persönliche Meinungen als "göttlich inspiriert" dargestellt werden? Schließlich geht es um die gemeinsame Suche nach der Führung Gottes, nach seinem Weg für uns, für seine Kirche… 

Roentgen: Zu Recht sprechen Sie damit die Gefahr an, den eigenen Vogel für den Heiligen Geist zu halten. Möglich. Diese Methode aber ist ja eine Übung der Demut, des Respektes, auch der Behutsamkeit. Im Vordergrund steht: Was sagen die anderen, und was tue ich zu dem Gehörten dazu? Ich glaube, dass die Gruppe die Kraft hat, das je Mehr des Wirkens der Geisteskraft Gottes zu vernehmen. Und Ignatius von Loyola, der Papst Franziskus ja zu diesem Hören und Sprechen im Heiligen Geist inspiriert hat, hat dafür ganz klare Kriterien aufgestellt: nämlich auf der Grundlage von Einmütigkeit mehr Lebendigkeit, mehr Freiheit und mehr Entwicklung – statt mehr Angst, Enge, Stagnation und Starre. Eine größere Gewissheit gibt es doch nicht. 

Markus Roentgen

"Das wäre sogar (…) eine riesige Chance, die großen Fragen unserer Zeit neu, nämlich herrschaftsfrei, anzugehen." 

DOMRADIO.DE: Sie schildern positive Erfahrungen. Kann dieses Modell denn dann nicht auch außerhalb der Kirche angewendet werden, zum Beispiel in der Politik oder in großen Wirtschaftsunternehmen? Was könnte die Gesellschaft insgesamt von dieser Gesprächsform lernen? 

Roentgen: Natürlich taugt dieses Modell auch ganz wunderbar für den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Diskurs. Das wäre sogar – gerade öffentlich und medial – eine riesige Chance, die großen Fragen unserer Zeit neu, nämlich herrschaftsfrei, anzugehen: mit großem Respekt vor der Andersartigkeit des anderen, dass jeder dem anderen – um es fromm zu sagen – wirklich als Du begegnet und sich von diesem Du auch etwas sagen lässt im Hören auf das tragfähige Argument, wie es der gerade verstorbene Philosoph Jürgen Habermas in die Mitte seines Denkens der Theorie des kommunikativen Handelns gestellt hat. Dann vollzieht sich nicht nur eine humane Form der Begegnung, sondern eine, die durch die vorrangige göttliche Gegenwart geprägt ist.

Zuhören schafft eine neue Gemeinschaftlichkeit
Zuhören schafft eine neue Gemeinschaftlichkeit

Wenn in öffentlichen Diskursen zum Beispiel bei dem großen Thema Ökologie dieser Modus eingeführt würde, dass ich zunächst einmal in mich selbst höre, dann auf das, was andere sagen, und mich dem öffne, es womöglich für mich wiederhole, hätten wir – glaube ich – eine ganz andere Gesprächskultur. Wenn es einen wahrhaftigen Geist gibt, dem anderen zunächst einmal zuzuhören, selbst wenn man gegensätzlicher Auffassung ist, könnte uns das aus dieser öden Monotonie befreien, schon vorab zu mutmaßen, was der andere gleich vorbringen und wie mit Worten gegenseitig aufeinander eingedroschen wird. Diese diskrete Scham, aber auch diese diskrete Bereitschaft zu haben, ich bin mit meiner Meinung zwar wichtig, aber trotzdem nicht derjenige, der seine Überzeugung unbedingt durchboxen muss, sondern des anderen im Hören zutiefst bedürftig, wäre dann in der Tat etwas, was wir als das Wirken des Geistes Gottes erleben würden. 

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

Quelle:
DR

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