Experte erklärt Maßnahmen der Kirchen zum Coronavirus

Was ist aus liturgischer Sicht alles möglich?

Leere Weihwasserbecken, ausgefallene Gottesdienste - die katholische Kirche reagiert auf die Ausbreitung des Coronavirus. Nun hat auch das Erzbistum Köln Empfehlungen herausgegeben. Was sagt ein Liturgie-Experte zu den Maßnahmen?

Mann in einer Kirchenbank / © Stokkete (shutterstock)

DOMRADIO.DE: In Nordrhein-Westfalen gibt es vor allem im Raum Heinsberg Quarantänemaßnahmen gegen das Coronavirus. Wie hält man jetzt als katholische Kirche die Balance zwischen Panikvermeidung und notwendigen Maßnahmen?

Prof. Dr. Alexander Saberschinsky (Liturgie-Referent des Erzbistums Köln): Das ist genau die Frage, die wir uns seitens des Erzbistums gestern gestellt haben, als wir überlegt haben, ob wir uns dazu äußern. Wenn man nämlich mit Fachleuten spricht, Hygienefachkräften und auch mit dem Gesundheitsamt, dann melden die zurück, dass die Medien eigentlich nicht die wirkliche Gefährdungslage widerspiegeln. Sie haben uns nahegelegt, dieser Panik nicht weiter noch Vorschub zu leisten.

Warum haben wir uns trotzdem geäußert? Zum einen ist die Situation ernst. Das sagen die Gesundheitsämter, auch wenn kein Grund zur Panik besteht. Und zum anderen haben sich viele Gläubige mit Fragen an uns gewandt, was denn nun sei. Und diese Sorgen haben wir ernst genommen. Jetzt machen wir keine Vorschriften, aber dringende Empfehlungen, wie zu verfahren sei. Und der Dom hat davon schon einige Maßnahmen aufgegriffen.

DOMRADIO.DE: Für viele Gläubige ist es eine gute Tradition, sich beim Betreten einer Kirche zu bekreuzigen. Das entfällt zumindest in einigen Kirchen wie dem Kölner Dom, weil die Weihwasserbecken jetzt leer sind. Wie kann man dennoch bewusst einen kirchlichen Raum betreten?

Saberschinsky: Dieser schöne Brauch - es ist ja kein fester, unverzichtbarer Bestandteil des Gottesdienstes -, sich am Eingang mit Weihwasser zu bekreuzigen, ist im Grunde genommen eine Erinnerung an die Taufe. Als Getaufte kommen wir zum Gottesdienst zusammen, durch die Taufe sind wir mit Christus verbunden - das soll das zum Ausdruck bringen.

Aber dieser Gedanke, dass ich mich an meine Taufe erinnere, wird ja nicht erst durch das Bekreuzigen mit Weihwasser hergestellt. Daran können wir uns auch so erinnern. Wenn ich also den Kirchenraum betrete und innehalte, bevor ich in die Bank gehe, eine Kniebeuge Richtung Tabernakel oder eine Verneigung zum Altar hin mache, dann richte ich mich auf Christus aus und bin mit ihm verbunden. Ich denke, das ist dann eine gute Alternative.

DOMRADIO.DE: Wenn Friedensgruß per Handschlag und Mundkommunion wegfallen, kann man dennoch gültig die Messe mitfeiern?

Saberschinsky: Ja, sicher, das sind ja Ausgestaltungselemente. Zu dem Friedensgruß erreichen uns regelmäßig Anfragen, wenn Grippewellen durch das Land gehen, aber auch generell von Gläubigen, die große hygienische Bedenken haben. Aber der Friedensgruß entfällt ja nicht. Der Friedensgruß ist das Gesprochene, der gesprochene Text mit der Antwort der Gläubigen, und das wird nach wie vor vollzogen.

Das Händereichen ist das Friedenszeichen, das diesen Friedensgruß nochmal unterstreichen soll, aber das ist überhaupt nicht festgelegt. Bei uns hat sich einfach das Händeschütteln etabliert. Aber wenn wir in einer besonderen Situation sind, wie jetzt mit dem Coronavirus, dann kann man dieses Zeichen ohne weiteres variieren. Ein freundliches Nicken, ein Anlächeln hat die gleiche Funktion. Und jeder weiß, warum gerade im Augenblick das Händeschütteln unterbleiben sollte.

DOMRADIO.DE: Wenn sich die Lage verschlimmern sollte, wäre es auch denkbar, dass der Kommunionempfang in der Messe ganz entfallen könnte.

Saberschinsky: Da müsste es schon ganz schlimm kommen. Es sind solche Situationen im Einzelfall denkbar, dass jemand sagt: "Ich möchte die Messe mitfeiern, aber ich habe eine Vorerkrankung", oder: "Ich bin gesundheitlich nicht stabil und ich möchte mich einfach diesem Risiko nicht aussetzen." Dann gibt es immer noch die alte Tradition der sogenannten geistlichen Kommunion. Das ist keine spezielle Einrichtung, die wir uns angesichts des Coronavirus ausgedacht haben.

Es gab schon immer die Möglichkeit, wenn jemand aus objektiven oder subjektiven Gründen nicht kommunizieren, also den Leib des Herrn in Gestalt des Brotes empfangen kann, sich im Gebet mit Christus intensiv zu verbinden. Und das nennen wir dann halt eine geistliche Kommunion. Die Möglichkeit besteht natürlich auch heute.

DOMRADIO.DE: Wenn jemand krank ist oder Sorge hat vor Menschenansammlungen und dann nicht der Sonntagspflicht nachkommt, indem er in die Kirche geht, reicht es auch, wenn man die Übertragungen im Radio anhört oder online anschaut?

Saberschinsky: Da muss jeder bei sich selber nachschauen und in sich gehen. Ich formuliere das so, weil Sie nach der Sorge fragen. Da muss jeder selber gucken, ist das jetzt eine übertriebene Sorge - wir haben von Panikmache gesprochen - oder ist es eine wirklich begründete Sorge? Wenn ich aus ernstzunehmenden Gründen an der Sonntagsmesse nicht teilnehmen kann, dann kann ich natürlich auch die Sonntagspflicht in dieser Weise nicht erfüllen.

Dann gibt es Alternativen. Zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, über eine Gottesdienstübertragung mitzufeiern. Wir sprechen da von intentionaler Mitfeier - ich bin nicht vor Ort, aber meine Intention ist es, mich auch über die Distanz hinweg mit dieser Feiergemeinde zu vereinen und hier mitzufeiern. Da kann ich natürlich auch nicht konkret zur Kommunion gehen. Aber diese Möglichkeit bieten wir ja ohnehin schon seit vielen Jahrzehnten den kranken und alten Menschen an, die nicht mehr mobil sind. Die kann ich natürlich auch in Anspruch nehmen, wenn ich eine begründete Sorge habe, nicht zu dieser Eucharistiefeier hinzukommen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Quelle:
DR
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