Eine scheinbar einfache Frage, die Köln seit Generationen beschäftigt. Als der Dom im Jahr 1880 vollendet wurde, galt er als das höchste Bauwerk der Welt – mit stolzen 157,38 Metern. Ein Triumph der gotischen Baukunst, ein Symbol städtischen Stolzes. Doch der Ruhm währte nur kurz.
Denn auch in Ulm arbeitete man zur gleichen Zeit am dortigen Münster, dessen Turm seit Jahrhunderten unvollendet geblieben war.
Der Ehrgeiz der Ulmer erwachte – und sie legten nach. Als ihr Turm zehn Jahre später fertig wurde, überragte er den Dom um knapp vier Meter. 161,53 Meter – bis vor kurzem galt der Turm des Ulmer Münsters als höchster Kirchturm der Welt.
Den Ulmern sei’s gegönnt, sagen die Kölner – "die haben ja auch nur einen". Und auch die Ulmer scheinen es gelassen genommen zu haben, als im Oktober die Sagrada Família in Barcelona über das Ulmer Münster hinausgewachsen ist.
Im 20. Jahrhundert kam dann eine neue Diskussion auf: Ist der Nordturm wirklich höher als der Südturm? In Köln war das Volkswissen: Natürlich! Man sah es ja mit bloßem Auge. Mal war es der Nordturm, mal der Südliche – dass einer von beiden höher sei, darin war man sich sicher.
Mein verehrter Vorgänger Arnold Wolff, Dombaumeister bis 1998, widersprach dieser Theorie entschieden. So präzise, wie im 19. Jahrhundert gearbeitet worden sei, könne da kein Unterschied bestehen. Doch selbst Wolff gab zu, dass es sich bei den Messwerten nicht immer um exakte Wissenschaft handelte.
Im von ihm 1990 herausgegebenen "Kölner Dom Lese- und Bilderbuch" wurde der Nordturm mit 157,38 Metern, der Südturm mit 157,31 Metern angegeben – ein Unterschied von sieben Zentimetern. Sieben Zentimeter Stolz, könnte man sagen.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts griff man zu den modernsten Messmethoden. Das Ergebnis: Der Südturm ist tatsächlich vier Zentimeter höher – 157,22 Meter gegenüber 157,18 Metern. Ein kleiner Triumph für den Süden – und eine stille Enttäuschung für alle, die sich sicher waren, der Nordturm rage majestätischer in den Himmel.
Fragt man heute die künstliche Intelligenz – die bekanntlich alles weiß – liefert sie übrigens hartnäckig den alten Wert: beide Türme 157,38 Meter, gleich hoch.
Seien wir ehrlich: Die Zentimeter sind charmantes Beiwerk. Wichtiger ist, dass die beiden Türme, zusammen mit der Westfassade, zu den schönsten gotischen Bauwerken der Welt zählen. Sie prägen Kölns Silhouette, Tag und Nacht.
Ob der Nordturm ein wenig überragt oder der Südturm sich leise durchsetzt – das Auge sieht’s nicht. Entscheidend ist, dass beide gemeinsam für dieses Bauwerk stehen, das Köln groß macht: den Dom, das steinerne Herz der Stadt.
Auf ihn sollten wir einfach nur stolz sein.
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